Tony Martin gewann im vergangenen Jahr die Fernfahrt Paris-Nizza © imago

Mit Zeitfahr-Gold rettet Tony Martin ein Seuchenjahr. Die Erfolge ihn seiner Paradedisziplin verleiten ihn zu neuen Zielen.

Valkenburg - Eine rauschende Weltmeister-Party wurde es für Tony Martin nicht.

Zwar hatte der alte und neue Zeitfahr-Champion zunächst mit einem Großteil der Delegation des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) auf seinen Erfolg angestoßen, doch schon kurz darauf ließ Martin seine erfolgreiche Titelverteidigung im kleinen Kreis mit Oma und Freundin bei einem Grillabend ausklingen.

Gegen 23 Uhr schloss er dann glücklich und erschöpft die Tür seines Zimmers hinter sich zu (BERICHT: Gold! Martin gewinnt WM-Zeitfahren).

Entkräftet im Ziel

Angesichts des denkwürdigen WM-Zeitfahrens in den Niederlanden dürfte es eine kurze Nacht gewesen sein.

"Das war eines der härtesten Finals meiner Karriere. Ich musste einhundert Prozent geben und war am Ende völlig fertig", sagte Martin, der sich im Ziel von Valkenburg entkräftet auf den Asphalt warf.

Doch nicht nur diese Bilder werden Martin wohl um den Schlaf gebracht haben.

Seuchenjahr ein Stück weit aufgewogen

Die Erleichterung, dass all die Pleiten, all das Pech seines Seuchenjahres ein Stück weit aufgewogen wurden, war enorm.

Das Abschneiden beim 46,3 km langen Rennen war zum entscheidenden Kriterium für die Bewertung des gesamten Jahres geworden.

"Es gab nur einen Weg, diese Saison noch zu retten: mit diesem Sieg. Ich bin sehr glücklich, dass ich ihn nach all den Rückschlägen erreicht habe", sagte Martin.

Goldenes Ende

Nach einer Kollision mit einem Fahrzeug im April hatte Martin mit schweren Gesichtsverletzungen im Krankenhaus gelegen, bei der Tour de France machten ihm Defekte und ein gebrochenes Kahnbein an der linken Hand zu schaffen.

"Die unglücklich verlaufene Saison von Tony Martin fand heute eine goldenes Ende", sagte BDR-Vize-Präsident Udo Sprenger. Für den Verband war es nach dem Zeitfahr-Triumph von Judith Arndt das zweite Gold bei dieser WM.

Von "zwei großen Momenten für den deutschen Radsport" sprach BDR-Sportdirektor Patrick Moster.

"Olympia-Gold muss her"

Der 27-jährige Martin, der in dieser Saison noch den Titel bei der Peking-Rundfahrt (9. bis 13. Oktober) verteidigen wird, steht nun vor der Frage, wie es sportlich weitergehen soll.

Bis auf das olympische Zeitfahren, das er in London als Zweiter hinter dem am Mittwoch fehlenden Briten Bradley Wiggins beendet hatte, hat der gebürtige Cottbuser alle wichtigen Rennen gegen die Uhr gewonnen.

"Das Zeitfahren", sagt Martin, "wird immer die Disziplin sein, die ich liebe. Ich hoffe, dass ich noch so oft wie möglich die WM gewinnen kann."

Auch die Spiele in Rio 2016 hat er bereits im Blick. "Silber habe ich, jetzt muss noch Gold her", sagte er.

Tour de France als Ziel

Doch in den kommenden drei Jahren wird Martin wohl auch versuchen, seine Rundfahr-Qualitäten weiter auszubauen.

"Sicherlich ist vielleicht auch die Tour de France mal ein Ziel, das hängt aber auch immer vom Kurs ab. Wir entscheiden das von Jahr zu Jahr mit dem Team", sagte Martin: "Ich werde sehen, wie das Frühjahr verläuft, dann kann man schauen."

Trophäen nicht an der Wand

Den richtigen Platz für ein Gelbes Trikot hätte er schon. Wie seine zweite WM-Goldmedaille oder Olympiasilber bewahrt Martin seine zahlreichen Trophäen in seiner Wohnung im schweizerischen Kreuzlingen "an einem sicheren Ort" auf.

"Ich bin niemand, der sich so etwas an die Wand hängt. Wenn ich Lust habe, krame ich die Sachen raus", sagte Martin.

Seine Erfolge genießt der Familienmensch Martin eben am liebsten im kleinen Kreis.

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