Der DBS will Wojtek Czyz (l.) und Sieger Heinrich Popow an einen Tisch bringen © getty

Wojtek Czyz wirft 100-m-Sieger Popow zur Unzeit vor, schwer zugängliche Prothesen zu verwenden und kriegt einen heftigen Rüffel.

London - Sein angekündigtes Paralympics-Gold hatte Heinrich Popow trotz der Psychospielchen von Wojtek Czyz gewonnen, doch sein großer Tag war irgendwie verdorben.

An jenem Abend des 100-m-Triumphs (Bericht), der eigentlich sein großer war, wirkte er sichtlich unschlüssig zwischen Wut, Ratlosigkeit, Trotz und verhaltener Freude.

Erst bei der Siegerehrung am nächsten Morgen, als ihm "die Lippen so vibrierten, dass ich die Hymne nicht mitsingen konnte", hatten Stolz und Euphorie die Oberhand gewonnen über die Vorwürfe des deutschen Rivalen, die ihn gleichsam unvorbereitet wie heftig getroffen hatten.

"Das gehört sich nicht"

"Das war mental eine ganz heiße Kiste. Das schwerste Rennen meines Lebens", sagte der 29-Jährige nach einer Nacht, die er nicht mit einer rauschenden Feier und trotz des Sieges mit viel Grübelei verbracht hatte.

Als der viermalige Paralympics-Sieger Czyz am Morgen nach dem Vorlauf plötzlich "die Bombe platzen ließ" (Czyz) und Popow "Techno-Doping" vorwarf, sorgte das im deutschen Lager in London für helle Aufregung.

"Die Vorbereitung eines Teamkollegen vor seinem wichtigsten Wettkampf so zu torpedieren, gehört sich nicht", sagte Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS).

Fehde eskaliert in den Katakomben

Bei Popow ist sie angeblich zunächst rllinks rein, rechts wieder rausgegangen. Aber mittags kam es mir nochmal in den Kopf und ich habe gegrübelt", berichtete der neue Paralympics-Sieger: "Da habe ich mir gesagt: Junge, du hast nicht vier Jahre hart gearbeitet, um dich von einem Spruch aus dem Konzept bringen zu lassen."

Vor den Augen seiner Mutter, die erstmals auf der Tribüne saß, und im Schuh seines Sprinter-Freundes Aleixo-Platini Menga, lief der Leverkusener trotzdem zu Gold, doch die von Czyz eröffnete Privatfehde der Intimfeinde im eigenen Lager ging in den Stadien-Katakomben in die nächste Runde.

"Ich bin zu ihm gegangen und habe ihm ins Gesicht gesagt: Junge, für mich bist du ein technischer Doper", sagte Czyz.

Kein anderer Zeitpunkt machbar?

"Ins Gesicht gesagt hat er es mir nur, weil er es vorher schon in den Medien gesagt hat", entgegnete Popow: "Wäre er ein Mann, hätte er es erst mir gesagt, und dann den Medien."

Dass die Attacke - die im Kern besagt, dass Popow von Ausrüster und Sponsor Ottobock eine Prothese erhält, die laut Czyz sonst niemand bekomme - ausgerechnet wenige Stunden vorm Finale in Popows

Spezialdisziplin kam, sei "kein Psychoterror" gewesen, meinte der Ankläger. "Ich hatte die Presseabteilung vor Tagen gebeten, mir ein Interview zu organisieren", erklärte er: "Das hat nicht geklappt. Und dann gab es keinen anderen Zeitpunkt mehr."

Beucher will dem nicht folgen. "Die Tatsache, dass er die Vorwürfe in diesem Moment äußerte, erfüllt den Tatbestand der Unfairness", sagte er. "Wenn das Problem, wie von ihm erklärt, schon länger bekannt ist, muss er sich fragen lassen, warum er es nicht vorher angesprochen hat."

Quade wünscht sich klareres Regelwerk

Karl Quade, Deutschlands Chef de Mission, der sich Czyz direkt nach dem Zieleinlauf zur Brust nahm, erklärte: "Es sind beides erfahrene Sportler, die wissen, wie man mit den Medien umgeht. Vielleicht ist es unter diesen Gesichtspunkten zu sehen."

Gleichsam wünschte sich Quade, dass die Diskussion zumindest dazu führen soll, "dass das Regelwerk künftig so klar ist, dass es weitere Diskussionen nicht mehr geben kann."

Inhaltlich findet sich außer Czyz aber kein Anschuldiger Popows, der sich "keiner Schuld bewusst" ist. Die sachliche Grundlage ist nicht gegeben", sagte Beucher. "Aus meiner Sicht lag es nicht an diesen Dingen", meinte Quade. Und der Hersteller erklärte, die Prothese sei frei verkäuflich.

Czyz gibt keine Ruhe

Czyz gibt trotzdem keine Ruhe und erklärte, er werde zur Not sogar seine gemeinsam mit Popow gewonnene Bronzemedaille zurückgeben. "Ich würde nie ein Thema anfangen, wenn ich nicht die Fakten dafür hätte. Und das kann man nicht ad acta legen", sagte der Kaiserslauterer.

Genau das will aber der DBS. Quade will die beiden Sportler zügig an einen Tisch bringen. "Dies muss bald passieren, damit bei beiden nichts hängen bleibt", sagte er.

Czyz droht dabei aber keine Strafe. "Es gibt im DBS keinen Maulkorberlass", sagte Beucher.

Er stellte aber auch klar, dass es für die Äußerungen der Athleten "nicht immer Beifall" gebe und der DBS es nicht gerne sehe, wenn zwei Athleten aufeinander losgingen. Dennoch sei der Streit nur ein "Streiflicht."

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