Jan Frodeno wurde 2008 Olympiasieger
Jan Frodeno gewann bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking die Goldmedaille © imago

Bei den Ironman-70.3-Europameisterschaften in Wiesbaden sucht Frodeno seine Schuhe. Bazlens Rad streikt. Am Ende jubeln andere.

Von Jan Saegert/tri-mag

Wiesbaden - Ein verschollener Wechselbeutel hat dem Triathlon-Olympiasieger das Debüt bei den Ironman-70.3-Europameisterschaften in Wiesbaden (Highlights ab 16.30 Uhr im TV auf SPORT1) verhagelt.

40 Sekunden fehlten dem 31-Jährigen nach 1,9 Kilometern Schwimmen, 90 Radkilometern und einem Halbmarathon über 21,1 Kilometer zum Titel.

Nutznießer des von Frodeno unverschuldeten Missgeschicks war der junge Ritchie Nicholls, der sich als erster Brite und mit neuem Streckenrekord (3:56:55 Std.) in die Siegerliste der 70.3-EM eintrug.

Frodeno als erster an Land

Bei perfektem Triathlonwetter hatten sich knapp 3.000 Profis und Amateure am Raunheimer Waldsee auf den Weg Richtung Wiesbadener Kurhaus gemacht.

Frodeno war nach knapp 21 Minuten der Erste, der wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Mit vier seiner früheren Kurzdistanz-Konkurrenten am Hinterrad und einem komfortablen Vorsprung auf den aktuellen 70.3-Weltmeister, Sebastian Kienle, stürzte sich der gebürtige Rheinländer danach in den kniffligen Radkurs.

Kienle brauchte mehr als eine Stunde, um sich durchs Feld zu kämpfen und die Lücke nach vorn zu schließen.

Seine verzweifelten Versuche, die große Spitzengruppe noch vor dem Wechsel zum Laufen zu sprengen, scheiterten. "Ich habe es versucht, aber mir hat heute der Punch gefehlt", gestand der Vierte des Ironman Hawaii von 2012 später im Ziel.

Auf der Suche nach dem Wechselbeutel

Im Sekundenabstand rollten Kienle, Frodeno und ein Dutzend weitere Athleten also zum zweiten Wechsel.

Im Sekundenabstand gingen sie auch auf die Laufstrecke. Nur einer fehlte: Frodeno. Denn der war noch auf der Suche nach dem Beutel mit seinen Laufschuhen. "Ich bin die Wechselzone drei Mal hoch und runter gelaufen, habe alles durchsucht", schilderte der Olympiasieger von 2008 nach dem Rennen die Szene des Tages.

Unter den Beuteln der Agegrouper habe er seinen schließlich doch noch gefunden.

Starke Aufholjagd

Mit Wut im Bauch, fast eineinhalb Minuten Rückstand und einem Höllentempo machte er sich auf die vier Laufrunden und schnappte sich, teilweise von Krämpfen geplagt, alle - bis auf Ritchie Nicholls.

"Mir war klar, dass Ritchie ein sehr starker Läufer ist", so Frodeno über das Duell mit dem Briten. Beiden waren auf den 21 Kilometern fast zweieinhalb Minuten schneller als Vorjahressieger Michael Raelert, der seinen Start wenige Tage vor dem Rennen verletzungsbedingt abgesagt hatte.

Den Titel des Rostockers erbte Nicholls, der in Wiesbaden zudem als erster Profi die 4-Stunden-Marke knackte.

Las Vegas als Trostpflaster

Das gelang auch Frodeno ? doch die in der Wechselzone verlorenen Sekunden fehlten ihm am Ende zum EM-Titel.

Als kleines Trostpflaster bekam der Deutsche einen Tag nach dem Rennen die Einladung zu den 70.3-Weltmeisterschaften am 8. September in Las Vegas (USA). Dort kommt es wohl dann auch zum ersten Duell mit Raelert, der als zweimaliger Weltmeister automatisch für die WM qualifiziert ist.

Sebastian Kienle verpasste seinen zweiten Wiesbaden-Sieg deutlich. Er fiel beim Laufen noch auf Platz sechs zurück. Mehr gebe sein Form aktuell nicht her. "Das muss ich so akzeptieren", sagte er gegenüber "tri-mag.de".

Bazlen lässt das Rad stehen

Im Rennen der Frauen spielte sich die vielleicht rennentscheidende Szene schon nach zehn Radkilometern ab.

Denn da streikte die elektronische Schaltung an der Zeitfahrmaschine von Svenja Bazlen.

Die als eine der großen Favoritinnen gestartete Tübingerin quälte sich zwar noch über einige Hügel des Rheingau-Taunus-Kreises, stellte ihr Rad nach 25 Kilometer schließlich aber doch frustriert an den Straßenrand.

Damit war der Weg frei für Annabel Luxford und Daniela Ryf.

Ryf siegt nach Steigerungslauf

Die Australierin Luxford, nach dem Schwimmen eineinhalb Minuten vor der Schweizerin, strampelte 90 Kilometer allein über den Kurs mit knapp 1.500 Höhenmetern. Ryf, schon in der Kurzdistanz-Szene als eine der stärksten Radfahrerinnen bekannt, lauerte die ganze Zeit dahinter.

Beim zweiten Wechsel konnte sie Luxford schon fast sehen. "Ich wollte nicht so schnell anlaufen", erklärte Ryf später ihre Taktik für den finalen Halbmarathon.

Die richtige Entscheidung der 26-Jährigen aus Solothurn. Denn auf den letzten zehn Kilometern setzte sie zu einem famosen Steigerungslauf an.

So musste Luxford, die das Rennen 110 der 113 Kilometer angeführt hatte, den sicher geglaubten Titel kurz vor dem Ziel doch noch an die Schweizerin abtreten.

"Das war ein perfektes Rennen", jubelte Ryf nach dem Rennen. Obendrauf gab's noch den Streckenrekord (4:31:34 Std.), den die Deutsche Anja Beranek erst im vergangenen Jahr aufgestellt hatte.

Weiterlesen