CNN-Experte Don Riddell analysiert in seiner Kolumne die zwiespältige Beziehung Amerikas zu "Soccer" und ihrem Team.

Hallo US-Sport-Freunde,

Amerikanern Fußball zu erklären, die fast ausschließlich mit Baseball und Football aufgewachsen sind, ist immer wieder ein Erlebnis. Ihnen ist das Konzept von Auf- und Abstieg ebenso fremd wie die Möglichkeit, dass ein Fußballteam in jeder Saison in bis zu vier verschieden Wettbewerben spielen kann.

Ein Freund von mir war früher in der NFL. Kürzlich haben wir ein ganzes Mittagessen damit verbracht, uns durch genau diese Details zu arbeiten, bevor wir überhaupt zu den internationalen Spielen kamen.

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Die Tatsache, dass ein Spieler seinen Hauptarbeitgeber untreu sein kann, indem sich der Sportler zu internationalen Spielen auch in seinem Heimatland aufstellen lässt, gab meinem Freund den Rest.

Ich hatte wirklich Schwierigkeiten, ihm zu erklären, wie die Mannschaften für die Weltmeisterschaften zusammengestellt werden und der einzige Weg, es ihm einigermaßen begreiflich zu machen, war ein Vergleich mit der Aufstellung der Spieler bei den All-Stars-Games.

Das ist wohl eine recht gute Analogie. Ein Fußballtrainer hat die Aufgabe, die besten Spieler auf dem Markt zu bekommen, die die gleiche Nationalität haben. Diese Regel findet allerdings beim Trainer keine Anwendung. Von den 32 Mannschaften, die an der Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien teilnehmen, wird etwa ein Drittel von "Ausländern" trainiert.

Die besten Mannschaften Europas denken allerdings nicht einmal im Traum daran, sich im Ausland einen Trainer zu suchen. So wurden die letzten drei Gewinner der Fußballweltmeisterschaft ? Frankreich (1998), Italien (2006) und Spanien (2010) ? stets von ihren Landsleuten trainiert.

England, Weltmeister im Jahr 1966, versuchte es mit einem Schweden (Sven-Göran Eriksson) und einem Italiener (Fabio Capello), doch die Begeisterung darüber hielt sich in Grenzen.

Und das bringt mich zurück in die USA. In Brasilien gehört die amerikanische Mannschaften zu jenen Ländern, die einen Ausländer an der Seitenlinie platziert haben: Jürgen Klinsmann.

Nachdem Fußball auf der anderen Seite des Atlantiks immer noch ein Nischendasein fristet, setzt man statt eines Landsmanns lieber auf einen Trainer, den man für den Besten hält.

Man sollte nicht unerwähnt lassen, dass Klinsmann seit 15 Jahren in Kalifornien lebt und mit einer Amerikanerin verheiratet ist. Doch auch so hat man großen Respekt vor der beliebten Sportart und dem Mann, der sowohl als Spieler als auch als Trainer enorme Erfolge verbuchen konnte.

Zudem können sich im Schmelztiegel der USA viele Bürger mit den Ländern ihrer Vorfahren identifizieren und es ist durchaus ok, aus einem anderen Land zu stammen.

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Klinsmann steht, was seine Arbeitgeber betrifft, über diesen Diskussionen; schon früher gab es in Amerika hervorragende deutsche Trainer. So führte der legendäre Dettmar Cramer 1974 kurz die Nationalmannschaft und legte damals den Grundstein für die heutigen Trainingsstrukturen im Land.

Ein Zuckerschlecken war es für Klinsmann jedoch auch nicht immer: Anfang des Jahres wurde durch einen vernichtenden Artikel öffentlich, dass es Spannungen im Team gibt und bald wurden auch Zweifel laut, ob der Deutsche wirklich den strategischen Scharfsinn und die geeigneten Kommunikationsmittel besitze.

Nach einer entmutigenden Niederlage gegen Honduras im Februar galt nicht einmal mehr die WM-Teilnehme als gesichert. Klinsmanns Nationalität wurde zwar nie gegen ihn verwendet, allerdings war dies eine unangenehme Situation für ihn.

Dann aber lief plötzlich alles wie am Schnürchen: Die Mannschaft gewann nicht nur zwölf Spiele in Folge, sondern auch den Gold Cup und schaffte es schließlich bei den WM-Qualifikationsspielen mit vier Punkten Vorsprung auf Platz eins ihrer Gruppe.

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An dem Tag, an dem er 2011 engagiert wurde, habe er sich gewünscht, dass "die Mannschaft das Land, das sie vertritt, widerspiegle", sagte Klinsmann in seinem Interview zu mir ? zwei Jahre später ist das Team tatsächlich sehr multikulturell Aufgestellt.

Ein kurzer Blick auf die Spielerliste zeigt, dass die Fußballer Einwandererkinder aus Haiti oder Kolumbien sind; die Eltern anderer Spieler stammen aus Norwegen, Island, Mexiko und Deutschland. Jeder sozioökonomische Hintergrund ist vertreten.

Entscheidend für den Erfolg der Amerikaner war die Zuversicht, die Klinsmann der Mannschaft vermittelte. Ein internationaler Fußballtrainer fühlt sich manchmal, als sei ihm bei der Arbeit eine Hand auf dem Rücken festgebunden, denn die Zeit, die einem in einem Jahr für das Trainieren der Spieler zur Verfügung steht, ist recht begrenzt.

Jürgen Klinsmann hat seinen Spielern jedoch den Glauben gegeben, dass alles möglich ist und sie die Fähigkeit besitzen, alles zu erreichen, wenn sie nur wollen. Die größte Herausforderung wartet jedoch noch auf ihn.

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Vor der Auslosung der Teams letzte Woche ging man in den USA davon aus, dass die Mannschaft zweifelsohne die Gruppenspiele bestehen und in die nächste Runde kommen werde.

Wie gesagt ? das war vor dem 6. Dezember. Die USA wurden gegen zwei der absoluten Favoriten gelost, nämlich Deutschland und Portugal. Zudem ist in der Gruppe auch noch Ghana vertreten ? das Land, das bei der WM 2006 in Deutschland die Hoffnungen der Amerikaner gleich in der ersten Runde zunichtemachte und dies 2010 in Südafrika noch einmal wiederholte.

Wie Klinsmann mit einem nervösen Lächeln in einem Interview kurz darauf bemerkte: Dieses Ergebnis war knallhart.

Klinsmanns Heimatland zählt zu den Favoriten in Brasilien. Mit der deutschen Mannschaft gewann Klinsmann 1990 die Weltmeisterschaft; 2006 gelang mit ihm als Trainer bekanntlich Platz drei bei der WM. Diese Erfolge helfen ihm nun dabei, seine Geschichte als Trainer in der Fußballwelt weiterzuschreiben. In Südamerika trifft er auf seinen ehemaligen Assistenten Joachim Löw, der inzwischen die Leitung der deutschen Mannschaft übernommen hat.

Wie bei jeder Sportart auf der Welt ist es egal, woher man kommt oder wie man ist, solange man nur das Spiel gewinnt.

Die zigtausend amerikanischen Fans, die die Strecke nach Brasilien auf sich nehmen werden, machen sich bereits auf einen vielleicht eher kurzen Aufenthalt gefasst.

Glücklicherweise bleibt Klinsmann den Amerikanern ein wenig länger erhalten. Am vergangenen Donnerstag wurde bekannt, dass der Vertrag des 49-jährigen bis 2018 verlängert wurde. Das beweist, dass man in den USA mit einem Trainer aus dem Ausland sehr zufrieden ist ? vor allem mit diesem Trainer.

Don Riddell, 41, ist Moderator und Sportkorrespondent der CNN-International-Sendung 'World Sport', die täglich aus Atlanta gesendet wird. Er arbeitet seit 2002 für CNN International und berichtete unter anderem über die Fußballweltmeisterschaft 2010, den Ryder Cup, die Tour de France und fünf Champions-League-Finals. Seit November 2013 veröffentlicht er eine monatliche Kolumne bei SPORT1, in der er interessante Hintergrundinformationen zum US-Sport und seinen Sportlern liefert und diese in einen internationalen Kontext setzt. Riddells Kolumnen und seinen Twitterfeed finden Sie auf der CNN-Homepage und seiner Facebook-Seite.

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