Hans-Peter Durst war vor seinem ersten Unfall Geschäftsführer einer Brauerei ©

23 Tage vor seinem London-Start verlor Hans-Peter Durst bei einem zweiten Horror-Unfall einen Finger - es hielt ihn nicht auf.

London - Die Lebensgeschichte von Hans-Peter Durst klingt eigentlich zu traurig, um wahr zu sein.

Am 9. Mai 1994 erfasst ihn auf der A44 ein LKW. Durst rutscht mit dem Auto darunter, erleidet ein Schädelhirntrauma, wird mehfach operiert und liegt 23 Monate in Spezialkliniken.

Der Vater zweier Kinder kann fortan nicht mehr ohne Hilfsmittel laufen, da sein Gleichgewichtsorgan nicht mehr richtig funktioniert.

Sein Reaktionsvermögen ist verlangsamt, die Koordination eingeschränkt, das Sehfeld unvollständig, das rechte Bein leidet an einer Spastik.

Unfall auf Trainingsfahrt

Der Glaube, seine Familie und die Liebe zum Sport ermöglichen Durst dennoch ein lebenswertes Leben. Und er findet ein neues Ziel, das er jahrelang beharrlich verfolgt: Die Teilnahme an den Paralympics als Handbiker.

Am 13. August, 23 Tage vor seinem ersten Start in London, liegt er voll im Plan. Er ist topfit, gilt als Gold-Favorit und ist hochmotiviert. Als bei einer Trainingsfahrt in Dortmund der nächste Unfall passiert.

Ein Radfahrer fährt ihn mit drei Promille über den Haufen, fährt davon und lässt ihn liegen. Dursts linker Daumen wird abgerissen, an der rechten Hand sind die Elle, die Speiche und die Mittelhand gebrochen. Es ist das scheinbare Ende des Traums vom Paralympics-Gold.

Kein Vorwurf an die Unfall-Verursacher

Doch Hans-Peter Durst hegt keinen Groll. "Ich bin sehr christlich und mache weder dem LKW-Fahrer von damals, noch dem Radfahrer jetzt einen Vorwurf", sagt er: "Beide haben es sicher nicht absichtlich gemacht. Und vielleicht werden wir irgendwann sehen, ob das alles irgendwie einen Sinn macht."

Nach dem ersten Unfall regelte die Versicherung des Verursachers zumindest das Finanzielle. "Ich bin recht gut versorgt, auch wenn es für einen schönen Urlaub mit der Familie nicht reicht", sagt Durst.

Wie der neuerliche Unfall rechtlich bewertet wird, kümmert ihn zunächst nicht. "Das Rechtliche ist bei mir ganz hinten in der Schublade. Und die wird erst wieder aufgemacht, wenn ich zu Hause bin", versichert er: "Wenn ich nachgedacht hätte, hätte ich mich nicht auf mein Rennen konzentrieren können. Und das wollte ich mir nicht kaputt machen lassen."

Angst vor platzendem Daumen

Es sind genau diese Fokussierung, dieser starke Wille, diese Mischung aus Tapferkeit, Heldenmut und einer Prise Leichtsinn, die ihn doch nach London bringen, obwohl ihn alle schon abgeschrieben hatten.

"Zehn Tage lang habe ich fest gelegen, insgesamt 15 Tage intensiver Vorbereitung verloren. Über 120 Puls durfte ich erst an den letzten beiden Tagen gehen, damit die Gefäße des angenähten Daumens nicht platzen", berichtet er.

Trotz allem geben die Ärzte ihr Okay, am Morgen vor dem Rennen. "Sie haben wohl beide Augen zugedrückt", sagt der Diplom-Betriebswirt schmunzelnd: "Weil sie genau wussten: Wenn sie es mir nicht erlaubt hätten, hätte ich es trotzdem einfach gemacht."

Hoffen, dass der Daumen anwächst

Und Durst fährt nicht einfach nur mit, er holt geradezu sensationell Silber.

Und schaut im Zielbereich erst einmal ungläubig auf seinen pochenden Daumen und sagt: "Ich hoffe nur, dass er trotzdem anwächst. Nicht, dass er doch noch abgenommen werden muss."

Während des Rennens auf der Motorsportstrecke in Brands Hatch war in seinem Körper so viel Adrenalin, dass er "vom Start bis ins Ziel keinerlei Schmerzen im Daumen gefühlt hat. Im Ziel wusste ich dann nicht, was mehr zittert, meine Muskeln in den Beinen oder mein Daumen."

"Ein Handicap mehr"

Schmerzmittel hatte er vorher nur in geringen Dosen nehmen dürfen. Nicht nur wegen der Dopingvorgaben, sondern auch aus Koordinationsgründen.

Die Nacht nach dem Triumph ist schlimm, die Mittel schaffen es nicht, die Schmerzen einzudämmen. Der zweite Start im Straßenrennen am Samstag, den Durst unbedingt auch noch will, ist fraglich.

Was er da geleistet, ausgestanden und vielleicht aus riskiert hat, wird dem Dortmunder wohl erst in ein paar Wochen bewusst. Aktuell spricht er über die Verletzung, als sei sie nur ein Kratzer.

"Es ist eigentlich eine ganz kleine Sache, sie kam nur zur falschen Zeit", sagt er: "Wir haben hier alle ein Handicap. Und ich hatte diesmal eben ein bisschen mehr als ich sonst habe."

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