Michael Greis gehört wie zahlreiche deutsche Biathleten zum Team Erdinger Alkoholfrei © imago

Michael Greis geht mit neuer Motivation in den Winter. Bei SPORT1 spricht er über die schwierige Vorsaison und verbliebene Ziele.

Von Andreas Kloo

München - Michael Greis hat im letzten Winter eine Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt. Nach einer Sprunggelenks-OP im Sommer fand er nicht zu seiner Form.

Er erlebte einen Zustand, den er später als eine Mischung aus Burnout und Pfeifferschem Drüsenfieber beschrieb.

Aber er kämpfte sich zurück und ergatterte ein Ticket für die Heim-WM in Ruhpolding.

Dort überzeugte der Dreifach-Olympiasieger von 2006 mit guten Ergebnissen und sicherte sich mit der Bronzemedaille in der Staffel sein persönliches Happy End des Winters.

"Die WM hat mir gezeigt, dass ich wieder mithalten kann", beschreibt er bei SPORT1 sein wiedergewonnenes Selbstbewusstsein.

Im SPORT1-Interview spricht der 36-Jährige außerdem über seine Rücktrittsgedanken und seine Ziele für die letzte Phase der Karriere.

Ob er wirklich noch bis Sotschi 2014 weitermacht oder seine Laufbahn bereits nach diesem Winter beendet, weiß er noch nicht.

SPORT1: Wenn man den Michael Greis von Jahresanfang mit dem des Jahresendes vergleicht, sind das wohl zwei völlig verschiedene Sportler?

Michael Greis: Im Januar ist es mir nicht mal gelungen, dass ich selbst eine gute Form empfinde, dass ich mich selbst gut drauf fühle. Dann ist es natürlich unheimlich schwierig einen Wettkampf zu laufen. Deshalb werde ich in dieser Saison genau darauf achten, wie ich mein Training anlege und den Wechsel von Belastung und Erholung einhalten. Ohnehin muss man versuchen in einem höheren Sportleralter andere Reize zu setzen.

SPORT1: Man kann also sagen, Sie haben aus dem Tief im letzten Jahr etwas gelernt.

Greis: Ja, sicher habe ich daraus gelernt. Wobei die letzte Saison auch eine Ausnahmesituation darstellte. Durch die Sprunggelenks-OP im Sommer fehlten mir sechs, sieben Wochen Training. Und danach bin ich gleich wieder voll eingestiegen und habe von der Intensität her genauso trainiert wie die Kollegen, die keine Pause hatten. Da hätte ich mich zurücknehmen und die Form systematisch aufbauen sollen.

SPORT1: Sie haben sich also selbst zu viel Druck gemacht?

Greis: Ja, man denkt, der Winter wartet nicht auf einen und es geht schon. Aber auch ich als Olympiasieger muss ich mich in der Konkurrenz beweisen und mich für eine WM qualifizieren. Das war dann unheimlich schwierig.

SPORT1: Sie haben sich in diesem schweren Tief auch mit dem Karriereende befasst. Mussten Sie nach der guten WM dann lange überlegen, ob Sie weitermachen?

Greis: Eigentlich nicht. Die WM hat mir gezeigt, dass ich wieder mithalten kann. Die Staffel-Bronzemedaille und das gute Laufergebnis im Sprint haben mir Auftrieb gegeben. Aber im Januar habe ich tatsächlich ans Aufhören gedacht. Man fühlt sich selbst schon nicht richtig fit und sieht dann auch noch, dass die anderen topfit sind. Da kriegt man richtig um die Ohren. Das war keine schöne Zeit. Natürlich bin ich mir auch dessen bewusst, dass ich nicht mehr der Jüngste bin, dass eine neue, junge Generation von kompletten Biathleten heranwächst. Aber ich schaue jetzt mal, wie es mir in diesem Jahr geht. Dann sehen wir, wie es mit Michael Greis weitergeht.

SPORT1: Was haben Sie denn noch für konkrete Ziele für die letzte Phase in Ihrer Karriere?

Greis: An Zielen mangelt es einem Sportler nie. Zunächst mal geht es darum, wieder zu alter Stärke zu finden, dass ich das Gefühl habe, ich kann etwas bewegen. Man entdeckt bei sich selbst immer wieder neue Potentiale. Die will ich ausschöpfen. Ganz vorne ist die Luft natürlich sehr dünn, aber ich werde mein Bestes geben. Wichtig ist mir auch, dass wir mit der Mannschaft erfolgreich auftreten. Da stehen wir mit der deutschen Mannschaft derzeit sehr gut da, so dass wir in der Staffel ganz vorne mitmischen können.

SPORT1: Die Herren-Mannschaft könnte in diesem Jahr stärker sein als das Damen-Team. Glauben Sie, dass nach Magdalena Neuners Karriereende nun die Männer wieder mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rücken?

Greis: Das wird spannend. Rein mannschaftlich gesehen sind wir besser aufgestellt. Aber vielleicht schaffen es die Damen auch aus Magdalena Neuners Schatten herauszutreten. Es haben aber auch andere Nationen bei den Frauen Probleme, die Schwedinnen müssen zum Beispiel den Rücktritt von Helena Ekholm verkraften. Da gibt es fünf sehr starke Läuferinnen, angeführt von Darya Domracheva, und hinter diesen Top 5 klafft eine kleine Lücke.

SPORT1: Kann Neu-Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle zu diesen Top 5 hinzustoßen?

Greis: Ich habe sie in Ruhpolding beim Trainieren gesehen, sie ist wirklich sehr engagiert. Es wäre schön, wenn Sie erfolgreich wäre. Aber natürlich wird sie anfangs Lehrgeld zahlen. Biathlon ist eine komplexe Sportart, dafür braucht man Wettkampferfahrung. Aber sie ist eine gute Läuferin, und wenn sie beim Schießen mal durchkommt, landet sie weit vorne. Sie hat es selbst in der Hand.

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