Die Ersatz-Schiedsrichter wurden aus unteren College-Ligen und Schulen rekrutiert © getty

Nach dem Horror-Ende in Seattle hagelt es Kritik für NFL und die Amateur-Schiedsrichter. Auch Dirk Nowitzki wendet sich ab.

Von Eric Böhm

München - Bis zum dritten Spieltag ging es gut: Nun hat der Tarifstreit mit den Schiedsrichtern das erste NFL-Spiel entschieden (Die NFL-Saison LIVE im TV auf SPORT1+ und im LIVESTREAM)

Die haarsträubende Touchdown-Entscheidung im Monday Night Game zwischen Seattle und Green Bay (Spielbericht) ist der vorläufige Tiefpunkt unerträglicher Pannen der Ersatzleute.

Der Plan des Commissioners, den seit Juni andauernden Arbeitskampf mit Amateuren aus unteren College-Ligen und High Schools zu überbrücken, ist bereits nach drei Wochen kolossal gescheitert.

"Das ist ein peinliches Debakel für die NFL. Damit wird der Sport und die Gesundheit der Spieler gefährdet. Das ist unprofessionell", wettert der ehemalige Quarterback Trent Dilfer.

Nowitzki: "Was für eine Farce"

Das vernichtende Echo war bereits Minuten nach dem fragwürdigen 14:12-Sieg der Seahawks gegen den Topfavoriten zu hören.

Von NBA-Star LeBron James bis hin zu It-Girl Kim Kardashian äußerte sich nahezu jeder US-Promi mit "Twitter"-Account.

"Ich werde mir kein weiteres NFL-Spiel ohne die alten Referees anschauen. Was für eine Farce", zwitscherte Deutschlands NBA-Ikone Dirk Nowitzki.

Während die Coaches sich aus Angst vor Geldstrafen zurückhalten, teilten vor allem die Spieler kräftig aus. "Diese Spiele sind ein Witz", meldet sich Hall-of-Famer Troy Aikman zu Wort.

Risiko steigt

Neben unzähligen Fehlentscheidungen wird oft das falsche Strafmaß verhängt oder gleich vom falschen Punkt auf dem Feld gemessen - so geschehen in der Verlängerung des 44:41-Erfolges der Tennessee Titans gegen Detroit ( 614948 DIASHOW: Die Bilder des 3. Spieltages ).

Durch ständige Diskussionen der überforderten Offiziellen untereinander und mit den Trainern dauern die Spiele im Schnitt 20 Minuten länger und brechen häufig den Spielfluss (Bericht).

Außerdem führt die Unsicherheit und fehlende Linie bei der Regelauslegung zu einer Verrohung der Spieler. Damit erhöht sich das Verletzungsrisiko.

"Die Folge ist das Aushilfslehrer-Syndrom. Die Spieler loten aus, wie weit sie gehen können. Dabei kann das Limit überschritten werden", sagt Ex-Spieler und TV-Experte Chris Collinsworth.

"Beamten-Mentalität der Liga"

Zum ersten Opfer wurde Oaklands Receiver Darrius Heyward-Bey. Er erlitt im Spiel gegen Pittsburgh bei einem irregulären Hit eine Gehirnerschütterung und schwere Nackenblessuren.

Eine Strafe für Übeltäter Ryan Mundy gab es nicht. Immerhin wurde Heyward-Bey inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabellen).

"Das ist die Beamten-Mentalität der Liga. Auf einer gefährlichen Straße wird auch erst nach einer bestimmten Anzahl von Unfällen das Stoppschild durch eine Ampel ersetzt und die Reißleine gezogen", zieht Clevelands Kicker Phil Dawson einen interessanten Vergleich.

Gewerkschaft fordert Lockout-Ende

Der Druck auf den sonst so hart durchgreifenden Commissioner Roger Goodell steigt. Green Bays Clay Matthews veröffentlichte auf seiner Facebook-Seite dessen Büronummer mit dem Zusatz: "Fragen und Kritik bitte hier äußern."

Der Preis der NFL-Schiedsrichter dürfte jedenfalls gestiegen sein. Bereits am Sonntag war eine weitere Verhandlungsrunde ergebnislos zu Ende gegangen.

Jetzt macht auch die Spielergewerkschaft Druck. "Die Gesundheit unserer Spieler und die Integrität des Spiels ist gefährdet", hieß es in einem Brief an die 32 Teameigentümer, die den Lockout beenden sollen.

Rente als Streitpunkt

Neben einer ähnlichen Gehaltserhöhung wie 2006 - damals wurde der alte Tarifvertrag verlängert - geht es um die Altersvorsorge.

NFL-Schiedsrichter sind Profis und verdienen aktuell zwischen 4000 und 8000 Dollar pro Spiel. Die Liga möchte einen neuen Plan einführen, der die Renten beschränken könnte.

Im Gegensatz zum ersten Referee-Lockout 2001 erklärten sich diesmal die besten College-Offiziellen solidarisch und sprangen nicht ein.

"Die Situation ist untragbar. Wenn man sich die Wiederholung der Spiele anschaut, sieht man, wie sehr das Produkt darunter leidet. Das muss aufhören", fordert Dawson stellvertretend.

Nach diesem Spieltag wird ihm niemand widersprechen.

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