Dimitri Ovtcharov gewann 2012 in London Olympia-Bronze im Einzel © imago

Mit dem Double sorgen die DTTB-Teams für chinesische Verhältnisse in Europa. Das Rezept "made in China" kontert der Präsident.

Schwechat/München - Nach dem kranken Timo Boll fragte in Schwechat eigentlich niemand.

Dimitrij Ovtcharov und seine Mitstreiter berauschten sich nach dem ersten Double für die Teams des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) in der 55-jährigen EM-Geschichte vor allem und ganz besonders an sich selbst (BERICHT: Double für DTTB-Teams).

"Wir haben nicht gefeiert, sondern uns mit dem ganzen Team noch eine Stunde lang Ausschnitte von dem Spiel im Fernsehen angeschaut", erzählte der Olympiadritte nach der sportlichen Abnabelung vom langjährigen Leitwolf Boll.

Die Leistung entscheidet

Nicht nur Spaß brachte dagegen den DTTB-Damen die Rückkehr auf den EM-Thron nach 15 Jahren. Das insgesamt fünfte EM-Gold löste angesichts dreier drei gebürtiger Chinesinnen im Sieger-Team eine Debatte über den Wert des Titels "made in China" aus.

"Bei uns zählt: Wer gut ist, darf für uns spielen", konterte DTTB-Präsident Thomas Weikert im Gespräch mit der Tageszeitung "Neues Deutschland" Vorwürfe wegen vermeintlicher Vernachlässigung einheimischer Spielerinnen:

"Über die Nominierung entscheidet letztlich nicht das Aussehen des Gesichts, sondern die sportliche Leistung."

Keine vorzeitige Einbürgerung

Unter den besten fünf Athletinnen seien in Deutschland "nun mal drei, die in China geboren wurden. Wenn wir ihnen wegen ihrer Herkunft eine EM-Teilnahme verbieten würden, obwohl sie alles dafür getan haben, um für uns zu spielen, dann stecken wir ganz schnell in einer Ecke, in der wir gar nicht sein wollen", sagte Weikert.

Nach dem EM-Gold vor den Toren Wiens, wo besonders die aus China stammenden Debütantinnen Han Ying und Shan Xiaona herausragten, verneinte Weikert zugleich gezielte "Erfolgs-Importe".

Im Präsidium gebe es seit Jahren einen Beschluss, "dass wir für niemanden einen vorzeitigen Antrag auf Einbürgerung stellen. Wer jedoch nach acht Jahren in Deutschland eingebürgert wird, hat nicht nur alle Pflichten als deutscher Staatsbürger, sondern auch alle Rechte - also auch für die Nationalmannschaft zu spielen."

Erfolg als Spielerin und Trainerin

Das gelang dem Duo auch beim 3:1-Finalsieg gegen Rumänien. Die ebenfalls aus China stammende Bundestrainerin Jie Schöpp, 1998 beim bis dato letzten EM-Titel des deutschen Teams als Spielerin eine Erfolgsgarantin, mochte denn auch überhaupt nicht zur Diskussion beitragen und freute sich lieber über den ersten großen Erfolg ihrer zweiten Tischtennis-Karriere:

"So ein Titel ist ein Traum. Es gibt nichts Schöneres für einen Trainer. Es ist wunderbar."

Schwedens Rekord nur Zwischenstation

Wunderbar fühlten sich auch Ovtcharov und Co. nach dem ersten EM-Titel für ein deutsches Herren-Team ohne den grippekranken Boll.

Ovtcharov, der nach Bolls Absage ab Freitag auch seinen ersten EM-Titel im Einzel anstrebt, hält die Einstellung von Schwedens 39 Jahre altem Rekord von fünf erfolgreichen Titelverteidigungen nacheinander nur für eine Zwischenstation. "Ich glaube, dass wir noch einige Jahre in Europa dominieren können", sagte der 25-Jährige.

Angriff auf China

Für Roßkopf ist Europa, wo das Machtgefüge den chinesischen Verhältnisse auf Weltebene ähnelt, derzeit ohnehin nur ein besserer Trainingsplatz: "Unser Hauptziel ist, an die Chinesen heranzukommen. Da helfen uns solche Finals mit viel Stress weiter."

Noch mehr Selbstvertrauen beim Angriff auf China sollen am Wochenende weitere Erfolge in Einzel und Doppel bringen: "Wir versuchen, noch ein paar Kronen zu sammeln."

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