Stefan Schumacher fährt seit 2012 für Christina Watches-Onfone © getty

Der Ex-Chef-Mediziner bestreitet das systematische Doping und belastet Schumacher. Dann verweigert er die Aussage.

Stuttgart - Die Rolle der Mediziner im vermeintlichen Dopingsystem des ehemaligen Gerolsteiner-Teams bleibt nebulös:

Im Betrugsprozess gegen den Radprofi Stefan Schumacher wies auch der damalige Chef-Mediziner Ernst J. die schweren Doping-Vorwürfe aufs Schärfste zurück - und stützte damit die Aussagen des angeblich betrogenen Teamchefs Hans-Michael Holczer.

Er selbst habe nie Dopingmittel verabreicht, betonte J. am Mittwoch vor dem Stuttgarter Landgericht mehrfach.

Fahrer haben sich informiert

Ohnehin seien ihm gegenüber "keine massiven Dopingwünsche" vorgetragen worden.

Zwar hätten sich einzelne Fahrer "informiert", unter anderem über die Nachweisbarkeit.

"Ich habe aber klar darauf hingewiesen, dass es diese Vorgehensweise im Team nicht geben kann", sagte der Mediziner: "Ich sehe darin keine Unterstützung."

Schumacher belastet Ärzte

Das frühere ProTour-Team, in dem nachweislich neben Schumacher noch weitere Fahrer verbotene Praktiken angewendet haben, habe zudem die Direktive gehabt: "In diesem Rennstall findet kein Doping statt."

Schumacher und dessen ehemaliger Teamkollege David Kopp hatten zuvor vor der 16. Großen Strafkammer berichtet, die Ärzte hätten eine Schlüsselrolle in einem Doping-System innerhalb der Mannschaft inne gehabt und wären stets als Kontaktperson zu sprechen gewesen.

"Doping ist verboten. Punkt!"

Brisant sind die Aussagen von Ernst J. auch wegen einer gegen ihn gestellten Anzeige, die mittlerweile zu Ermittlungen wegen systematischer Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz, Körperverletzung und Rezeptbetrug geführt hat.

"Doping ist verboten. Punkt!", sagte J. mit Nachdruck: "Wenn sie nicht erwischt werden, hat man natürlich Vorteile - aber diese Situation will ja keiner, letztendlich auch kein Sportler."

Arzt verweigert die Aussage

Etwas überraschend machte J. nach über drei Stunden und während der Befragung durch eine Beisitzerin über seinen Rechtsbeistand wegen der laufenden Ermittlungen von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.

"Ich habe Verständnis dafür", sagte Staatsanwalt Peter Holzwarth: "Weil die Fragen der Kammer zunehmend tendenziös werden. Die Kammer hat sich nicht mit klaren Antworten des Zeugen zufrieden gegeben."

Kein "Oberaufseher"

Zuvor sagte J., er habe auf die Enthüllungen um Schumacher "geschockt und sprachlos" reagiert - ähnlich hatte auch Holczer seinen Gemütszustand geschildert.

Mit dem Teamchef habe es im Übrigen bei medizinischen Fragen "im Grunde genommen keinen Austausch" gegeben, nur wenn ein Fahrer lange auszufallen drohte, sei der Befund "natürlich" vorgelegt worden", sagte J., der sich selbst als "durchaus verantwortlich für übergeordnete Aufgaben" während seiner Zeit bei Gerolsteiner (2005 bis 2008) bezeichnete, nicht aber als "Oberaufseher".

Mit den weiteren Ärzten, von denen nach der Aussage von Achim S. noch ein weiterer geladen ist, habe sich J. "öfter" über das Thema Doping ausgetauscht.

Weiß Holczer doch etwas?

Schumachers Verteidigung baut weiterhin darauf, dass der inzwischen geständige Dopingsünder Schumacher nur mit Hilfe der Team-Mediziner verbotene Praktiken durchgeführt haben könne.

Und wenn die Ärzte von allem gewusst und sogar das Doping initiiert haben, könne Holczer nicht außen vor gewesen sein. Dieser hatte bislang jegliche Mitwisserschaft an Schumachers Verfehlungen strikt zurückgewiesen.

Schumacher: Kein Betrug

Deshalb wirft die Staatsanwaltschaft Schumacher vor, Holczer mit systematischem Doping hintergangen und sich laut Anklageschrift einen "rechtswidrigen Vermögensvorteil" (rund 150.000 Euro) erschlichen zu haben.

Schumacher beruft sich darauf, dass Holczer bestens über seine Dopingpraktiken Bescheid wusste und er ihn deshalb nicht betrügen konnte.

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