Becker (r.) wird der neue Trainer des Weltranlisten-Zweiten Djokovic © getty

Der Neucoach legt sich für Djokovic schon über Weihnachten ins Zeug, könnte ihn sehr wohl voranbringen. SPORT1-Analyse.

Von Marcel Guboff

München ? Es war die Sensationsnachricht der Woche - und Boris Becker steht bereits in den Startlöchern und scharrt mit den Hufen:

Schon am zweiten Weihnachtsfeiertag beginnt das frühere deutsche Tennis-Idol seinen Job als Trainer des Weltranglisten-Zweiten Novak Djokovic (Bericht) - beim Show-Turnier im Nahen Osten.

"Am 26. Dezember fliege ich nach Abu Dhabi, am 27. Dezember sitze ich dann das erste Mal bei Novak in der Box", sagte der 46-Jährige der "Bild".

Die Meinungen über die Zusammenarbeit des früheren Weltklasse-Spielers mit dem "Djoker" gehen weit auseinander: Während die einen glauben, dass es "Boom machen" wird (L'Equipe), zweifeln die anderen an Beckers Fähigkeit, ins zweite Glied zu rücken. (Pressestimmen)

"Er muss sich zurücknehmen, wenn er mit Djokovic unterwegs ist", sagt etwa Becker-Entdecker Günther Bosch. "Novak hat das Sagen und nicht sein Trainer." (Bericht)

Was steckt dahinter?

Doch sollte das Gespann Becker/Djokovic funktionieren, könnte es am Ende eine Win-Win-Situation geben. SPORT1 erklärt, was hinter dem Deal steckt - und warum vor allem Djokovic als ganz großer Sieger daraus hervorgehen kann:

Sehnsucht nach Wimbledon-Erfolgen

Boris Becker gilt als Wimbledon-Legende. Mit 17 Jahren gewann der Deutsche 1985 sein erstes von insgesamt drei Wimbledon-Titeln. Damit ist er nach wie vor jüngster Sieger in der Geschichte des prestigeträchtigen Turniers.

Djokovic hat auf dem Londoner Rasen dagegen weniger Glück. 2011 gewann der 26-Jährige das Turnier zum ersten und bisher einzigen Mal.

2010 und 2012 war das Turnier für den Serben bereits im Halbfinale beendet, in diesem Jahr unterlag er im Endspiel Andy Murray.

Becker, der nun das erste Foto seines Teams um seinen neuen Schützling twittere, könnte "Nole" das Wimbledon-Gen einimpfen - und so die letzten Prozentpunkte aus Djokovic herauskitzeln, um nicht wieder kurz vor dem Ziel zu scheitern.

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Psychologische und mentale Stärke

Zweifelsohne: Spielerisch bewegt sich Djokovic als Weltranglisten-Zweiter, der auch bereits Nummer 1 war, auf einem Top-Level.

"Ihm fehlt gar nichts mehr", sagt etwa Ex-Profi Nicolas Kiefer bei "Sky". In dieser Hinsicht könnte Becker wohl nicht viel ausrichten.

Mit erneuerte Hüfte und kräftiger Statur ist ohnehin nicht zu erwarten, dass der Headcoach selbst auf dem Platz stehen wird.

Bosch: Boris war einmalig

Doch spielerische Stärke allein ist eben nicht alles ? auf den Kopf kommt es genauso an. Und in dieser Hinsicht kann Becker den Serben sicherlich noch zu weiterer Stärke verhelfen.

Er ist als Motivator gefordert. Es muss den Serben, der zuletzt immer wieder an seinem großen Rivalen Rafael Nadal gescheitert war, mental noch stärker machen.

Genau das waren auch Beckers Motivationsgründe. ."Die letzten fünf oder zehn Prozent haben vielleicht gefehlt - aus welchem Grund auch immer", erklärte der Wahl-Londoner dem britischen TV-Sender "BBC".

Daher habe er vor seiner Entscheidung auch um ein Gespräch mit Djokovic gebeten: "Ich sagte, ich will mich mit dir treffen und sehen, wie sehr du es willst, wie sehr das Feuer in dir brennt und was noch übrig ist. Und wieviel ich einbringen kann."

"Boris wird mitleiden"

Eine Menge, glaubt Bosch: "Er kann ihm beibringen, dass verloren geglaubte Spiele noch lange nicht verloren sind. In diesem Punkt war Boris einmalig."

Und er ergänzt: "Boris kann alle mitreißen, er wird Freude und Ärger vermitteln können. Boris wird mitleiden, er wird in der Box seelisch und geistig genauso mitspielen wie Djokovic unten auf dem Platz."

Außerdem komme es beim Match in erster Linie nicht auf die Fehler des Gegners an, sondern auf "eigenen Mut und das eigene Können", so der ehemaliger Erfolgstrainer.

Auch in dieser Hinsicht dürfte der Serbe vom Wirken seines neuen Headcoachs Kapital schlagen. (KOMMENTAR: Becker muss das Ego zurückfahren)

Serve-and-volley-Spiel

Aufschlag, nach vorne stürmen, den Punkt machen: Becker gehörte zu den Spielern, die diese dynamische Strategie seinerzeit zur Perfektion entwickelt hatten.

Djokovic dagegen, urteilen die Kritiker, habe bei seinem Spiel am Netz noch Luft nach oben.

"Außerhalb des Platzes kann man immer viel sehen. In diesem Bereich kann er Novak viel weiterhelfen", glaubt Kiefer. "Gerade in taktischen Sachen wie im Serve-and-Volley-Spiel."

Image-Pflege

Djokovic ist auf dem Platz klasse, daneben zeigt er indes oft Eigenschaften eines Klassenclowns.

Das Video, in dem er in Frauen-Optik etwa einst Maria Scharapowa veralberte, ging durch sämtliche Medien.

Rivale Roger Federer hingegen gilt der feine Gentleman und wirbt für luxuriöse Uhren. Ein Markengesicht und Testimonial, um denen sich die Firmen reißen.

Kiefer: Federer und Co. fertige Marken

Ähnliches gilt für Nadal und Murray:

"Das sind alles schon fertige Marken", meint Kiefer. "Und da hinkt Djokovic vielleicht noch ein bisschen hinterher."

Die Image-Pflege ist also auch ein möglicher Grund, "warum er sich einen Becker ins Team geholt hat".

Auch Becker als Nutznießer?

Ganz nebenbei kann aber auch Becker neues Prestige gewinnen.

Während er im Ausland weiterhin als Tennis-Heroe erkannt und geschätzt wird, hat der 46-Jährige hierzulande mit peinlichen TV-Auftritten viel Renommee eingebüßt.

Formte er Djokovic tatsächlich zu einer echten Tennis-Marke, wie er selbst eine war, könnte Becker auch in Deutschland wieder positive Schlagzeilen schreiben und an Ansehen gewinnen.

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