Michael Greis gewann 2006 in Turin Olympia- Gold im Einzel, Massenstart und in der Staffel © getty

Olympiasieger Michael Greis spricht vor der WM über seinen Rücktritt, die Aussichten der Deutschen und Sachenbachers Ausbootung.

Von Katharina Blum

München - Er verschwand quasi über Nacht.

Nach nur einem Rennen beim Saisonauftakt in Östersund (Platz 67) hatte der dreimalige Olympiasieger Michael Greis Anfang Dezember seinen Rücktritt vom Leistungssport erklärt, weil ihm Kampfgeist und Biss abhanden gekommen waren.

"Ich wusste, dass ich auf der Zielgeraden meiner Karriere angekommen bin", erklärte er damals. Mit ins Ziel brachte Greis von Weltmeisterschaften jeweils dreimal Gold und Silber sowie sechs Bronze-Medaillen. In Nove Mesto (täglich im LIVE-TICKER) muss das deutsche Team nun ohne ihn auskommen. (DATENCENTER: Die WM-Ergebnisse)

Nur einmal griff der Gesamtweltcup-Sieger von 2007 dann noch zum Gewehr, beim Showspektakel auf Schalke, das eigentlich Magdalena Neuners Abschiedsrennen war.

Mit SPORT1 sprach Michael Greis über sein neues Leben als Ex-Sportler, über die WM in Nove Mesto und darüber, warum das deutsche Team dort sechs Medaillen verdient hätte.

SPORT1: Herr Greis, im Dezember haben Sie nur noch eine große Leere in sich gespürt. Wie fühlt sich nun das Leben als Ex-Leistungssportler an?

Michael Greis: Als ich beim Weltcup in Antholz gesehen habe, dass Björn Ferry, ein guter Typ, Olympiasieger 2010 in der Verfolgung, dort Elfter wird, habe ich mir gedacht: Sappalot, gut, dass du dir das nicht mehr antust. Ich wusste ganz genau, wie er sich in dem Moment gefühlt hat. Es ist einfach brutal eng geworden in der Weltspitze. Wenn der Weltcup im Fernsehen läuft, dann schaue ich ihn mir immer an und drücke natürlich den Deutschen die Daumen. Aber ich vermisse nichts.

SPORT1: Können Sie sich vorstellen, zum Biathlon zurückzukehren und irgendwann mal als Bundestrainer zu arbeiten?

Greis: Momentan gebe ich meine ganze Erfahrung meiner Freundin Alexandra weiter (lacht). Die ist immer sehr dankbar für jeden Tipp. Also im Ernst: Erst einmal möchte ich abseits des Sports eine neue Herausforderung haben, wie genau die ausschaut, kann ich noch nicht sagen. Mit meinem Studium (Internationales Management in Ansbach, Anm. d. Red.) ist mein Tag gut gefüllt. Momentan plane ich keine Trainerlaufbahn, aber sie ist nicht ausgeschlossen.

SPORT1: Gibt es wenigstens noch einen Freizeitsportler Michael Greis?

Greis: Wenn man in den vergangenen zehn Jahren 20 bis 30 Stunden pro Woche trainiert hat, kann man nicht von heute auf morgen Schluss machen. Und ich will ja nicht alles in ein paar Wochen wegschmeißen, was ich über die vergangenen Jahre mühsam aufgebaut habe. Aber ich brauche keine Wettkämpfe mehr, ich will Spaß und Freude haben. Bei Sauwetter bin ich lieber indoor unterwegs.

SPORT1: Mit wem haben Sie noch Kontakt?

Greis: Mit den meisten, es ist ja ein kleiner, familiärer Kreis der Biathleten. Natürlich nicht mehr so intensiv, die sollen bei der WM ihr Zeug machen. Entweder schicke ich eine SMS oder rufe den ein oder anderen an und wünsche alles Gute.

SPORT1: Und Magdalena Neuner? Tauschen Sie sich mit ihr über das Rentner-Dasein aus?

Greis: Bislang noch nicht, örtlich ist sie zu weit weg. Aber ich habe sie ganz kurz beim Biathlon auf Schalke gesehen, sie macht einen ganz positiven Eindruck. Sie ist medial präsent, da muss man sich keine Sorgen machen. Ich habe es halt kurz und schmerzlos gemacht, die Lena hat über eineinhalb Jahre aufgehört. Das muss jeder für sich entscheiden.

SPORT1: Was trauen Sie Ihren früheren Teamkollegen bei der WM zu?

Greis: Bei der WM drücke ich den Mädels die Daumen, dass die Miri Gössner gut durchkommt, dass die Andrea Henkel vielleicht was machen kann. Die Herren haben auch ein super Team. Ich hoffe einfach, dass sie das nötige Glück haben, weil das braucht man einfach auch, um eine Medaille zu gewinnen. Zwei Medaillen müssen schon das Soll sein, aber verdient hätten sie fünf oder sechs.

SPORT1: Evi Sachenbacher-Stehle, die sich als frühere Langläuferin zur Skijägerin umschulen ließ, gehört nicht zum deutschen WM-Aufgebot. Die richtige Entscheidung?

Greis: Evi ist nicht ganz so glücklich in die Weltcup-Saison gestartet, aber das war auch nicht zu erwarten. Sie macht sehr gute Fortschritte, hat sich sehr gut gemacht im Schießen. Aber läuferisch klappt es momentan nicht so gut, wahrscheinlich, weil sie zu viel wollte. Die WM ist sicherlich noch zu früh, aber Potenzial ist auf alle Fälle vorhanden.

SPORT1: Ole Einar-Björndalen, Ihr langjähriger Erzrivale, startet mit 39 bei der WM. Ist ein Comeback bei Ihnen ausgeschlossen?

Greis: Auf Hochklasseniveau werden die Rennen im Kopf entschieden. Und wenn du dir zu viele Gedanken machst, wie die Zukunft aussieht, dann funktioniert das nicht. Und nach der Verletzung in der Vorsaison gab es bei mir einfach diese Gedanken. Man muss bereits sein, alles dem Sport unterzuordnen. Das war ich auch, aber ich bin jetzt 36, irgendwann kommt einfach so ein Kipppunkt und dann kann man die Gedanken an die Zukunft nicht mehr verdrängen. Für mich war die Zeit einfach reif.

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