Das Team NetApp wurde 2010 gegründet und hat seinen Sitz in Oberbayern © imago

Das deutsche Team NetApp nimmt seine bisher größte Herausforderung in Angriff und tritt beim 95. Giro d'Italia an.

Herning/München - Die Vergabe der Wildcard war umstritten, nun aber will das Team NetApp seine Kritiker mit Courage und Angriffslust verstummen lassen.

Wenn der beste deutsche Radrennstall ab Samstag beim Giro d'Italia im Konzert der Großen mitmischt, beginnt das größte Abenteuer in der Geschichte der noch jungen Equipe.

Beim Start im dänischen Herning halten neben sieben Legionären in Youngster Timon Seubert (Hamburg) und Andreas Schillinger (Kümmersbruck) zwei Fahrer die deutsche Fahne hoch.

Das bunt gemischte Team tritt als einer der größten Außenseiter in der 103-jährigen Geschichte der Italien-Rundfahrt an - auch um den neuen Giro-Boss Michele Acquarone in seiner höchst umstrittenenen Entscheidung zu bestätigen.

"Für ein Überraschung sind wir gut"

Der Cheforganisator hatte die erst 2010 gegründete Mannschaft vor allem aus Marketinggründen eingeladen und dafür in der Heimat einiges an Kritik geerntet.

"Ich habe dem Giro-Chef das Versprechen abgegeben, dass wir das Rennen interessant machen werden. Für eine Überraschung sind wir gut", sagte NetApps Teamchef Ralph Denk. Acquarone vertraut darauf.

Es ist die erste große Rundfahrt für den Rennstall, der ohne wirkliche Stars auskommt, und die erste für ein deutsches Team überhaupt, seit das Team Milram 2010 die Tour de France fuhr.

NetApp in neue Dimesionen

Der 95. Giro beginnt mit einem 8,7 km langen Zeitfahren im dänischen Herning und endet nach gut 3500 km am 27. Mai in Mailand.

Dazwischen geht es bis auf 2757 m Höhe bei der Bergankunft auf dem Stilfser Joch - sportlich wie logistisch eine völlig neue Dimension für NetApp. (Hintergrund: NetApp wie Hoffenheim)

"Das Team ist einer solchen Rundfahrt gewachsen, der Schritt ist sehr wichtig für uns. Wir wollen uns zeigen und präsentieren. Auf gute Ergebnisse haben wir eine Chance, wenn einmal eine Gruppe durchkommt", sagt Enrico Poitschke, neben Tour-de-France-Etappensieger Jens Heppner einer der sportliche Leiter.

Heppner will seine Fahrer führen

Gerade Heppner könnte seine Fahrer zu einem möglichen Coup anspornen, trug er doch genau vor zehn Jahren im Mai 2002 zehn Tage lang das Maglia Rosa des Führenden.

"An dem Tag, als ich das Trikot gewonnen habe, stand mein Handy nicht mehr still. An diesem Tag habe ich die meisten SMS in meinem Leben bekommen", erinnert sich Heppner, der diese Erfahrung "einfach unbeschreiblich" fand.

Der 47-Jährige will seine Fahrer nun vor allem "in Sachen Rennüberblick und Renntaktik" führen.

Giro-Erfahrung im Team

Die Hoffnungen des Teams ruhen auf dem Tschechen Jan Barta, Sieger bei Rund um Köln und der Settimana Coppi e Bartali.

Der Pole Bartosz Huzarski und der Österreicher Matthias Brändle bringen bereits Giro-Erfahrung mit. Das Schweizer Duo Andreas Dietziker und Reto Hollenstein soll sich in den mittelschweren Bergen in vorderen Gruppen postieren.

Zudem sind Cesare Benedetti (Italien) und Daniel Schorn (Österreich) im Einsatz.

Kein Fokus "auf beste Deutsche"

Laut Denk kamen vier Deutsche in die engere Giro-Auswahl, aber auch ein Team gänzlich mit Legionären stand zur Debatte.

Die Nationalitäten-Frage ist für den Manager ohnehin eher nebensächlich, auch weil deutsche Stars vom Format eines Tony Martin oder Top-Talente wie Marcel Kittel und John Degenkolb nicht zu finanzieren sind.

"NetApp ist eine internationale Firma und wir sind deshalb nicht so sehr fokussiert auf die besten Deutschen. Wir wollen einfach als Team erfolgreich fahren", sagt Denk.

Zukunft noch ungewiss

Neben der einen oder anderen Top-10-Platzierung und reichlich TV-Präsenz würde sich Denk auch über ein baldiges positives Signal des Hauptsponsors freuen.

Der Vertrag mit NetApp läuft zum Saisonende aus, die Zukunft und damit auch die Pläne, irgendwann in die erste Liga des Radsports aufzusteigen, hängen von einer Zusage ab. Gespräche laufen seit Wochen, ein Ergebnis gibt es noch nicht.

Ein Überraschungscoup beim Giro wäre aber gewiss ein starkes Argument für eine weitere Zusammenarbeit.

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