Marcel Nguyen hat bei Olympia 2008 mit dem deutschen Team Platz vier belegt © getty

Marcel Nguyen schnappt sich am Barren erneut EM-Gold, sein Coach klagt aber über seinen Trainingseifer. Frust herrscht bei Boy.

Montpellier - Vor einem Jahr in Berlin feierten sie noch gemeinsam ihre EM-Titel, in Montpellier hatte nur noch Marcel Nguyen Grund zum Jubeln:

Der alte und neue Barren-Europameister winkte noch glückstrahlend ins Publikum, da hatte sich ein maßlos enttäuschter Philipp Boy längst vom Turnpodium geschlichen, um ganz allein seinen Frust zu verarbeiten. (Bericht: Gold für Ngyuen, Drama um Boy).

Und ihn zu kanalisieren, Richtung London, Richtung Olympia: "Mein freies langes Wochenende habe ich schon gestrichen, Ich bin heiß darauf, so richtig durchzutrainieren. Und ich werde mir die Sicherheit, die noch fehlt, wieder zurückholen."

Mit Glück im Finale

Nur mit Glück hatte der Mehrkampf-Europameister überhaupt das Reckfinale erreicht, doch statt diese unverhoffte Chance zu nutzen, schmierte Boy am "Königsgerät" gleich zweimal beim Pineda und beim Kolman so richtig ab.

Mit verletzungsbedingtem Trainingsrückstand und wenig Wettkampfpraxis angereist, ging die internationale Generalprobe des Lausitzers so gründlich daneben, dass der 24-Jährige um Klartext gar nicht mehr herumkam: "Diese EM habe ich komplett in den Sand gesetzt."

Nguyen verteidigt Titel

Zwar leistete sich auch Nguyen während der europäischen Titelkämpfe so manche Nachlässigkeit, aber zumindest seinen Vorjahressieg aus der Max-Schmeling-Halle wollte der Stabsgefreite der Bundeswehr in der südfranzösischen Mittelmeermetropole unbedingt wiederholen und war entsprechend fokussiert.

"Ich habe auf jede Kleinigkeit geachtet, dann lief die Übung fast von allein", sagte der Unterhachinger, der den Kampfrichtern den höchsten Ausgangswert aller Barrenturner (6,8) anbot und in dieser Verfassung auch bei Olympia das Finale erreichen könnte.

Coach stellt Börsen-Vergleich an

Dabei glauben viele, dass Nguyen ohne sein mitunter hartnäckiges Phlegma auch an anderen Geräten und im Mehrkampf noch erfolgreicher sein könnte.

Sein Trainer Valeri Belenki kann sich das ebenfalls sehr gut vorstellen: "Marcel ist schon ehrgeizig, aber manchmal hat er einfach keinen Bock auf Training. Es ist bei ihm wie an der Börse, es geht rauf und runter."

Bei Boy ist es eher das überschäumende Temperament, dass dem zweimaligen Vize-Weltmeister oftmals im Wege steht.

Team-Konkurrenz verpatzt

Zwar turnte der Lausitzer nach seinen beiden Stürzen tapfer zu Ende, aber "früher hätte ich die Reckriemchen in die Ecke geschmissen", bekannte der Autofan ohne Umschweife.

Er mochte es nicht zugeben, aber ihn wurmte es auch, dass es mit ihm als Vorturner für die deutsche Riege im Team-Wettbewerb nicht zur erfolgreichen Titelverteidigung, sondern nur zu Platz sechs reichte.

Heimlicher Sieger Hambüchen?

So durfte sich indirekt Fabian Hambüchen als heimlicher Sieger fühlen.

Nach Absprache mit Bundestrainer Andreas Hirsch und mit Hinweis auf den im vergangenen Jahr erlittenen Achillessehnenriss durfte der ehemalige Reck-Weltmeister aus Wetzlar die Reise nach Montpellier absagen, 2010 hatte er die deutsche Mannschaft noch zu EM-Gold geführt.

Ob es mit dem Olympia-Dritten in der ParkundSuites Arena erfolgreicher gelaufen wäre, darüber wollte der Chefcoach nicht spekulieren.

Hirsch vermisst Stabilität

"Es gab zweifellos Mängel in der Stabilität und wir haben schon bessere Tage erlebt", sagte Hirsch, der Hambüchens Fernbleiben mit dessen Angst vor einer erneuten Verletzung begründete.

Er sei aber über den Stand der Olympia-Vorbereitungen immer aktuell informiert: "Räumliche Distanz ist heute ja kein Problem mehr."

Problematisch wird es für den Analysten aber werden, das bestmögliche Quintett für Olympia zusammenzustellen.

Zwei Team-Plätze noch offen

Hambüchen, Boy und Nguyen dürfen als gesetzt gelten, aber der sprunggewaltige Hallenser Matthias Fahrig konnte sich mit Rang fünf beim Sprung und einer verpatzten Bodenübung ebenso nur bedingt empfehlen wie Routinier Eugen Spiridonov, dem es bei aller Stabilität an Übungsinhalten fehlt.

Sebastian Krimmer aus Stuttgart hatte in Montpellier die meisten Probleme mit seinem vermeintlichen Paradegerät, dem Seitpferd.

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