Vom letzten Platz turnte sich Fabian Hambüchen bei der WM noch auf Platz drei © getty

Mit seiner WM-Aufholjagd schickt der Wetzlarer an die Konkurrenz eine Kampfansage. Der Vater nimmt Ungehorsam nicht krumm.

Antwerpen - Seine Turnkollegen vom Bundesligisten KTV Obere Lahn trommelten sich auf der Tribüne die Finger wund.

Vater und Trainer Wolfgang hüpfte nach eigenen Worten wie ein "Dilldöppchen" durch die Halle.

Fabian Hambüchens historische Aufholjagd ließ im Sportpaleis von Antwerpen niemanden kalt.

Bei einer Weltmeisterschaft vom letzten Platz aufs Siegertreppchen - das hatte selbst der fast 26 Jahre alte Ausnahmeturner kaum noch für möglich gehalten.

Ziel war Top Acht

Der Wetzlarer ertrank nach seinem Triumph fast in den eigenen Emotionen.

Erst bei der Siegerehrung, mit der Bronzemedaille um den Hals, kam er langsam zur Besinnung:

"Ich war vor dem Wettkampf unglaublich aufgeregt und wollte eigentlich nur unter die ersten Acht kommen. Jetzt bin ich absolut überwältigt davon, was hier passiert ist", sagte er.

Grandiose Aufholjagd

Nach einem Auftaktpatzer am Seitpferd war Hambüchen 24. und damit Letzter.

Taktisch turnen war unmöglich geworden, er musste auf Angriffsmodus umschalten, und ein wahrer Sturmlauf begann: 17. nach den Ringen, 13. nach dem Sprung, Zehnter nach dem Barren, Vierter nach dem Reck - Edelmetall war da schon keine Utopie mehr.

Und als Samuel Mikulak aus den USA die Reckstange "küsste" und der Hesse zeitgleich eine saubere Bodenübung hinlegte, war Hambüchen tatsächlich am Ziel.

Mit einem Auge bei der Konkurrenz

So bärenstark fühlte er sich in dieser magischen Nacht, dass er schon während er selbst noch turnte mit einem Auge zum Reck und zum US-Konkurrenten schielte.

Normalerweise von Hambüchen senior streng verboten.

Doch nach einer solchen Energieleistung seines Filius war der Coach natürlich milde gestimmt: "Alles ist supergut gelaufen. Wir haben eigentlich nach jedem Durchgang diskutiert und uns jedesmal für die Risikovariante entschieden."

Am Sonntag Entscheidung am Reck

Bundestrainer Andreas Hirsch lobte ausdrücklich den Mut der Hambüchens: "Besser gehts nicht, mehr kann man dazu einfach nicht sagen."

Vor allem am Reck, an dem der Olympia-Zweite von London seine eigentlich erst für das WM-Finale am Sonntag (16.40 Uhr) vorgesehene Übung mit dem erhöhten Schwierigkeitswert von 7,4 Punkten auspackte und sie nahezu makellos präsentierte.

"Epke wird das gesehen haben", sagte Hambüchen junior schon mit Blick auf die Entscheidung am Königsgerät.

Wink an den Rivalen

Olympiasieger Epke Zonderland aus den Niederlanden ist der schärfste Reck-Rivale des Ex-Weltmeisters.

Dieses Duell verspricht der krönende Abschluss der Welt-Titelkämpfe in der belgischen Diamanten - Metropole zu werden.

Am Reck dürfte Hambüchen bis Olympia 2016 in Rio de Janeiro auf höchstem Niveau konkurrenzfähig bleiben.

Die Konkurrenz schläft nicht

In der Königsdisziplin Mehrkampf hingegen könnte die Luft dünner werden. Schon in den Top Ten von Antwerpen war er der Älteste.

"Mehrkampfmedaillen zu gewinnen, wird für Fabian immer schwieriger werden. In absehbarer Zeit werden die jungen Turner vorbeiziehen", so Vater Wolfgang.

Zwar werde Fabian weiter an der Schwachstelle Seitpferd arbeiten, "aber Quantensprünge sind da in seinem Alter nicht mehr drin".

Uchimura unerreicht

Die schier unfassbare und sich über alle sechs Geräte erstreckende weitgehende Perfektion eines Kohei Uchimura ist ohnehin für alle Konkurrenten unerreichbar.

Beinahe wie ein Schlafwandler, mit nahezu geschlossenen Augen hinter seiner Wuschelfrisur, wurde der Olympiasieger zum vierten Mal binnen vier Jahren Weltmeister - ein nie zuvor erreichter Wert.

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