Sebastian Vollmer (r.) hat seinen Vertrag im März um vier Jahre verlängert © getty

Mordanklage, Tebowmania und keine Receiver: Bei Vollmers Team geht es vor dem Start drunter und drüber. Brady ist gefordert.

Von Eric Böhm

München - Was ist nur aus dem "Patriot's Way" geworden? Kein Team hat auch nur eine halb so turbulente Offseason hinter sich wie New England.

Denn Head Coach Bill Belichick, Quarterback Tom Brady und sein deutscher Beschützer Sebastian Vollmer scheinen die einzig verbliebenen Ruhepole der einstmaligen NFL-Vorzeigetruppe zu sein. Statt konzentrierter Arbeit im Hintergrund herrscht große Unruhe. (Die NFL-Saison, ab 5. September LIVE im TV auf SPORT1 US)

Der beste Passfänger Rob Gronkowski liegt nach diversen Operationen auf Eis, Stellvertreter Aaron Hernandez ist des Mordes angeklagt, Bradys Liebling Wes Welker ging zum schärfsten Konkurrenten nach Denver, und Tim Tebows Medienzirkus ist auch noch da.

"Es ist eine chaotische Vorbereitung. So viele Nebenschauplätze habe ich noch nie erlebt, aber wir konzentrieren uns auf den Job. Das dürfen keine Ausreden sein", fordert Brady.

Brady unter Druck

Der Quarterback untertreibt: Ihm dürfte die schwierigste Herausforderung seiner 14-jährigen NFL-Karriere bevorstehen.

Fällt Gronkowski zum Saisonstart noch aus, hat Receiver Julian Edelman mit bisher 21 die meisten Brady-Pässe gefangen. Zum Vergleich: Welker schnappte sich allein in der vergangenen Saison 118.

Die Hälfte aller Receiver und Tight Ends im Kader sind Rookies. Auf Danny Amendola ruhen die Hoffnungen, aber der Neue aus St. Louis hat aufgrund von Verletzungen bisher nie mehr als vier Touchdowns in einer Saison erzielt.

"Ich war am Ende meiner Karriere in einer ähnlichen Situation. Wenn du so lange in einer Offense spielst, wird sie immer komplizierter. Unerfahrene Leute finden sich da schwer zurecht. Tom ist gefordert", sagt Miamis früherer Spielmacher Dan Marino.

Vollmer ist heiß

Immerhin kann der zweimalige MVP weiter auf seine gewohnte Offensive Line bauen. Vollmer ist als Right Tackle ein ganz wichtiger Baustein. (DATENCENTER: Der NFL-Spieplan)

Die hartnäckigen Rückenprobleme sind auskuriert, und mit dem neuen 24-Millionen-Dollar-Vertrag in der Tasche peilt der gebürtige Düsseldorfer möglicherweise sogar eine längst verdiente Nominierung für den Pro Bowl an.

"Ich bin froh, weiter hier zu sein und kann den Saisonstart kaum erwarten", erzählt das Kraftpaket, das lieber Taten sprechen lässt, die ihn zu einem der besten Bodyguards der NFL gemacht haben.

Weitere Morduntersuchung

Fragezeichen im Angriff gibt es dennoch. Vor allem das Justizdrama um Aaron Hernandez belastet die Pats spielerisch und mental.

Der 23-Jährige wurde wegen Mordes an seinem Bekannten Odin Lloyd angeklagt, der ganz in der Nähe von Hernandez' Haus mit fünf Schüssen aus kurzer Distanz getötet wurde.

Seit dem 26. Juni sitzt Hernandez in Untersuchungshaft. Mittlerweile wird auch eine Verbindung zu einer weiteren Schießerei in Boston untersucht.

Schon am College in Florida hatte der Ausnahmespieler immer wieder Ärger mit dem Gesetz. Allerdings ging es nie um ein Kapitalverbrechen.

Kraft als Tebow-Fan

Sein Quarterback bei den Gators war damals im Übrigen Tim Tebow, der nun versucht, seine Karriere unter Mentor Josh McDaniels zu retten.

Der Coach hatte Tebow trotz einer für die NFL ungeeigneten Wurfbewegung einst in der ersten Draftrunde nach Denver geholt. Nach einem kurzen Start-Intermezzo geht es für den betont religiösen Quarterback, der entweder geliebt oder gehasst wird, steil bergab.

"Ich drücke die Daumen, dass er es in unseren Kader für die Saison schafft. Ich sehe ihn vor allem menschlich als einen Gewinn", outet sich Pats-Eigner Robert Kraft als Tebow-Jünger.

Selbst wenn es Tebow unter die besten 53 Patriots schafft, ist eine Sache klar: Sollte er während der Saison einen Spielzug ausführen, droht New England ein Problem.

Tebows Preseason-Auftritte waren von erschreckenden Würfen und ordentlichen Läufen geprägt.

Zwei Trümpfe

Neben Brady haben die Patriots aber zwei große Vorteile: die schwache Division und eine verbesserte Verteidigung.

In der von Neuaufbau und Spielmacher-Sorgen geprägten AFC East würde vermutlich auch der zweite Anzug zum Titel reichen.

Außerdem dürfte die Defense mit zehn von elf Startern der vergangenen Saison eingespielter agieren. In Adrian Wilson ergänzt zudem ein erfahrener Safety die Passverteidigung um Aqib Talib.

Für den vierten Super-Bowl-Triumph muss aber endlich wieder Ruhe auf dem "Patriot's Way" einkehren.

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