Wayne Gretzky (l.) feiert mit Besitzer Peter Pocklington seinen 1050 Assist © getty

Für Kanada war es eine Tragödie, für die NHL das große Los: Gretzkys Abschied aus Edmonton vor 25 Jahren krempelt die Liga um.

Von Rainer Nachtwey

München - Breaking News, das Fernsehprogramm wird unterbrochen: "Wayne Gretzky zu den Los Angeles Kings getradet."

Es ist nur ein kurzer Satz, doch diese acht Worte am 9. August 1988 sorgten in ganz Kanada für Staatstrauer.

Selbst die Politik schaltete sich ein. So wollte der damalige Vorsitzende der Demokraten Nelson Riis den Wechsel sogar verbieten lassen.

"Wayne Gretzky ist ein nationales Symbol - wie der Bieber. Wie können wir den Verkauf eines nationalen Symbols erlauben?"

Ein Aufwärtshaken für die Psyche

Unterbunden wurde der Transfer dann doch nicht, bei dem für die berühmteste Nummer 99 der Sportgeschichte im Paket mit Marty McSorley und Mike Krushelnyski die Spieler Jimmy Carson, Martin Gelinas, 15 Millionen Dollar und drei Erstrunden-Draftrechte der Kings die Besitzer wechselten.

"Der beste Eishockeyspieler der Welt war unser, und die Amerikaner flogen mit ihrem Privatjet aus Hollywood ein und kauften ihn uns weg", beschrieb der damalige Kolumnist des "Vancouver Providence" Jim Taylor die Stimmung im Land.

"Es war nicht das kanadische Herz, das zerfetzt wurde, es war ein Aufwärtshaken gegen die Psyche, die Paranoia hinterließ."

Oilers-Besitzer in finanziellen Nöten

Die Schuldigen waren schnell gefunden. Der eine war Peter Pocklington, der Besitzer der Oilers, der aufgrund finanzieller Schwierigkeiten auf die 15 Millionen Dollar im Gretzky-Deal angewiesen war.

Die andere Janet Jones, Gretzkys kurz zuvor Angetraute, amerikanische Schauspielerin. Viele sahen in ihr den eigentlichen Beweggrund Gretzkys, nach Los Angeles in die Schauspieler-Hochburg Hollywood zu wechseln.

Spitznamen wie "Jezebel Janet" - in Anlehnung an das Drama "Jezebel - die boshafte Lady" und Vergleiche mit Yoko Ono, der die Schuld an der Auflösung der Beatles aufgrund ihrer Beziehung zu John Lennon zugeschrieben wurden, geisterten durch die Gazetten.

Dabei lag die ihre Karriere in den folgenden Jahren aufgrund der Geburt der Kinder Paulina (1988), Ty (1990) und Trevor (1992) auf Eis.

Gegensätze auf ganzer Linie

Der Wechsel des besten Eishockeyspielers jener Zeit - und wohl auch aller Zeiten - veränderte das Gesicht zweier Klubs, deren Außendarstellung nicht unterschiedlicher hätten sein können.

Auf der einen Seite die Edmonton Oilers, viermaliger Stanley-Cup-Champion der letzten fünf Jahre, das Nonplusultra der NHL mit herausragenden Spielern wie eben Gretzky, Mark Messier, Esa Tikkanen oder Jarri Kurri, deren Spiele durchgehend ausverkauft waren.

Auf der anderen Seite die Kings, viertschlechtestes von 21 Teams, zu denen sich selten mehr als 7000 Zuschauer ins heimische Forum verirrten.

Trotz des Verlusts ihres besten Spielers gelang es den Oilers, den Triumph zwei Jahre später zu wiederholen - es sollte allerdings ihr letzter sein.

Ronald Reagen fragt nach Tickets

Nicht nur bei den Kings und den Oilers hinterließ der Wechsel, der als "The Trade" in die Geschichte einging, Spuren. Er veränderte den gesamten Werdegang einer Liga, ja einer Sportart.

Gretzky entwickelte sich von einem Sportstar im heimischen Kanada zu einem echten Welt- und Medienstar. Die Kings wandelten sich von einer grauen Liga-Maus zu einer strahlenden Marke in der Glitzerwelt Hollywoods, die im Erreichen der Stanley-Cup-Finals 1993 gipfelte.

"Plötzlich waren alle Spiele ausverkauft, Hollywoodstars wie Kevin Costner gaben sich in der Kabine die Klinke in die Hand, Präsident Reagen rief mich wegen Tickets an", erinnert sich der damalige Besitzer Bruce McNall an das Gretzky-Fieber, das das gesamte Land infizierte.

"Ich kann mich noch genau erinnern, dass Schauspieler und andere Berühmtheiten Eishockey spielen lernen wollten und auch einfache Leute dieses 'Hockey-Ding' mal ausprobieren wollten", sagt Spielerberater Pat Bisson, der unter anderem die heutigen Superstars Sidney Crosby und Patrick Kane betreut.

Die NHL zieht west- und südwärts

Auch in der Liga machte sich durch Gretzkys Wechsel in die US-Metropole eine Aufbruchsstimmung bemerkbar. Eine wahre Nord-Süd-Bewegung folgte.

Waren es in der Vor-Gretzky-Zeit lediglich 15 US-Klubs, die bis auf die Kings nicht südlicher als Washington und westlicher als St. Louis beheimatet waren, so fanden sich bei Gretzkys Karriere-Ende 1999 mit den San Jose Sharks und Anaheim Mighty Ducks zwei neue in Kalifornien ansässige Klubs wieder.

Zudem hatten sich die Expansionsteams Florida Panthers in Miami, Tampa Bay Lightning, Nashville Predators und Atlanta Thrashers im Süden der USA angesiedelt.

Die kanadischen Klubs Winnipeg Jets und Quebec Nordiques hatten ihre Heimat verlassen und in Arizona als Phoenix Coyotes bzw. Colorado Avalanche in Denver ein neues Zuhause gefunden.

Sun Belt blüht in der NHL auf

In den USA setzte sich die Nord-Süd-Bewegung fort, aus den Minnesota North Stars wurden die Dallas Stars, die Hartford Whalers zu den Carolina Hurricanes. Die NHL etablierte sich als Marke in den USA, selbst im sogenannten "Sun Belt", einem Markt, der nicht für Eishockey stand.

"Dieser Trade hatte sicher großen Einfluss. Wir haben nicht nur mit den Kings einen Umschwung erlebt", sagt Gretzky.

Auch McNall stimmt ein: "Dieser Trade hat nicht nur die Kings, sondern auch mein Leben völlig verändert. Plötzlich war ich eine Berühmtheit in der Stadt. Ich würde diesen Tausch jederzeit wieder so machen."

McNall, die Kings und Gretzky gingen als Gewinner aus "The Trade" hervor - das größte Los zog aber die NHL.

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