Matt Goss hat 2011 als erster Australier den Klassiker Mailand-San Remo gewonnen © getty

Matt Goss holt sich den Sieg auf der Wouter Weylandt Special-Etappe. Taylor Phinney droht nach einem Massensturz die Aufgabe.

Im Ziel jubelte der Australier Matthew Goss, während ein gutes Dutzend Sturzopfer seine Wunden versorgen ließ.

Doch die dritte Etappe des Giro d'Italia bestimmte jemand, dessen tragischer Tod die Radsport-Welt 363 Tage zuvor in tiefe Trauer stürzte:

Die Italien-Rundfahrt hat am Montag dem Belgier Wouter Weylandt gedacht, der im Vorjahr nahe Rapallo auf dem dritten Teilstück sein Leben gelassen hatte.

"Es gibt keine Worte, die erklären, was vergangenes Jahr passiert ist. Er war ein großartiger Kollege und ein großartiger Freund. So will ich mich an ihn erinnern", sagte Weylandts früherer Teamkollege Frank Schleck (Luxemburg) vor dem Start im dänischen Horsens.

Blicke in den Himmel

Die 198 Fahrer hatten am Montagmittag tief bewegt dem nur 26 Jahre alt gewordenen Weylandt gedacht, die Etappe hatte Giro-Chef Michele Acquaron zum "WW Special" ernannt.

Die Fahrer des Teams RadioShack, dem Nachfolge-Rennstall von Weylandts Equipe Leopard-Trek standen in erster Reihe, den Blick in den Himmel gerichtet, daneben Garmin-Sprinter Tyler Farrar, bester Freund Weylandts.

Der Amerikaner bat um Verständnis, nicht über den Unfall sprechen zu müssen. Zu tief ist noch die Wunde, die der Tod hinterlassen hat.

Ärzte kämpfen vergeblich

Noch einmal kam die Erinnerung an die schrecklichen Bilder jenes verhängnisvollen 9. Mai 2011 hoch, als Weylandt blutüberströmt auf dem Asphalt unterhalb des Bocco-Passes lag, die Ärzte vergeblich um sein Leben kämpften.

Weylandt hatte in der Abfahrt bei hoher Geschwindigkeit die Kontrolle über sein Rad verloren und war mit dem Kopf aufgeschlagen. Er erlag schwersten Kopfverletzungen.

Es war ein Unfall, der im sonst sehr mechanisch wirkenden Profizirkus, der damals nur kurz innehielt und einen Tag später schon wieder mit der vierten Giro-Etappe zur Tagesordnung überging, deutliche Spuren hinterlassen hat.

Vielen gilt Weylandts Tod als Warnung, als Mahnung zur Vorsicht. Lässig zugeschnürte Helme, die mit zu den schweren Wunden des Belgiers beitrugen, sind seltener geworden.

Schwarzes Armband: "In Memoriam Wouter"

Und es gibt weitere sichtbare Reliquien. Farrars Teamkollege Christian Vande Velde zeigte am Start ein schwarzes Armband mit der Aufschrift "In Memoriam Wouter".

"Ich trage es seit der Kalifornien-Rundfahrt im Vorjahr. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Wouter denke", sagte der Amerikaner Vande Velde.

"Ihn heute zu würdigen, ist wichtig", sagte Frank Schleck, "das Leben geht weiter, und wir sind hier, um zu fahren. Doch vergessen dürfen wir diese Tragödie nicht."

Bürgermeister verstorben

Dass am letzten Tag des dänischen Giro-Intermezzos gedrückte Stimnung herrschte, verantwortete auch ein weiterer tragischer Todesfall.

Jan Tríjborg, der Bürgermeister der Stadt Horsens, war am Sonntag an einem Herzinfarkt gestorben. Das große Spektakel, das er in die dänische Provinz geholt hatte, durfte er nicht mehr erleben.

Massensturz im Zielsprint

Bittere Ironie war, dass ausgerechnet die Gedenketappe vom bislang schwersten Sturz des 95. Giro überschattet wurde.

Der Italiener Roberto Ferrari vom Team Androni war im Zielsprint plötzlich nach rechts gezogen und hatte Weltmeister Mark Cavendish abgeräumt.

Der Brite blieb im folgenden Massensturz weitgehend unverletzt, weil der Italiener Andrea Guardini (Farnese Vini) artistisch über ihn hinweg sprang.

Phinney droht Aufgabe

Weniger Glück hatte Taylor Phinney. Am Vortag schon Opfer eines Defekts, landete der Gesamtführende in der Bande, blieb auf dem Boden liegen und wurde mit dem Krankenwagen abtransportiert.

Der Amerikaner behielt zwar das Rosa Trikot des Spitzenreiters, ob er angesichts seiner Verletzungen am rechten Fuß und Ellenbogen das Rennen fortsetzen kann, ist offen.

Der australische Vizeweltmeister Goss hatte im Finish die besten Beine, setzte sich vor dem Argentinier Juan Jose Haedo (Saxo Bank) durch. Tyler Farrar wurde Dritter, verpasste den ersehnten Sieg zu Ehren des Freundes knapp.

Nach dem Ruhetag kehrt der Giro am Mittwoch nach Italien zurück. Es ist Weylandts erster Todestag.

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