2004 wurde LeBron James 19 Jahre nach Michael Jordan zum Rookie des Jahres gewählt © getty

Der dritte MVP-Titel wirft die Frage um James' Standing wieder auf. Übertrifft seine Klasse Bryants Titel und Duncans Meriten?

Von Eric Böhm

München - Diesmal also Pat Riley: Der Teampräsident der Miami Heat hat den Vergleich mit Michael Jordan wieder aufgewärmt.

Anlässlich seiner dritten Auszeichnung zum wertvollsten Spieler (MVP) der NBA musste sich Lebron James wieder mit der übermächtigen Ikone messen lassen. ( 82965 DIASHOW: Alle MVPs der letzten 25 Jahre )

Zeit seiner Karriere schlägt sich der Superstar der Miami Heat mit diesem gewaltigen Schatten herum. Trotz Jordans offensichtlicher Vorteile, wirft Riley interessante Parallelen auf.

"Auch Michael wurde vorzeitig als Playoff-Versager abgeschrieben. Er hatte mit 27 auch noch keinen Titel gewonnen. Auf einmal brachen die Dämme. Bei LeBron könnte es ähnlich laufen", sagt Riley, der in den 80er Jahren gegen den jungen Jordan coachte.

Vergleich verfolgt James

Immer wieder wird James mit dem größten Spieler aller Zeiten verglichen, wobei ihm ständig dessen sechs Meisterschaften unter die Nase gerieben werden.

Jordans langjähriger Mitspieler Scottie Pippen hatte während der Finals 2011 sogar behauptet, MJ sei der bessere Scorer, aber LBJ möglicherweise der bessere Spieler.

"ESPN" startete nun sogar eine Umfrage, wer der beste Spieler seit Jordan sei. Dabei sprachen sich 40 Prozent der Teilnehmer für James aus. Der Rest bevorzugte Kobe Bryant oder Tim Duncan. Selbst Kevin Garnett oder Dirk Nowitzki wurden genannt.

SPORT1 vergleicht James mit seinen Konkurrenten.

LeBron James

Von den physischen Vorrausetzungen her, kommt der "King" Jordan am nächsten. Seine fantastische Athletik stellt die Kontrahenten heute vor ähnliche Probleme wie es "His Airness" einst tat.

James ist ein ausgezeichneter Korbjäger, gegen den besten Scorer aller Zeiten fällt er aber deutlich ab. Zehnmal holte sich Jordan den individuellen NBA-Titel. Sein Karriere-Durchschnitt von 30,1 bleibt unerreicht.

Allerdings ist James ein ähnlich starker Verteidiger. Jordan wurde 1988 zum Abwehrspieler des Jahres gewählt und ist Dritter der ewigen Steals-Rangliste.

LBJ wurde zuletzt dreimal in Folge ins All-Defensive-Team gewählt und ist ein ausgezeichneter Rebounder.

Egal ob Bryant, Duncan oder Garnett: Kein Kontrahent kann mit James' Vielseitigkeit mithalten. Er kann in Abwehr und Angriff praktisch jede Position auf Weltklasse-Niveau ausfüllen.

Die Cavaliers wurden im ersten Jahr ohne James abgeschlagen Letzter und verloren 26 Spiele in Folge. Jordan ist ihm zwar überlegen, aber auch der 27-Jährige macht Mitspieler besser.

Gegen ihn sprechen die nach wie vor fehlende Meisterschaft und die immer wieder auftretenden Schwächen in der Crunch-Time.

2010 - mit Cleveland gegen Boston - und 2011 - in den Finals gegen Dallas - tauchte er in den entscheidenden Momenten völlig ab. Häufig verweigert er den letzten Wurf und sucht lieber den freien Mann - das wird ihm oftmals als Schwäche ausgelegt.

Kobe Bryant

Auch Bryant kam schon in jungen Jahren nicht am Jordan-Vergleich vorbei. Zu stark erinnerte sein großes Selbstvertrauen, die Coolness und die Eleganz in seinem Spiel an den fünfmaligen MVP.

Die Ankunft von Jordans langjährigem Coach Phil Jackson bei den L.A. Lakers verstärkte die Gemeinsamkeiten. Bryant ist definitiv der beste Scorer seit der legendären Nummer 23.

2007 wurde er zum zweitbesten Shooting Guard aller Zeiten gewählt. Bryant gilt zudem als einer der besten "Closer" der NBA-Geschichte. In der Schlussphase macht ihm nach wie vor niemand etwas vor - sein größter Trumpf gegenüber James.

Die fünf Meistertitel sprechen ebenfalls für den 33-Jährigen, allerdings wurde er bisher nur einmal zum MVP gewählt und muss sich bei den persönlichen Meriten hinter James einordnen.

Tim Duncan

Viermaliger NBA-Champion, dreimaliger Finals-MVP, zweimaliger MVP und 13-maliger All-Star: Duncans Trophäenliste ist beeindruckend.

Trotzdem wird der "ewige" Center der San Antonio Spurs in dieser Diskussion nur selten genannt, dabei dominierte der mittlerweile 36-Jährige über Jahre seine Position stärker als Bryant oder James.

Seine bisweilen phlegmatische Persönlichkeit und der auf gnadenlose Effizienz ausgerichtete Stil der Spurs mögen dazu beigetragen haben.

Außerdem war er naturgemäß nie ein so starker Scorer wie die Konkurrenten. Seinen besten Punkteschnitt lieferte er 2001/2002 mit 25,5 Zählern.

Die NBA-Legenden Bill Russell und Kareem Abdul-Jabbar schätzen ihn als einen der "effektivsten Spieler seiner Generation." Seit 1998 stand er zudem immer in einem All-Defensive Team.

Außenseiter

Seit Jordans Rücktritt gab es natürlich noch diverse große Spieler, die zumindest in der Diskussion enthalten sein müssen.

Nur zwei Spieler wurden häufiger zum All-Star Game berufen als Kevin Garnett (Boston Celtics). Der Forward hat auch eine MVP-Trophäe und einen Meistertitel auf dem Konto.

Dirk Nowitzki wurde 2007 als erster Europäer zum MVP gewählt, holte 2011 den ersten NBA-Titel nach Dallas und ist einer der besten Offensivspieler aller Zeiten.

Der kommende "nächste Michael Jordan" ist wohl Kevin Durant (Oklahoma City Thunder). Ähnlich wie Jordan führte "Durantula" schon in jungen Jahren ein völlig unbekanntes Team in die NBA-Elite und ist bereits dreimaliger NBA-Topscorer.

Bei der WM 2010 gewann er mit den USA den ersten Titel seit 1994 und ließ als Turnier-MVP die nicht anwesenden Bryant sowie James vergessen, da beide Superstars nicht für Team USA aufliefen. Auszeichnungen und Meisterschaften scheinen für Durant nur eine Frage der Zeit zu sein.

Fazit

Michael Jordan ist und bleibt die unerreichte Ikone des Basketballs. Denn seine einmalige sportliche Klasse ging einher mit dem Aufstieg zu einem globalen Mythos.

In seiner Liga bewegt sich niemand. Die Frage bleibt also: Wer ist der beste seit MJ? Da auch die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit eine große Rolle spielt, kann es nur auf Bryant oder James hinauslaufen.

Während der ältere Lakers-Star aktuell das bessere Resümee aufweist, gab es seit Jordan keinen individuell stärkeren Spieler als den aktuellen MVP - der eine oder andere Titel muss aber noch her, um Bryant oder Duncan zu überflügeln.

Vielleicht wird in einigen Jahren aber Durant alle großen Namen seit "Air" überstrahlen. Die Voraussetzungen bringt er in jedem Fall mit.

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