Timo Boll gewann mit dem Team bei Olympia 2008 in Peking die Silbermedaille © getty

Deutschlands Nummer eins analysiert im SPORT1-Interview das 0:3 im WM-Finale und blickt schon wieder in Richtung Olympia.

Aus Dortmund berichtet Thorsten Langenbahn

Dortmund - Die deutschen Tischtennis-Herren waren gegen China immer wieder nah dran - trotzdem stand nach dem WM-Finale ein schmuckloses 0:3 auf der Ergebnistafel.

"Gegen die Chinesen ist es eine Achterbahn der Gefühle, weil man merkt, dass sie ein unglaublich hohes Niveau spielen", sagte Boll nach dem Endspiel gegen den nun 18-maligen Rekordchampion zu SPORT1.

Nach drei vergeblichen Versuchen 1969, 2004 und 2010 wurde es auch im vierten Anlauf nichts mit dem ersten Mannschafts-Titel für Deutschland.

Doch Boll gewinnt der Niederlage auch etwas Positives ab. "Daraus ziehe ich wieder neue Motivation", sagt die Nummer sechs der Weltrangliste.

Im SPORT1-Interview spricht der 31-Jährige über die weiteren Ziele im Olympia-Jahr, die Kritik von Bundestrainer Jörg Rosskopf an seinem Trainingsfleiß und verrät außerdem, wie er als bester Nicht-Chinese der Welt von den Chinesen lernen kann.

SPORT1: Herr Boll, Sie haben vorher gesagt, der WM-Titel ist nur gegen China etwas wert. Was ist denn nun diese Vize-Weltmeisterschaft für Deutschland wert?

Timo Boll: Genauso viel wie der Titel, ohne gegen China gewonnen zu haben (lacht). Es sieht ja jeder, dass die Chinesen wahnsinnig stark sind. Klar wäre es auch schön gewesen, Weltmeister gegen Korea oder gegen Japan zu werden. Aber insgeheim muss man die Chinesen schlagen, um sich wirklich Weltmeister nennen zu dürfen (NACHBERICHT: "Titel nur gegen China was wert").

SPORT1: Der Bundestrainer hatte vorher vor der "chinesischen Wand" gewarnt. Warum konnten Sie und Ihr Team diese Wand nicht durchbrechen?

Boll: Wir standen natürlich sehr unter Druck. Wenn man dann so ein paar Möglichkeiten bekommt, muss man auch die Ruhe bewahren und sich von diesem Druck lösen und sein Spiel runterspielen. Aber das ist halt schwierig. Gegen die Chinesen ist es eine Achterbahn der Gefühle, weil man merkt, dass sie ein unglaublich hohes Niveau spielen, aber wenn sie einem einen einfachen Ball geben und man den nicht nutzt, ist das umso ärgerlicher. Da kommt man schnell in einen Strudel rein, der einen nach unten reißt. Das ist gerade bei mir und bei Dima (Dimitri Ovtcharov, Anm. d. Red.) ein bisschen passiert. Das ärgert einen, denn von ihrer Spielweise hätten wir die Möglichkeiten gehabt.

SPORT1: Was muss alles passen, um gegen China zu gewinnen?

Boll: Man muss einfach über sich hinauswachsen. Es reicht keine solide Leistung, es muss ein Sahnetag sein. Wir haben nicht schlecht gespielt, waren auf dem Niveau der letzten Tage, aber das reicht nicht gegen die Chinesen. Da muss man noch eine Schippe drauflegen können. Aber es ist auch schwierig, man ist ein bisschen nervös vor so einer Kulisse ? in einem WM-Finale ticken die Uhren einfach ein bisschen anders.

SPORT1: Das WM-Endspiel gegen China 2010 in Moskau ging 1:3 verloren. Was war bei der Neuauflage anders?

Boll: Die Chinesen werden auch immer reifer, das sind ja alles noch junge Kerle. Gegen Ma Long habe ich mich damals in einen Rausch gespielt. Das hat mir heute gefehlt. Das ist schade, aber auch nicht immer einfach, sich über das Limit hinaus pushen zu können. Wir werden weiter dran arbeiten, dass Grundniveau für die Zukunft ein bisschen zu erhöhen. Ich hoffe, dass ich bis zur Olympiade gesund bleibe und dann bin ich mir sicher, dass ich noch stärker bin.

SPORT1: Was ist bei Olympia in London möglich für das deutsche Tischtennis?

Boll: Ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg. Wir haben nicht mehr nur einen Timo Boll, es ist nicht mehr nur eine One-man-Show. Dima hat ein super Turnier gespielt, die anderen auch. Wir ziehen uns mittlerweile gegenseitig nach oben, ein bisschen wie beim chinesischen System. Aber trotzdem brauchen wir immer wieder diese Duelle gegen die Chinesen, das ist einfach nochmal ein anderes Level. Das merke ich schon immer, wenn ich in China spiele und gegen sie trainiere, dass das eigene Niveau noch mal nach oben schießt. Aber das ist schon wieder lange her und dazwischen lagen viele Verletzungen, da ist der Effekt ein bisschen verpufft. Aber ich glaube, das ist der richtige Weg (Ovtcharov: Das "unheimliche" Juwel in Bolls Schatten).

SPORT1: Wünscht man sich als bester Nicht-Chinese der Welt manchmal, auf der anderen Seite zu stehen?

Boll: Nein. Sie wissen einerseits, sie können ihrem Mitspieler vertrauen, andererseits haben sie auch sehr viel Druck. Jeder erwartet, dass sie Weltmeister werden und sie kämpfen auch noch um ihr Olympiaticket. Da darf man sich gegen einen Deutschen schon mal gar keine Niederlage erlauben.

SPORT1: Bundestrainer Jörg Roßkopf hat gesagt, Sie müssten sich um eine Olympia-Medaille keine Sorgen machen, wenn sie noch mehr trainieren würden. Ist die Botschaft angekommen?

Boll: Ich glaube, man muss mich nicht zum Training zwingen. Das kommt alles ein bisschen falsch rüber. Ich bin schon ein sehr ehrgeiziger und fleißiger Spieler. Was will man machen, wenn man den Arm nicht heben oder keine Vorhand spielen kann. Man kann halt nicht über den Schmerz hinaus trainieren. Das war zuletzt ein bisschen das Problem. Da sind wir uns schon einig, dass man hart arbeiten und trainieren muss, um sich dann vor allem auch mit den Chinesen zu messen.

SPORT1: Welchen Anteil hat denn der Bundestrainer an diesem Mannschaftserfolg?

Boll: Ähnlich wie sein Vorgänger Richard Prause führt er uns auf den richtigen Weg: Dass wir oft miteinander trainieren, unser Spiel ständig modernisieren und dem Trend nachgehen, ähnlich wie die Chinesen zu spielen, aggressiver zu werden und im athletischen Bereich zu arbeiten. Da sind wir uns alle einig, dass das ein sehr gutes Team ist.

SPORT1: War vor dieser Kulisse in der Dortmunder Westfalenhalle der Geist von Steffen Fetzner/Jörg Roßkopf spürbar, die 1989 an gleicher Stelle sensationell WM-Gold im Doppel holten?

Boll: Es war insgesamt ein tolles Erlebnis, unvergesslich. Das ist für einen Tischtennisspieler auch nicht alltäglich. Wir hätten uns natürlich dieses richtige Happy End gewünscht, aber man muss sagen, die Chinesen sind verdient Weltmeister geworden. Da war leider noch kein Kraut gegen gewachsen.

SPORT1: Wie lange brauchen Sie, um sich von so einer Finalniederlage zu erholen?

Boll: Normalerweise nicht lange. Zwei Stunden (lacht)? In zwei Stunden bin ich wieder der alte. Das ist auch eine Qualität von mir, dass ich eine Niederlage schnell verschmerzen kann und daraus wieder neue Motivation ziehe. Das tut mir eigentlich immer mehr gut, als wenn wir heute vielleicht gewonnen hätten (lacht).

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