Carmelo Anthony (r.) gewann mit Syracuse 2003 die College-Meisterschaft © getty

Statt "Linsanity" und Egos zählt bei den perfekten New Yorkern mit Mavericks-Gen nun das Team. Sogar Anthony nimmt sich zurück.

München/San Antonio - "Bleibt ruhig", hatte Carmelo Anthony gerufen, als an der Seitenlinie das Chaos ausgebrochen war.

"Bleibt ruhig, bleibt ruhig." Wieder und wieder versuchte der Superstar der New York Knicks seine Mannschaft auf den Boden zurückzuholen ( 638852 DIASHOW: Die Bilder der 3. Woche ).

Der Trainer blaffte die Spieler an, die Spieler den Trainer. Der Grund für die Aufregung war einfach: Es drohte die erste Saisonniederlage.

"Ich habe geschrien, sie haben geschrien, aber das hat uns aufgeweckt", beschrieb Trainer Mike Woodson die wichtigste Szene beim 104:100 in San Antonio (Spielbericht).

Neue Einstellung

Wie ein zerstrittener Haufen waren die Profis aufeinander losgegangen, ein erfolgreiches Kollektiv sieht eigentlich anders aus.

Aber genau das ist das Team aus dem "Big Apple" in dieser Saison. Mit 77:88 lagen die Knicks zurück. Da nahm Woodson die wichtige Auszeit.

"Wir hätten uns sagen können: Hey, wir spielen ja morgen schon wieder. Lasst uns abschalten", sagte Neuzugang Jason Kidd: "Aber die Jungs haben weitergekämpft."

Titel-Traum lebt

Was folgte war eine Aufholjagd und der sechste Sieg in Serie. Die New York Knicks sind in diesem Jahr ein besonderes Team.

Ein Team, das in der Basketball-verrückten Stadt mit Verspätung Hoffnungen auf den ersten NBA-Titelgewinn seit 1973 wachsen lässt.

Schließlich sollte der Großangriff schon vor eineinhalb Jahren unter dem neuen Lakers-Coach Mike D'Antoni kommen.

Zorn der Fans widerstanden

Damals folgte der Verpflichtung Amare "STAT" Stoudemires der Trade für den New Yorker Lokalhelden Carmelo Anthony.

Allerdings verstand es D'Antoni nicht die beiden All-Stars in eine erfolgreiche Einheit zu integrieren und flog gegen Ende der vergangenen Saison raus.

Nicht einmal die kurze "Linsanity" um den inzwischen in Houston wirbelnden Jeremy Lin konnte das Team zusammenschweißen. Zweimal kam in der ersten Playoff-Runde das Aus.

Trotz Fan-Demos wurde das Phänomen nicht um jeden Preis gehalten, stattdessen kamen in Raymond Felton, Kidd oder Ronnie Brewer sinnvolle Verstärkungen.

Popovich beeindruckt

Erst Woodson formte aus der Ansammlung von Einzelkönnern eine Mannschaft, die nun auch defensiv überzeugt und auch schon Titelverteidiger Miami schlug.

Dem einzig ungeschlagenen Team gelang der beste Saisonstart seit der Spielzeit 1993/1994. Damals glückten sogar sieben Siege in Serie - bis heute Rekord (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabellen).

So wie die umformierte Mannschaft derzeit auftritt, ist ihr alles zuzutrauen. Den Härtetest in Texas absolvierte sie mit Bravour.

Auch Trainerfuchs Gregg Popovich zieht den Hut vor den runderneuerten Knicks: "Es gibt einen Grund, warum sie eine Bilanz von 6:0 haben."

Anthony ändert sich

Dabei war der fünfmalige All-Star Anthony ausnahmsweise mal nicht Topscorer der Knickerbockers.

Neun Punkte und bei zwölf Versuchen nur drei verwandelte Würfe aus dem Feld standen in der Statistik. Aber in dieser Saison sagen seine Zahlen eben nicht mehr alles aus.

"Er hat unglaublich gut gespielt", lobte J.R. Smith den neuen Melo. Aus Denver hatte er ihn anders in Erinnerung.

"Früher hätte er immer weiter geworfen, auch wenn sein Wurf nicht da ist. Jetzt spielt er den Pass", sagte Smith: "Wir suchen nicht unseren Wurf. Wir suchen den bestmöglichen Wurf."

Egos ausgeschalten

"Ego-Shooter" war gestern - gegen die Spurs bot sich der Superstar sogar als "Lockvogel" für die gegnerischen Verteidiger an.

Eine ähnliche Entwicklung machen Smith und der reaktivierte Veteran Rasheed Wallace durch. Nicht zuletzt Kidd und Chandler dürften dafür hauptverantwortlich sein.

Was passiert mit Stoudemire?

An Dirk Nowitzkis Seite holten sie 2011 mit den Dallas Mavericks als Inbegriff von Teambasketball gegen die scheinbar übermächtigen Einzelkönner Miamis um LeBron James die Meisterschaft.

"Sie bringen eine erstklassige Einstellung ins Team. Tyson hat diese Entwicklung schon letztes Jahr eingeleitet. Mit Jason sind wir noch mehr gereift", bestätigte Scharfschütze Steve Novak.

Wie stabil dieses Konstrukt ist, wird sich spätestens bei der Rückkehr des aktuell verletzten Stoudemire zeigen. Wenn auch er sich dem Mannschafterfolg unterordnet, wird der Titeltraum vielleicht schon im Sommer Realität.

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