Zeitfahrspezialist fährt seit 2012 für das Team Omega QuickStep © getty

Der Olympia-Zweite ist beim WM-Zeitfahren der alleinige Favorit. Die Konkurrenten verzichten - bei Wiggins sei das "schade".

Valkenburg - Tony Martin zuckte mit den Schultern. "Ein richtiger Name fällt mir da auch nicht ein", sagte der Radprofi beim Gedanken an die Startliste des Einzelzeitfahrens der Straßen-WM am Mittwoch mit einem Schmunzeln.

Kein Bradley Wiggins, kein Fabian Cancellara, kein Christopher Froome - angesichts der fehlenden Prominenz eine keinesfalls überhebliche Einschätzung des Favoritenkreises für das Rennen, bei dem Martin seinen Titel erfolgreich verteidigen und sich im Anschluss erneut das Regenbogentrikot überstreifen will.

Und vermutlich auch wird. Denn selten waren die Kräfteverhältnisse vor einem WM-Zeitfahren so klar zugunsten eines Fahrers verteilt, wie bei den Wettkämpfen in der niederländischen Provinz Limburg.

Nur eine Panne oder ein Sturz scheinen Martin aufhalten zu können.

Martin erwartet Sieg

"Bei diesem dezimierten Fahrerfeld bin ich der Top-Kandidat auf den Sieg. Alle Erwartungen unterhalb der Goldmedaille sind fehl am Platz", sagte Martin, den nur die 45,7 km zwischen Heerlen und Valkenburg von seinem zweiten WM-Titel zu trennen scheinen.

Der Brite Wiggins, der nicht nur Olympiasieger wurde, sondern auch seinen Tour-de-France-Triumph vor allem seiner Stärke im Kampf gegen die Uhr verdankt, spart seine Kräfte für das Straßenrennen am Sonntag.

Auch der viermalige Weltmeister Cancellara (Schweiz) und der britische Olympiadritte Froome sagten ihre Teilnahme ab.

Den möglichen Sieg sieht Martin davon aber nicht geschmälert.

"Es wäre ein verdienter Abschluss"

"Es ist schade, dass ich mich gerade mit Wiggins nicht unter gleichen Voraussetzungen messen kann. Aber der Titel wäre auch so sehr wertvoll und würde mich unheimlich stolz machen. Nach dem Saisonverlauf wäre es auch ein verdienter Abschluss", sagte Martin, der 2012 mit zahlreichen Rückschlägen zu kämpfen hatte.

Im April kollidierte er in seiner Schweizer Wahlheimat mit einem Fahrzeug und trug schwere Gesichtsverletzungen davon, bei der Tour de France machten technische Defekte seinen Traum vom Gelben Trikot und Etappensiegen zunichte.

"Dieser Triumph könnte einiges aufwiegen", sagte der Olympiazweite.

Selbstvertrauen schöpft Martin aber weniger aus der günstigen Personalsituation.

Boonen ist beeindruckt

Vielmehr ist es seine starke Form, die er auch am Sonntag beim Gewinn des WM-Teamzeitfahrens eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte. (BERICHT: Goldener WM-Start für deutsche Radprofis)

Gar als "Maschine" bezeichnete ihn QuickStep-Mannschaftskollege Tom Boonen im Anschluss. "Ich habe für mich gesehen, dass die Beine gut sind. Ich bin zu einhundert Prozent bereit", sagte Martin.

Gefahr droht ihm wohl hauptsächlich von Vuelta-Sieger Alberto Contador. Der Spanier, der auf das Teamzeitfahren verzichtet hatte, dürfte von den zahlreichen Steigungen auf der Strecke profitieren.

"Contador ist immer für eine Überraschung gut. Ich habe ihn auf jeden Fall auf der Rechnung", sagte Martin.

OP droht

Nach der Saison wird sich der Cottbuser möglicherweise einer Operation an der linken Hand unterziehen.

"Ich habe auf dem Rad ab und zu noch Probleme mit der Schaltung, auch bei Bewegungen im Alltag bin ich etwas eingeschränkt. Wir werden nach der Saison noch einmal Röntgenbilder machen lassen und dann entscheiden, ob eine Operation notwendig ist. Ich will keine Fehlstellung der Knochen riskieren", sagte Martin, der sich auf der 1. Etappe der Tour de France einen Kahnbeinbruch zugezogen hatte.

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