Tony Martin fährt für das belgische Team Omega Pharma-Quickstep © getty

Weltmeister Tony Martin spricht im Interview über seine weiteren Ziele. Im Fall Armstrong fordert er rasches Handeln.

Von Andreas Kloo

München - Es war das Happy End eines Jahres voller Höhen und Tiefen für Tony Martin. Bei der WM in Valkenburg eroberte er Gold im Zeitfahren (BERICHT: Gold! Martin gewinnt WM-Zeitfahren).

Er verteidigte damit seinen Titel aus dem Vorjahr.

Mit einem Trainingsunfall im April und einem Kahnbeinbruch bei der Tour de France hatte der 27-Jährige 2012 auch zwei herbe Rückschläge zu verkraften.

Doch in Valkenburg bewies er seine Stärke im Kampf um die Uhr: "Ich bin froh, dass ich dieses schwierige Jahr mit dem WM-Titel zu einem solch positiven Ende führen konnte", gibt er sich im SPORT1-Interview erleichtert.

Außerdem spricht er über seine Ambitionen als Bergfahrer, die Hoffnungen auf ein deutsches Team und den Fall Lance Armstrong

SPORT1: Herr Martin, Sie kommen gerade vom Training. Die Saisonhöhepunkte sind vorbei, was steht denn noch auf Ihrem Rennprogramm?

Martin: Ich nehme noch am Münsterland-Giro teil, und dann geht es noch nach China zur Peking-Rundfahrt. Das ist noch einmal eine größere Rundfahrt, die zur ProTour gehört. Da möchte ich gerne auf einem der vorderen Plätze landen.

SPORT1: Wenn Sie auf das Jahr zurückblicken: Die Saison nahm ja einen denkbar schlechten Anfang mit dem Trainingsunfall im April. Als Sie damals im Krankenhaus lagen, haben Sie da noch an ein solches Happy End mit dem WM-Titel im Zeitfahren geglaubt?

Martin: Natürlich hatte ich meine Zweifel. Aber es ging mir dann schnell besser. Nach zehn Tagen konnte ich schon wieder aufs Rad steigen. Eine schwierige Situation war dann der Kahnbeinbruch bei der Tour de France, was die Aussichten für London zunächst erschwerte. Aber jetzt bin ich froh, dass ich dieses schwierige Jahr mit dem WM-Titel zu einem solch positiven Ende führen konnte.

SPORT1: Wäre der WM-Titel mehr wert gewesen, wenn weitere Top-Zeitfahrer wie Bradley Wiggins und Fabian Cancellara am Start gewesen wären?

Martin: Sicherlich wäre es schön gewesen, wenn die beiden am Start gewesen wären, um meine Leistung noch einmal im Vergleich zu sehen. Dennoch freue ich mich riesig über den WM-Titel. Es war ein spannendes Kräftemessen mit Taylor Phinney. Der wird sicherlich auch in den nächsten Jahren zum Kreis der besten Zeitfahrer gehören.

SPORT1: Sie haben den Kahnbeinbruch bei der Tour de France angesprochen. War es ein großes Risiko, sich nicht operieren zu lassen?

Martin: Eigentlich nicht, ich hatte ein gutes Team, dass mich betreut. Es besteht höchstens die Gefahr von weiteren Verschiebungen des Knochens. Das muss in Nachuntersuchungen geklärt werden, dann ist eventuell noch eine Operation nötig.

SPORT1: Sie haben zweimal WM-Gold erobert und eine Medaille bei Olympia gewonnen. Welche Ziele bleiben Ihnen jetzt noch?

Martin: Der Radsport ist zum Glück so vielfältig, dass man sich immer neue Ziele setzen kann, und Rennen oder Rundfahrten gewinnen will, die man noch nicht gewonnen hat. In den nächsten Jahren ist es vor allem mein Ziel, auf lange Sicht bei den großen Rundfahrten stärker zu werden und mich in den Bergen zu verbessern.

SPORT1: Sie peilen also demnächst die Top 10 bei der Tour de France an?

Martin: Auf konkrete Platzierungen lege ich mich ungern fest. Es ist einfach eine Entwicklung, die ich in den nächsten fünf Jahren schaffen will.

SPORT1: Mit Ihnen, Andre Greipel und John Degenkolb erleben wir derzeit eine starke und erfolgreiche deutsche Generation. In der breiten Masse ist die Anerkennung für den deutschen Radsport - auch aufgrund des Themas Doping - aber nicht sonderlich groß. Finden Sie das schade?

Martin: Mein persönlicher Eindruck ist sehr positiv. Es geht aufwärts mit dem Radsport in Deutschland. Ich habe auch schon die ganz schlechten Zeiten erlebt, als der Radsport am Boden war. Zur Zeit geht es aber wirklich vorwärts. Wenn es dann auch noch wieder ein erstklassiges deutsches Team gibt, dann wird dieser positive Trend anhalten. Ich bin recht optimistisch gestimmt.

SPORT1: Bezüglich eines deutschen Teams gab es Gerüchte um das Team Alpecin. Wissen Sie, wie weit dort der Stand ist?

Martin: Das sind Gerüchte. Es gibt immer wieder mal Gerüchte von Teams, die kommen sollen, die dann doch verpufften. Ich habe mich davon abgekehrt. Ich freue mich erst, wenn alles mit Unterschriften besiegelt ist. Bis dato ist es nur eine Hoffnungsmacherei, die dann doch wieder mit einer Enttäuschung endet. Deshalb gebe ich da nicht mehr so viel drauf.

SPORT1: Aber in einem deutschen Team zu fahren, würde Sie schon reizen?

Martin: Das wäre ein interessantes Projekt, vor allem unter der Maßgabe den deutschen Radsport wieder richtig komplett zu machen. Es ist auf jeden Fall eine Sache, von der ich nicht abgeneigt wäre.

SPORT1: Der Fall Armstrong dominierte in den letzten Wochen die Radsport-Berichterstattung. Wäre es da nicht mal an der Zeit, dass der Weltverband eine Entscheidung trifft?

Martin: Im Endeffekt ist das derzeit Medienhascherei, ähnlich wie beim Fall Contador. Es wird ständig publik gemacht, aber eine richtige Entscheidung wird doch nicht gefällt. Es sollten einfach mal Tatsachen gesetzt werden. Ich kann es nicht verstehen, warum das Thema in der Öffentlichkeit immer wieder breit getreten und so dem Radsport geschadet wird.

SPORT1: Wie bewerten Sie generell die Aufarbeitung im Fall Armstrong?

Martin: Er war eine schillernde Figur im Radsport, und der Fall eines solchen Helden macht auch den Sport dahinter kaputt. Man hat es ja bei Jan Ullrich gesehen, was dadurch mit dem deutschen Radsport passiert ist. Ich kann das alles nicht gutheißen. Ich würde mich freuen, wenn definitive Entscheidungen getroffen werden und weniger Raum für Gerüchte und Vermutungen gelassen wird.

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