James Harden wird von Manager Sam Presti (r.) 2009 an der dritten Stelle gedraftet © getty

James Harden wird zum besten sechsten Mann gewählt. Dabei sträubt er sich so lange gegen die Rolle wie der Coach gegen den Look.

Von Eric Böhm

München - Überall wo er auftaucht, zieht er die Blicke auf sich: James Harden ist nicht zu übersehen.

Neben seinem schwarzen Rauschebart fällt der Shooting Guard der Oklahoma City Thunder aber mehr und mehr durch seine große Klasse auf dem NBA-Parkett auf.

Den vorläufigen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung mit der Auszeichnung zum besten sechsten Mann der Saison. (VIDEO: Die Playoff-Highlights aus der Nacht)

"Er ist prädestiniert für diese Rolle. Er ist mein sechster Starter. James kann punkten, verteidigen und den Ball verteilen. Das ist ideal für den wichtigsten Bankspieler", lobt sein Coach Scott Brooks.

Mavericks mit bösen Erinnerungen

Harden steigerte 2011/2012 seinen Punkteschnitt auf 16,8 und stellte mit durchschnittlich 4,1 Rebounds, 3,7 Assists und einer Wurfquote von über 49 Prozent persönliche Bestmarken auf.

Auch in den Playoffs zeigte er seine Klasse und verhalf den Thunder in der ersten Runde zum 4:0-Sweep gegen Titelverteidiger Dallas.

Im entscheidenden vierten Spiel (Bericht) versetzte er Dirk Nowitzkis Meisterteam mit 15 seiner insgesamt 29 Punkte im letzten Viertel den Todesstoß. ( 551144 DIASHOW: Die Bilder der ersten Playoff-Runde )

"Er stand unter Dampf und hat uns in jeder möglichen Weise geschlagen. Wir haben es mit allen möglichen Abwehrsystemen versucht, aber er war einfach zu gut", meinte damals Dallas' Trainer Rick Carlisle.

Nur ein Vorgänger jünger

In der Mannschaft wird Harden nicht nur aufgrund seiner sportlichen Klasse geschätzt. Er ist auch wegen seiner lockeren Art und des trockenen Humors extrem beliebt.

Die plötzlichen Lobeshymnen schreibt der mit 22 Jahren zweitjüngste Preisträger - nur Ben Gordon war 2005 jünger - seinem Team zu.

"Ich spüre großes Vertrauen der anderen Jungs und der Coaches. Deshalb bekomme ich immer mehr Möglichkeiten, die ich besser nutze", erzählt der dynamische Guard, der aus Los Angeles stammt.

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"Als Rookie habe ich es nicht kapiert"

Dabei war er zu Beginn seiner Karriere alles andere als begeistert von einer Rolle als Edelreservist.

Immerhin hatten die Thunder den ehemaligen College-Star der Arizona State Sun Devils im NBA-Draft 2009 an der dritten Stelle - hinter Blake Griffin (L.A. Clippers) und Mega-Flop Hasheem Thabeet - ausgewählt.

"Als Rookie habe ich es nicht kapiert. Ich dachte, ich müsste nur rausgehen und mein Ding machen. Ich habe drei Jahre gebraucht, um diese Aufgabe auch mental anzunehmen", bestätigt Harden heute.

Auf Schrempfs und Odoms Spuren

Der Favorit bei der Abstimmung zum Sixth Man wurde von 115 der 119 stimmberechtigten Sportjournalisten auf Rang eins gewählt.

Rang zwei belegte Lou Williams von den Philadelphia 76ers. Er war der erste NBA-Spieler seit fast 20 Jahren, der Topscorers seines Teams wurde, ohne auch nur einmal in der Startformation zu stehen.

Nowitzkis Teamkollege Jason Terry wurde mit großem Abstand Dritter. Er hatte die Auszeichnung 2009 erhalten. Harden folgt im Übrigen auf Lamar Odom, der 2011 im Trikot der L.A. Lakers ausgezeichnet wurde und eine Horror-Saison bei den Mavericks ablieferte.

Neben Kevin McHale, Toni Kukoc oder Manu Ginobili gehört auch Detlef Schrempf zu seinen Vorgängern - der deutsche Ex-Nationalspieler nahm die Trophäe 1991 und 1992 mit nach Hause.

Meisterschaft und London?

Defensivspezialist Thabo Sefolosha aus der Schweiz bleibt zwar Oklahomas Starter, aber Harden ist als dritte Option hinter den All-Stars Kevin Durant und Russell Westbrook auch in der Crunch-Time immer wichtiger.

Die Vielseitigkeit macht ihn so unberechenbar. Seine große Stärke ist der Zug zum Korb, in dieser Saison trifft er aber auch fast 40 Prozent seiner Dreier und sammelte in 62 Partien mehr Assists als in der 82-Spiele-Saison zuvor.

Als Belohnung wurde er kürzlich sogar für den erweiterten Olympia-Kader der USA nachnominiert.

Zunächst geht es aber mit den aussichtsreichen Thunder um den NBA-Titel. Das junge Team scheiterte 2011 in den West-Finals an Dallas und will nun mehr. (DATENCENTER: Alle Playoff-Ergebnisse)

"Ich denke, wir haben eine große Chance. Im Kader steckt viel Talent, und wir haben einen großartigen Coach. Warum sollte es nicht klappen können?", fragt Harden.

Brooks wird zum Fan

Mittlerweile hat sich besagter Trainer sogar mit dem markanten Aussehen seines Schlüsselspielers angefreundet.

"Er ist ein toller Spieler und hat einen coolen Look. Ich habe es am Anfang nicht gemocht, aber es überzeugt mich langsam. Ich würde nie verlangen, dass er ihn abrasiert", erzählt Brooks.

Auch bei den Fans setzt sich der Slogan "Fear The Beard" immer mehr durch. Die sportlichen Erfolge des Jungstars verdrängen den Bart aber immer mehr aus den Schlagzeilen.

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