Annahmespielerin Grün holte im Oktober 2011 mit Deutschland EM-Silber © getty

Die Enttäuschung über die verpassten Sommerspiele wiegt bei Routinier Grün schwer. Trainer Guidetti hadert mit dem Schicksal.

Ankara - Angelina Grün kämpfte verzweifelt um Haltung. Die 32-Jährige hielt ihre Kollegin Margareta Kozuch fest im Arm und versuchte Trost zu spenden, doch die Tränen ließen sich nicht aufhalten.

Zu groß war der Frust der deutschen Volleyballerinnen über das verpasste Olympia-Ticket. Auch am Tag nach dem bitteren Aus im Halbfinale (Bericht) des Qualifikationsturniers gegen Polen rang Grün hörbar um Fassung.

"So richtig wissen wir alle nicht, was wir sagen sollen. Jeder hadert noch mit sich, was man hätte besser machen können. Aber es ist müßig", sagte die Diagonalangreiferin.

"Andere Teams waren mental stärker"

"Das Ganze hat nicht sollen sein, andere Teams waren einfach mental stärker als wir. Das gefällt uns nicht, aber das müssen wir akzeptieren", so Grün weiter. Auch Bundestrainer Giovanni Guidetti betrieb erste Ursachenforschung.

"Frustrierend ist, dass wir mit sehr wenig Vorbereitung hergekommen sind. Normalerweise sind wir viel besser. Wir haben einfach nicht zu unserem Spiel gefunden", sagte der Italiener.

Nach der 1:3-Pleite gegen die Polinnen mussten Grün und Co. in Ankara auch noch miterleben, wie Weltmeister Russland die letzte Chance der Deutschen auf eine Qualifikationsmöglichkeit verspielte. Nun findet das Turnier in Japans Hauptstadt Tokio, wo das olympische Teilnehmerfeld komplettiert wird, ohne Deutschland statt.

Guidetti haderte denn auch mit dem Schicksal: "Wir haben echt kein Glück gehabt, weil bei so einem Turnier normalerweise entweder Serbien oder Russland gewinnen muss und wir dann eine zweite Chance in Japan bekommen hätten."

Chance auf kubanischen Rückzug sehr gering

Dass sich auf wundersame Weise noch ein Hintertürchen öffnen und die "Schmetterlinge" aufgrund finanzieller Schwierigkeiten des kubanischen Verbandes nachrücken könnten, ist für den Italiener kein Trost:

"Unsere Hoffnung ist sehr, sehr gering. Laut Regel rückt Deutschland nach, wenn Kuba nicht antreten kann. Wenn sie aber wirklich kein Geld haben, nach Japan zu reisen, ist alles andere Politik. Es kann zum Beispiel sein, dass die FIVB sich entscheidet, Kuba die Reise zu bezahlen."

Auch Routinier Grün, die erst im vergangenen Jahr nach einem längeren Intermezzo beim Beachvolleyball zur Nationalmannschaft zurückgekehrt war und dann bei der EM direkt Silber gewann, zieht diese Möglichkeit nicht in Betracht.

"Es gibt zwar eine kleine theoretische Chance, aber wir sehen das alle realistisch. Das ist einfach total unwahrscheinlich", sagte sie: "Wir müssen uns jetzt einfach damit abfinden, dass es nicht geklappt hat."

Grün hat Hadern über Quali-Modus aufgegeben

Dass in manch anderen Sportarten Platz zwei bei der EM die Fahrkarte nach London bedeutet, spielte im Verarbeitungsprozess keine Rolle. "Im Volleyball gab es schon immer einen sehr komplizierten Qualifikationsmodus, darüber denken wir schon lange nicht mehr nach", sagte Grün.

Der Weltverband FIVB hetzt die Mannschaften in der Olympiaqualifikation von Turnier zu Turnier: World Cup, Kontinentalqualifikation, Weltturnier.

Spiele über Spiele, die an der Substanz der Mannschaften zehren, dem Sport aber eine größere mediale Aufmerksamkeit sichern sollen. In Deutschland zumindest geht diese Rechnung nicht auf, kein Sender übertrug den erneuten Kampf um Olympia.

Am Montagmorgen geht es für das Team zurück in die Heimat, am 18. Mai kommt die Mannschaft in Kienbaum wieder zusammen.

Zehn Tage Zeit, die Gedanken zu ordnen

Den Spielerinnen bleiben gut zehn Tage Zeit, sich über ihre Zukunft Gedanken zu machen. "Jeder muss für sich herausfinden, wo die individuellen Motivationen liegen", so Grün: "Das braucht jetzt auf jeden Fall ein bisschen Zeit, sich in Ruhe zu überlegen, was man jetzt macht."

Guidetti blickte bereits nach vorn: "Im Juni steht schon der Grand Prix an. Aber unser großes Ziel ist die EM 2013 in Deutschland, darauf müssen wir jetzt alles ausrichten."

Man müsse jetzt weitermachen, so sei das Leben, so sei der Sport.

"Diesen Zusammenhalt kann uns niemand nehmen"

"Die Motivation muss aus unserem Spiel kommen. Wir haben in den letzten Jahren sehr gut gearbeitet und uns weiterentwickelt", so Guidetti.

Und auch Angelina Grün nahm zumindest etwas Positives mit nach Hause: "Dass, was wir mit der Mannschaft hatten, diesen Zusammenhalt, das kann uns niemand mehr nehmen."

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