Mehr als Abendkleider und gutes Essen: SPORT1-Redakteur Andreas Kloo erhält einen Eindruck davon, wie Biathlon früher war.

Als ich in der Schlange fürs Büffet stehe, kreisen meine Gedanken um das schwarze Abendkleid von Kaisa Mäkäräinen und die Entscheidung zwischen Fleischspieß und Paella.

Da kommt ein etwas älterer Herr auf mich zu und spricht mich auf Deutsch mit russischem Einschlag a la Klitschko an: "Sie sind noch jung, gehen Sie doch ruhig vor."

Der höfliche Mann aus Russland ist Viktor Mamatov. Eben war er noch auf der Bühne im Ruhpoldinger Kurhaus gestanden. Der Einzel-Weltmeister und Staffel-Olympiasieger nahm bei der Verleihung des Biathlon-Awards 2011 den Ehrenpreis für sein Lebenswerk entgegen.

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Die Rede hielt der 74-jährige auf Deutsch. Allein dadurch hob er sich von den anderen Preisträgern (unter anderem Kaisa Mäkäräinen bei den Damen und Tarje Bö bei den Herren) ab.

Beeindruckend aber war, was er erzählte und wie er es erzählte. Er erinnerte an die 70er, als er während des Kalten Krieges an einem Rennen im bayerischen Bad Reichenhall teilnahm. Zur Zeit des Kalten Krieges keine Selbstverständlichkeit. Er berichtete von tiefen Freundschaften, die er im Westen trotz aller politischen Gegensätze schloss.

Der Sport sprengt Grenzen: eine oftmals propagierte Vision. Mamatov hat sie wahrgemacht.

"Fleisch oder Fisch?", fragt er mich erneut sehr höflich und deutet auf den Fleischspieß.

Der Organisator der Biathlon-Gala, Reporter-Kollege Sigi Heinrich, sprach bei seiner Rede von der großen Biathlon-Familie. Als ich Heinrichs Worte höre, denke ich mir: "Na ja, Biathlon-Familie. Das ist mittlerweile ein riesiger Vermarktungsapparat."

Doch während ich mit Mamatov an den Tellern und Töpfen mit Essen entlangschlendere, stelle ich fest: Zu Mamatovs Zeit war der Biathlon-Zirkel tatsächlich eine Familie.

Immer wieder kommen Leute seines Alters auf den langjährigen russischen Funktionär zu und umarmen ihn herzlich. Es sind keine förmlichen Umarmungen, die Wiedersehensfreude ist echt.

Und an diesem Abend fühle ich mich als Teil dieser Familie. Mamatov ist auf jeden Fall der liebenswürdige Großvater, der mich, seinen Enkel, am Büffet begleitet.

Nastrovje, Opa Viktor!

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