Boll (o., 2.v.l.) gewann fünf Mal den EM-Titel im Einzel - zuletzt im Jahr 2011 © getty

Die deutschen Herren verpassen gegen China im vierten Anlauf den WM-Titel. Boll muss seine erste Turnier-Pleite hinnehmen.

Dortmund - Als Wang Hao mit einem Jubelschrei den Gold-Traum der deutschen Tischtennis-Herren zerplatzen ließ, feierten die Fans in der Westfalenhalle die Silberjungs um Timo Boll trotzdem wie Weltmeister.

0:3 mussten sich Boll und Co. im Endspiel von Dortmund dem übermächtigen Rekord-Weltmeister China in einem einseitigen Duell geschlagen geben.

Auch beim Heimspiel wurde es nichts mit dem ersehnten ersten Team-Gold für Deutschland, das zum vierten Mal nach 1969, 2004 und 2010 mit Silber Vorlieb nehmen muss.

China ist derzeit unschlagbar

Die "beste deutsche Mannschaft, die es je gab", wie Bundestrainer Jörg Roßkopf vor dem Turnier befand, konnte sich am Ende vor der Leistung des übermächtigen Weltmeisters, der zum sechsten Mal in Serie triumphierte und WM-Titel Nummer 18 feierte, nur verneigen. "Sie sind nicht nur athletisch, sondern auch mental extrem stark", sagte Boll anerkennend.

Roßkopf aber trauerte trotz der deutlichen Niederlage der vergebenen Gold-Chance nach:

"Ich glaube schon, dass meine Spieler noch besser spielen können, aber für ein WM-Finale war das schon sehr, sehr stark."

Der zweite Heimtriumph nach 1989 an gleicher Stelle, als das Doppel Jörg Roßkopf/Steffen Fetzner sensationell Gold gewonnen hatte, kam aber vor allem wegen der Extraklasse Chinas nicht zustande.

Erste Niederlage im achten WM-Spiel

Mit den Top 3 der Welt, Ma Long, Wang Hao und Zhang Jike, konnten auch die Ausnahmespieler Boll, Dimitrij Ovtcharov und Vize-Europameister Patrick Baum mit 11.000 Zuschauern in der ausverkauften Westfalenhalle im Rücken nicht mithalten und mussten im achten WM-Spiel die erste Niederlage hinnehmen.

Dabei trat Boll, der sich am Morgen noch mit einem Spaziergang mit seinem Hund Carry abgelenkt hatte, im Endspiel erstmals bei der WM als Erster an den Tisch (NACHBERICHT: "Titel nur gegen China was wert").

Gegen Einzel-Weltmeister Zhang Jike kämpfte sich der Weltranglistensechste unter "Timo, Timo"-Rufen der Zuschauer mit einem Kraftakt nach 0:2-Rückstand zwar noch auf 2:2 heran, musste sich nach zahlreichen Fehlern im Entscheidungssatz aber dem abgeklärten 24-jährigen Chinesen beugen.

"Man hat gesehen, dass wir anfangs beide nervös waren", gab der 31-Jährige nach der knappen Niederlage zu und nahm sich selbst in die Krtik: "Wir sind natürlich alle unzufrieden, dass wir unsere wenigen Chancen nicht nutzen konnten."

Ovtcharov zeigt Nerven

Top-12-Sieger Ovtcharov konnte im Anschluss gegen den Weltranglistenersten Ma Long seine Topform nicht noch einmal abrufen (Ovtcharov: Das "unheimliche" Juwel in Bolls Schatten).

Dem 23-Jährigen, der in seinen starken Auftritten zuvor unterstrichen hatte, dass er zurecht unter den Top 10 der Welt steht, unterlief Fehler um Fehler, was Ma Long eiskalt zum 3:0-Sieg nutzte.

Beim Schlussduell mit Wang Hao konnte Vize-Europameister Baum nur im ersten Satz ernsthafte Gegenwehr leisten.

Wang Hao gewinnt alle Einzelspiele

Nach 2:20 Stunden Spielzeit feierte der alte und neue Weltmeister mit dem abschließenden 3:1 einen unnachahmlichen Durchmarsch und gewann alle 24 Einzel im Turnier.

Bereits vor dem Endspiel hatte der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) überaus zufrieden ein WM-Fazit gezogen.

Sowohl aus sportlicher als auch aus organisatorischer Sicht sei die WM ein "hervorragendes Turnier" gewesen, sagte DTTB-Präsident Thomas Weikert: `Dortmund hat sich nach 1959 und 1989 erneut als gutes Pflaster für den Tischtennis-Sport gezeigt."

Auch Abschneiden der Damen zufriedenstellend

Auch der siebte Platz der Damen sei zwei Jahre nach dem Bronze-Coup in Moskau und dem Trainerwechsel wenige Wochen vor Turnierbeginn alles andere als ein Rückschritt, sagte Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig.

"Die Damen sind sehr spielstark aufgetreten, für mich war die Leistung hier besser als vor zwei Jahren in Moskau. Es fehlten nur zwei Bälle zur Sensation", sagte der Ex-Bundestrainer mit Blick auf das knapp verlorene Viertelfinale gegen Titelverteidiger Singapur (2:3) am Freitag und die damit vergebene Medaillenchance.

Weiterlesen