Zwischen 2005 und 2009 fuhr Alessandro Zanardi (r.) in der Tourenwagen-WM für BMW © getty

Der Konkurrent findet, dass der Ex-Rennfahrer wegen seiner Amputation im Vorteil war und ärgert sich über dessen Koketterie.

London - Riesiger Jubel bei Alessandro Zanardi, Zweifel und Verärgerung bei Norbert Mosandl:

Der deutsche Silbermedaillen-Gewinner Mosandl hat nach seiner Niederlage im Zeitfahren gegen Zanardi bei den Paralympics in London die überragende Leistung des früheren Formel-1-Piloten in Frage gestellt.

"Ich habe einen Querschnitt, Zanardi hat beide Beine amputiert. Er hat 15 Kilo weniger rumzuschleppen als ich, das ist einfach ein Fakt", sagte der Oberpfälzer, der für Cottbus startet.

Auch Zanardis Koketterie mit dem Alter gefiel Mosandl nicht. "Ich habe gelesen, er nennt sich den 'Schumacher der Paralympics', weil er der älteste von uns sei", meinte er: "Er ist 45, ich bin 51, wenn ich rechnen kann, sind das sechs Jahre mehr."

"Ich habe eine Kurve verbockt"

Verloren habe er das Duell letztlich wegen eines einzigen Fahrfehlers.

"Auch wenn es bei 25 Sekunden Rückstand seltsam klingt, aber ich habe eine Kurve verbockt, da bin ich dann statt mit etwa 60 km/h mit nur 40 rein, und dann hat mir die 13prozentige Steigung danach zu schaffen gemacht."

Zanardi aufgeregt

Zanardi schien die Steigung dagegen nichts auszumachen.

Im Ziel reckte der 45-Jährige auf den Beinstümpfen stehend sein Rennrad in die Luft, beim Interview-Marathon redete er ohne Punkt und Komma, doch als er am Abend in sein Zimmer zurückgekehrt war, hatte es Alex Zanardi regelrecht die Sprache verschlagen.

"Ich wünschte, ich hätte ein Wort für alle, die mein Herz berührt haben", twitterte der Italiener nach seinem Paralympics-Gold um Mitternacht und legte sich nach einem aufregenden Tag schlafen.

Imbusschlüssel statt Operation

Normalerweise ist Zanardi nie um einen Spruch verlegen.

Der frühere Formel-1-Fahrer behauptet von sich immer, bei dem Horror-Unfall auf dem Lausitzring 2001 zwar seine Beine, nicht aber seinen Humor verloren zu haben.

Und beweist dies immer wieder durch launige Sprüche: Er stehe mit beiden Beinen im Leben, brauche beim nächsten Beinbruch einen Imbusschlüssel und fühle sich mit so viel deutschem Blut nach dem damaligen Unfall fast schon wie ein Deutscher.

Freud und Leid zugleich

Doch die Goldmedaille, die er selbst offenbar nicht erwartet hatte, ließ in ihm einen ungewöhnlichen Mix aus Freude und Leere aufschießen.

"Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht auch traurig bin", sagte Zanardi: "Zwei Jahre lang hat mich die Leidenschaft hierher getrieben. Ab Montag muss ich mir eine neue Beschäftigung suchen, sonst wird es ganz schon langweilig in meinem Leben."

Shopping-Trip mit Frau Zanardi

Dass die Paralympics für ihn ein Abenteuer waren und dass er aus Altersgründen keinen erneuten Start in Rio 2016 anstrebt, hatte Zanardi schon im Vorfeld gesagt.

Auch die Tatsachen, dass er die überwiegend junge Konkurrenz beherrschte, dass er diesen 5. September als "magisch" bezeichnete und "Schmetterlinge im Bauch" hatte, stimmten ihn nicht um.

Der rastlose Abenteurer Zanardi wird weiterziehen. Das Straßenrennen am Freitag, wo er nicht als Medaillenkandidat gilt, wird sein letztes Handbike-Rennen sein.

"Erst einmal werde ich meiner Frau eine gute Woche bereiten", sagte er: "Sie wissen schon, shoppen und das alles. Und dann werde ich schon was Schönes finden, keine Angst."

Zanardi will kein Vorbild sein

Für die italienischen Medien war Zanardi jedenfalls endgültig "der Held Italiens" (Tuttosport) oder "ein Ass des Steuers, der Pedale, und ein Ass des Lebens" (Gazzetta dello Sport).

Der Corriere della Sera meinte schwelgerisch: "Sein Handbike fährt er nicht nur mit seinen Armen, sondern vor allem mit seinem riesigen Herzen und einer Leidenschaft, die keine Grenzen kennt. Sein Leben ist ein Märchen, das nie zu Ende geht".

Zanardi sind solche Oden auf seine Person suspekt. Ein Vorbild will er nicht sein.

"Ich lebe jetzt eben mit einem ganz speziellen Problem. Und ich bin sehr bekannt, weil man all die verrückten Sachen, die ich mache, im Fernsehen sehen kann", sagte er: "Aber eine Inspiration kann jeder sein, wenn man nur die Augen aufmacht. Ich bin nicht besser als andere."

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