Andrea Eskau holte in London ihre vierte paralympische Medaille © getty

Die Handbikerin macht ihren Klebstoff-Albtraum von 2008 vergessen und siegt auch auf der Straße. In Sotschi sei noch mehr drin.

London - Die Goldmedaillen der Sommerspiele hingen gerade um ihren Hals, da dachte Andrea Eskau schon an den Winter.

"Ab jetzt heißt das große Ziel Sotschi 2014", sagt sie: "Der Wettkampfplan ist schon gemacht. Am 10. September geht die Vorbereitung los. Ich werde dort siebenmal starten, das sind sieben Medaillenchancen."

Früher hätten Athletinnen wie Andrea Eskau, die am Freitagnachmittag nach ihrem Sieg im Zeitfahren auf der Motorsportstrecke in Brands Hatch auch im Straßenrennen überdeutlich triumphierte, dem Behindertensport geschadet.

Da gab es Medaillen-Gewinner bei Sommer- und Winter-Paralympics, die in den unterschiedlichsten Sportarten gewannen, teilweise mit geringer Vorbereitung und die dadurch den Beweis des damals noch geringeren Leistungs-Niveaus aufzeigen.

Talentiert und versessen

Doch diese Zeiten sind vorbei. Und Andrea Eskau ist auch ein besonderer Fall. Bei ihr stimmt das gesamte Paket, um Außergewöhnliches zu leisten.

Die 40 Jahre alte Thüringerin, die schon vor ihren London-Erfolgen im Zeitfahren und im Straßenrennen 2008 in Peking Straßenrad-Gold gewann, dazu bei den Winterspielen in Vancouver 2010 Silber im Langlauf und Bronze im Biathlon, ist eine extrem talentierte und versessene Athletin.

Ihre Sportarten haben zumindest einen gemeinsamen Nenner, weil sie auf der Straße wie im Schnee mit dem Handbike unterwegs ist. Dieses bringt sie gemeinsam mit Fachleuten technisch stets auf den neuesten Stand.

Mehr Trainingsstrecke als Zanardi

Zudem arbeitet sie als Angestellte des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISP) und ist dort als eine von erst zehn Paralympics-Sportlern in die duale Förderung eingebunden.

Und als ausgebildete Diplom-Psychologin ist sie auf mentale Stress-Situationen bestens vorbereitet.

21.000 Trainingskilometer hat sie seit Januar für London absolviert, deutlich mehr als der von allen für seinen Fleiß gelobte Alex Zanardi. Und in die Basteleien am Handbike steckt sie ebenfalls eine Menge Arbeit. (BERICHT: Mosandl mosert über Zanardi-Gold)

"Man muss Verrückte finden"

"Wir kommen weg vom Standard-Vehikel. Die neuen Dinger sind aufgestylt, das macht richtig Spaß. Ich habe Ideen reingebracht, aber man muss Verrückte finden, die das umzusetzen, zu einem erschwinglichen Preis", erklärt sie: "Zum Glück habe ich die gefunden."

Im Zeitfahren kam sie, als Vorletzte gestartet, als Erste ins Ziel und ließ die gesamte Konkurrenz wie Anfänger aussehen.

"Das Bike war sicher ein kleiner Vorteil. Aber dafür haben wir auch viel Arbeit reingesteckt," sagt sie: "Und von alleine fährt es natürlich auch nicht."

Zwei Monate krank durch Spezialklebstoff

Damit schloss die seit einem Fahrradunfall 1998 querschnittsgelähmte Eskau auch "ihren Frieden mit dem Zeitfahren".

Denn das Trauma von Peking 2008 nagte lange an ihr. Als seit zwei Jahren ungeschlagene Favoritin erhielt sie kurz vorher Startverbot, weil der im Zielteppich vorhandene Spezial-Klebestoff bei ihr einen Asthma-Anfall und eine schwere Infektion am Kehlkopf auslöste.

"Ich verbrachte die letzten Tage im Internationalen Krankenhaus in Peking und wurde per Krankenrücktransport nach Deutschland zurückgeflogen", erzählt sie. Zwei Monate lang war sie schwer krank.

Auf den Spuren von Clara Hughes

Doch auch das warf sie nicht aus der Bahn. Dass sie beim BISP Beruf und Sport unter einen Hut kriegen kann, freut sie, ist aber auch Ansporn für sie, den Weg für weitere Athleten zu ebnen. "Wenn es funktioniert, werden auch die anderen Bundesministerien nicht abgeschreckt", erzählt sie.

Bei ihr funktioniert es, im Sport schafft sie sogar Außergewöhnliches. Aber Ausnahmen von Sportlern, die bei Olympia im Sommer und Winter Medaillen sammelten, gab es schließlich auch schon.

Bisher vier in der Geschichte. Zuletzt die Kanadierin Clara Hughes, die 1996 in Atlanta zweimal Bronze als Radsportlerin gewann und 2006 in Turin als Eisschnellläuferin sogar Gold.

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