Shawn Thornton gehört zu den Goons in der NHL - eine Auswahl © getty

Die Rolle des Prügelknaben sorgt in der NHL für Gesprächsstoff. Seidenberg spricht sich bei SPORT1 für den Erhalt der Goons aus.

Von Rainer Nachtwey

München/Boston - Wenn Shawn Thornton von Brooks Orpik spricht, könnte man annehmen, als spräche er über einen guten Freund, über einen, mit dem er zum Angeln geht, abends gemeinsam ein Bierchen trinkt.

Es ist schwer vorstellbar, dass derselbe Mann knapp eineinhalb Stunden zuvor jenen Brooks Orpik, den er in seinen Erzählungen so ins Sonnenlicht stellt, ins Krankenhaus geprügelt hat.

Prügeln muss sein

Shawn Thornton ist Enforcer bei den Boston Bruins. Er prügelt sich mit den Gegnern, wenn es sein muss. Und das muss es immer wieder.

Er ist der Bodyguard der Stars, sie gilt es zu beschützen. Wenn einer sie annähernd unfair checkt, sie nur schräg ansieht oder sie anrührt, ist er zur Stelle.

Er prügelt sich, wenn das Momentum umschlagen soll, er prügelt sich, wenn der Gegner versucht, die Partie zu kippen.

Dann gibt es keinen Freund mehr, dann macht es einfach klick und jeder Gegenspieler ist ein Gegner. "Es ist mein Job, meine Teamkollegen zu verteidigen", beschreibt Thornton sein Vorgehen auf dem Eis.

Aus Freund wird Feind

Am Samstagabend bei der Partie gegen die Pittsburgh Penguins wird aus Freund Brooks Orpik ein Feind.

Der Penguins-Verteidiger checkt Bruins-Stürmer Loui Eriksson bereits nach 40 Sekunden so, dass dieser mit Verdacht auf Gehirnerschütterung nicht mehr weiterspielen kann.

Die Penguins sagen, der Check war fair, Bostons Trainer Claude Julien und seine Spieler sehen es wieder anders. So wie es im Sport fast immer ist.

Thornton jedenfalls dürfte es egal gewesen sein, ob den Regeln entsprechend oder nicht. Orpik hatte Eriksson gecheckt, schräg angesehen und berührt.

Es muss wieder sein.

Thornton provoziert

Aber Orpik, einer der in Pittsburghs Verteidigung für das Grobe zuständig ist, will sich nicht prügeln. Er geht jeder Provokation aus dem Weg. Ein Fehler.

Nur wenige Minuten später - nach einem Foul von Penguins-Stürmer James Neal an Bostons Brad Marchand - diskutierten Bostons und Pittsburghs Kapitäne, zu denen auch Orpik gehört, mit den Referees über eine Strafe für Neal (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabellen).

Für Thornton ist dies wohl zu viel. Er verlässt die Spielerbank, läuft auf die Traube zu, die sich um die Schiedsrichter gebildet hat, reißt Orpik von hinten um.

Mit der Trage vom Eis

Was anschließend folgt, kann man wohl einfach nur mit dem berühmten "Klick" im Hirn beschreiben. Thornton prügelt auf Orpik ein, während dieser mit dem Hinterkopf auf dem Eis liegt. Zwei Schläge ins Gesicht verpasst Thornton seinem Opfer, ehe ihn Mit- und Gegenspieler von Orpik zerren.

Orpik bleibt leicht verdreht, auf der Seite liegen, die Augen mit starrem Blick Richtung Hallendecke. Kein Blinzeln, keine Reaktion, gar nichts. Einfach die aufgerissenen Augen.

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Erst nach einigen - schier endlosen - Minuten ein Blinzeln, Orpik reagiert auf den Teamarzt und die Physiotherapeuten. In einer Vakuummatratze wird er mithilfe einer Trage vom Eis geschafft, ins Krankenhaus eingeliefert.

"Es tut mir wahnsinnig leid. Das war nicht meine Absicht", sagt der Übeltäter nach der Partie. "Bisher konnte ich stolz behaupten, die Grenze nie überschritten zu haben."

Seidenberg verteidigt Thornton

Diesmal hat er es, das sieht auch Coach Julien so. Dennoch ist es umso überraschender, dass es gegen Brooks Orpik ist, einer, der für Thornton mehr ist als nur ein Gegner.

"Ich kenne Brooksie seit Jahren. Mit ihm habe ich mich während des Lockouts fit gehalten, wir schreiben uns immer wieder SMS", sagt Thornton.

Shawn Thornton gilt zwar als Raubein in der NHL, hat aber dennoch den Ruf als fairer Sportsmann. "Er ist ein sehr netter, lustiger Typ, hat sich immer im Griff", beschreibt ihn Teamkollege Dennis Seidenberg im Gespräch mit SPORT1. "Es war ja auch das erste Mal, dass es bei ihm zu so einer Aktion gekommen ist."

Und Thornton ist einer, der sich nicht nur um die Mitspieler kümmert. Gemeinsam mit seiner Frau betreibt er eine Stiftung, mit der er an Krebs und Parkinson erkrankten Menschen hilft.

Zwei Selbstmorde

Gerade seine Rolle, die des Enforcers, des Goons sorgt seit geraumer Zeit in der NHL für Diskussionsstoff.

Nach den Selbstmorden von Wade Belaks und Rick Rypiens sowie Derek Boogards Tod durch einen Mix aus Medikamenten und Alkohol im Sommer 2011 bemüht sich die Liga, Kopfverletzungen, die eben häufig durch die Prügeleien auf dem Eis herrühren, zu unterbinden.

Polizei auf dem Eis

Den Enforcer ganz aus der NHL zu verbannen, dazu wird es nicht kommen. Zu sehr ist der Bodyguard on Ice im Eishockey-Sport verwurzelt. Für Seidenberg nimmt er sogar eine gewichtige Rolle ein.

"Sie kontrollieren und lenken ein wenig das Spiel, sind eine Art Polizei auf dem Eis", sagt der deutsche Verteidiger.

"Sie sorgen dafür, dass man sich auf dem Eis mehr respektiert. Die Spieler wissen, wenn sie einen harten Check fahren, dass auf der anderen Seite dann jemand wartet, dass man eine auf die Mütze bekommt. Wenn nicht, würde es etwas außer Kontrolle geraten."

Orpik auf Verletztenliste

Außer Kontrolle geraten ist diesmal nur die Revancheaktion Thorntons und das sieht auch der deutsche Nationalspieler so: "Er weiß, dass er einen Fehler gemacht hat. Und es tut ihm wahnsinnig leid."

Immerhin konnte Orpik noch am selben Abend die Klinik verlassen, auch wenn es noch etwas dauert, bis er auf das Eis zurückkehren wird. Der Penguins-Verteidiger wurde am Folgetag auf die Verletztenliste gesetzt.

Nur Gesundheit zählt

Auch Thornton wird so schnell nicht wieder auf NHL-Eis laufen. Auf Bostons Stürmer wartet eine Anhörung vor dem Ligaausschuss. Es droht ihm eine drastische Strafe.

Doch dies ist für ihn derzeit nur nebensächlich. "Ja davon habe ich gehört", sagt Thornton nach dem Spiel, "aber ich hoffe nur, dass es ihm gut geht. Ich habe gehört, dass er bei Bewusstsein und ansprechbar ist, und ich bin unglaublich froh, das zu hören."

Sobald die Enforcer das Eis verlassen, macht es dann wohl wieder klick und Freunde sind wieder Freunde.

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