Die Amerikanerin Serena Williams hat bisher 40 Ttiel auf der WTA-Tour gewonnen © getty

Nach der historischen Pleite sucht Serena Williams nach dem "Warum" und wird in ihrer und Razzanos Lebensgeschichte fündig.

Paris - Auf den ersten Blick war es nur ein Tennisspiel.

Ein dramatisches, klar, mit sieben vergebenen Matchbällen, drei Stunden Spielzeit und vielen, vielen Fehlern. Bei genauerem Hinschauen sahen die Zuschauer auf dem Court Philippe Chatrier Tränen, Verzweiflung, Angst und Mut.

Serena Williams und Virginie Razzano lieferten sich in der ersten Runde der French Open (täglich im LIVE-TICKER) ein episches Duell, das beide wohl nicht so schnell vergessen werden.

Williams wird ihre Niederlage als eine ihrer bittersten Stunden auf einem Tennisplatz in Erinnerung behalten.

Die Frage nach dem "Warum"

Nie zuvor war die 13-malige Grand-Slam-Siegerin in der ersten Runde eines Majors ausgeschieden, selten hat sie eine 5:1-Führung im Tiebreak noch aus der Hand gegeben.

"Dafür gibt es keine Entschuldigung", sagte die 30-Jährige am Ende ihres langen Arbeitstages niedergeschlagen: "Ich war 100-prozentig gesund."

Die Amerikanerin wusste keine Antwort auf die Frage nach dem "Warum". Warum hatte sie die zwei fehlenden Punkte nicht gemacht?

Warum hatte sie eine offensichtlich angeschlagene Gegnerin nicht laufen lassen? Warum hatte sie, die Weltranglistenfünfte und ehemalige French-Open-Siegerin, gegen die 106 Plätze hinter ihr liegende Razzano verloren?

Krämpfe und Tränen

Während Williams schon längst in die Pariser Nacht verschwunden war, versuchte die Französin eine Erklärung für die Geschehnisse zu finden (DATENCENTER: Ergebnisse Damen).

"War es Schicksal? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich den Sieg unbedingt wollte", sagte Razzano.

Von Krämpfen geplagt hatte sie sich von Ballwechsel zu Ballwechsel geschleppt, einen Punktabzug kassiert, weil sie vor Schmerzen zu laut aufgeschrien hatte, und doch jeden Punkt gespielt, als sei es ihr letzter.

Die Tränen waren ihre Wangen runtergekullert, bevor sie den Matchball zum 4:6, 7:6 (7:5), 6:3 verwandelte, dem "schönsten Sieg" ihres Lebens 565364 (DIASHOW: Die Bilder der French Open) .

"Gib jetzt nicht auf!"

Acht Anläufe brauchte Razzano für diesen letzten Punkt, selbst ihre zahlreichen Fans auf der Tribüne verloren trotz der Führung langsam den Glauben an ein gutes Ende.

Nicht so die 29-Jährige: "Ich hatte Krämpfe, aber ich wusste, dass ich sie schlagen kann. Ich habe mir gesagt: Gib jetzt nicht auf! Obwohl ich drei Nächte vor dem Spiel nicht richtig schlafen konnte."

Razzano mit schwerem Schicksal

Paris, die French Open, das Leben - irgendwer oder irgendwas schuldete Razzano diesen großen Erfolg.

Vor einem Jahr war ihr Verlobter Stephane Vidal an einem Gehirntumor gestorben, mit 32 Jahren. Acht Tage später hatte sie ihm seinen letzten Wunsch erfüllt und in Roland Garros aufgeschlagen.

"Es war sehr schwer für mich, auf den Platz zu gehen. Ich habe viel Schmerz und große Emotionen empfunden", hatte sie damals gesagt.

Zwölf Monate nach diesem Schicksalsschlag war alles einfach und selbstverständlich.

"Es hat seine Zeit gedauert. Aber ich habe mit jemandem gearbeitet und gefühlt, dass ich bereit bin, mein Leben als Profi und als Person wieder aufzunehmen", sagte Razzano.

"Wir haben alle unsere Geschichten"

Das nötigte auch Williams Respekt ab und führte schließlich doch zu einer Erklärung für den ungewöhnlichen Ausgang eines ungewöhnlichen Matches.

"Ich kenne ihre Geschichte. Wir haben alle unsere Geschichten. Ich meine: Ich bin fast gestorben", sagte Williams, die an einer Lungenembolie erkrankt war und 2003 ihre ältere Schwester Yetunde verlor, die bei einer Bandenschießerei ums Leben kam: "Es kommt immer darauf an, wie man mit seinem Schicksal umgeht. Und Virginie tut das offensichtlich ziemlich gut."

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