Markus Kuhn spielte in der GFL für die Weinheim Longhorns © getty

Markus Kuhn arbeitet sich zurück ins Giants-Team. Mit SPORT1 spricht er über die deutsche NFL-Welle, 15-Stunden-Tage und Doping.

Von Eric Böhm

München - Aktuell muss er noch zuschauen, aber der deutsche Abwehrkoloss arbeitet tagtäglich am Comeback.

Markus Kuhn von den New York Giants hat nach seinem Kreuzbandriss im November 2012 den Anschluss geschafft, wird aber erst während der Saison seinen Platz im Zentrum der Verteidigung wieder einnehmen. (Die NFL-Saison, ab 5. September LIVE im TV auf SPORT1 US)

Der viermalige Super-Bowl-Champion wartet geduldig auf den 27-Jährigen, der sich 2012 als später Draftpick bis in die Startformation vorgearbeitet hatte.

Denn neben dem Einsatz schätzen die Coaches auch seine Lernfähigkeit. Der 1,93-Meter-Mann Kuhn bringt nicht nur Physis mit. Er spricht drei Sprachen und hat einen Uni-Abschluss von der N.C. State University in Betriebswirtschaft.

Im großen SPORT1-Interview spricht Kuhn auch über die deutsche NFL-Welle, 15-Stunden-Tage, Doping und eine historische Chance.

SPORT1: Herr Kuhn, wie geht es Ihnen ein Dreivierteljahr nach Ihrem Kreuzbandriss?

Markus Kuhn: Jetzt geht es mir um einiges besser, weil ich wieder auf dem Feld stehen kann. Die OP ist jetzt acht Monate her. Sprints und Richtungswechsel funktionieren richtig gut, im Vollkontakttraining stehe ich aber noch nicht. Ich denke, ich kann erst ab dem 6. Spieltag eingesetzt werden. Das Ziel ist natürlich, wieder in der Startformation zu stehen.

SPORT1: Einfach wird das sicher nicht. Die Giants haben traditionell starke Defensive Linemen. Wie stehen Ihre Einsatzchancen in der kommenden Saison?

Kuhn: Das stimmt. Wir hatten im vergangenen Jahr gute Leute und auch jetzt. Ich habe gezeigt, dass ich mich gut durchsetzen kann und spielerisch vor niemandem zurückstecken muss. Ich habe vollstes Vertrauen in mich selbst, dass ich wieder viele Einsätze haben werde.

SPORT1:cWo sehen Sie die größten Stärken und Schwächen in Ihrem Spiel?

Kuhn: Meine größte Stärke ist die Power gegen das Laufspiel. Ich kann es jederzeit mit zwei Blockern aufnehmen. Woran ich jetzt auch in der Offseason viel gearbeitet habe, ist das Lesen des gegnerischen Angriffes. Ich habe viel Videostudium gemacht, um schneller Spielzüge zu erkennen und Druck auf den Quarterback zu machen.

SPORT1: Manager Jerry Reese hat Ihnen nach der Verpflichtung den Spitznamen "Kreissäge" verpasst. Hat der sich im Team durchgesetzt?

Kuhn: Das war ja eine Anspielung auf meine Spielweise. Ich lasse nie nach und versuche immer, Unruhe zu stiften. Die Spitznamen im Team drehen sich aber eher um meine deutsche Herkunft.

SPORT1: Die wären??

Kuhn: Das sind die üblichen Dinge: "Germanator", "Big German" und diverse andere.

SPORT1: Wie sieht eigentlich ein typischer Tagesablauf im Training Camp aus?

Kuhn: Du stehst jeden Morgen um 6 Uhr auf, dann geht es gleich zur Reha, um das Knie zu stärken. Von 8 bis 10 Uhr sind wir im Kraftraum. Dann geht es zwei Stunden mit Meetings und Videostudium weiter, dabei werden auch die neuen Spielzüge für den Trainingstag besprochen. Nach einer Stunde Mittagspause geht es bis etwa 15.45 Uhr raus aufs Feld. Nach einem frühen Abendessen wird von 17 bis 20 Uhr wieder in Offense, Defense und Special Teams analysiert. Nach einem kleinen Snack bist du gegen 21 Uhr wieder im Hotel - ein netter 15-Stunden-Tag.

SPORT1: In New York ist der Druck für die Sportteams traditionell sehr hoch. In dieser Saison haben die Giants die Chance, als erstes Team den Super Bowl im Heimstadion zu erreichen. Wie geht das Team damit um?

Kuhn: Hier bei den Giants ist immer der Super Bowl das Ziel. Es ist in jedem Fall ein zusätzlicher Ansporn, als erstes Team überhaupt im heimischen Stadion um den Super Bowl zu spielen. (DATENCENTER: Der NFL-Spieplan)

SPORT1: Quarterback Eli Manning ist der große Star Ihres Teams. Er wird trotz seiner Erfolge oftmals als zurückhaltend charakterisiert. Wie haben Sie ihn kennengelernt?

Kuhn: Eli ist in Ordnung und macht auch gerne Späße. Er passt perfekt zu uns. Das gesamte Team und die Giants-Organisation sind keine Lautsprecher. Wir lassen lieber Taten sprechen als große Worte zu schwingen. Das lebt Eli vor.

SPORT1: Ihre Division ist traditionell sehr stark. Im vergangenen Jahr eroberte auch Washingtons Robert Griffin III die Liga. Werden sich die Abwehrreihen besser auf die mobilen Quarterbacks einstellen?

Kuhn: Auf jeden Fall. Darauf liegt auch bei uns ein großes Augenmerk. Für diese Quarterbacks ist das Schwierigste, gesund zu bleiben. Wenn sie laufen wie Running Backs, werden sie von uns auch so behandelt. Es wird sich zeigen, ob es sich dauerhaft durchsetzt.

SPORT1: Sie waren der zweite Deutsche, der im NFL-Draft ausgewählt wurde. Jetzt gibt es mit Björn Werner den dritten. Woher kommt diese deutsche Welle?

Kuhn: Ich glaube, athletisch gesehen sind Deutsche prädestiniert für Football. Bei uns sind aber die Strukturen noch nicht so ausgebildet. Du musst eigentlich an die High School oder ans College gehen, um es zu packen. Die Jungs, die diesen Weg einschlagen, haben dann auch die ultimative NFL-Chance.

SPORT1: Gibt es zwischen Ihnen Kontakt?

Kuhn: Mit Björn Werner habe ich schon vor dem Draft viel gesprochen. Ich hatte ihm das Camp empfohlen, wo ich mich auf das NFL-Combine (eine Art Probetraining vor dem Draft, Anm. der Red.) vorbereitet habe. Das ist ja für ihn auch sehr gut gelaufen. Ich bin gespannt, wie er sein Rookie-Jahr absolviert.

SPORT1: In Europa ist Doping immer ein großes Thema. Die NFL führt nun zunächst zu Studienzwecken erstmals Bluttests ein. Was halten Sie davon?

Kuhn: Ich finde das sehr gut. Die berühmten Wachstumshormone sind mit Urintests nicht nachweisbar. Die Frage ist: Wann ist es Doping? Man muss einen exakten Wert ermitteln und festlegen. Umso mehr Tests, umso besser: Im Sport sollte nicht betrogen werden. Wenn du mit ehrlichen Mitteln hart arbeitest, bist du im Nachteil. Das darf nicht sein.

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