Sebastian Rodriguez Velosos Vergangenheit wurde erst in London aufgedeckt © getty

Der Spanier Rodriguez saß wegen Bombenattentaten und Mord elf Jahre im Gefängnis. Durch einen Hungerstreik wird er gelähmt.

London - Eigentlich müsste Sebastian Rodriguez Veloso noch bis 2069 im Gefängnis sitzen.

Stattdessen fischt er seit zwölf Jahren Medaille um Medaille bei den Paralympics aus dem Schwimmbecken.

1985 hatte ein Gericht den Spanier zu 84 Jahren Haft verurteilt, weil er als Mitglied der linksextremistischen Vereinigung Grapo an mehreren Bomben-Attentaten beteiligt war und den Geschäftsmann Rafael Padura ermordet hatte.

1996 wurde er entlassen, 2007 offiziell begnadigt - wegen seiner großen sportlichen Erfolge.

Anonymität gelüftet

Bei den Paralympics in London hat er mit zweimal Silber bereits seine Medaillen Nummer 13 und 14 bei Behindertenspielen gewonnen.

Geschwommen ist er bis zum Wochenende "undercover". Dem Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) hat er seine Vergangenheit nämlich stets verschwiegen und erklärt, seine Behinderung resultiere aus einem Autounfall.

Erst spanische Medien deckten nun seine wahre Vergangenheit auf.

"Löschen kann ich die Vergangenheit nicht"

"Chano", wie Rodriguez sich nennt, will darüber aber nicht sprechen. Er wolle für seine Leistungen als Schwimmer beurteilt werden, nicht für seine Vergangenheit, sagte er nur.

"Löschen kann ich die Vergangenheit nicht", meinte er: "Aber ich habe aus allen meine Erfahrungen viel gelernt."

Im Knast blieb er letztlich nur elf Jahre. Sie prägten ihn trotzdem. Nach fünf Jahren trat er in den Hungerstreik. 432 Tage lang. Seine Zwangsernährung wollte er durch Anwälte verbieten lassen.

Rodriguez überlebte, doch der Hungerstreik hatte mehrere Organe zerstört. Der frühere Terrorist war fortan von der Hüfte an gelähmt.

Vorträge an Schulen

Als er unter wütenden Protesten der Familie Paduras vorzeitig entlassen wurde - angeblich verbot ein spanisches Gesetz damals die Inhaftierung von schwerst Kranken - tat er dies in einem Rollstuhl.

Sein zweites Leben lebte er nicht mehr auf zwei Beinen. Und auch sonst sollte es ganz anders werden als das erste. Sein Geld verdient er seither damit, Lotterielose für eine Blindenorganisation zu verkaufen.

An Schulen hält er Vorträge über die Werte von Solidarität und Kameradschaft im Sport.

Sechseinhalbstündiges Training pro Tag

Zum Schwimmen kam der Vater einer Tochter, weil ihm sein Arzt aus gesundheitlichen Gründen dazu riet. Vom ersten Tag an trainierte Rodriguez wie besessen. Angeblich sechseinhalb Stunden pro Tag. Bis heute.

Vier Jahre nach seiner Entlassung stand er 2000 in Sydney im Paralympics-Kader und gewann fünf Mal Gold, in vier der Rennen mit Weltrekord. 2004 in Athen folgen drei weitere Siege, 2008 in Peking vier Medaillen ohne Gold.

Und auch in London holte der Spanier im stolzen Alter von 55 Jahren Silber über 50 m Freistil und 200 m Freistil Silber.

Seine zweite Chance im Leben hat Sebastian Rodriguez Veloso genutzt. Die Opfer der Bomben-Attentate und der Geschäftsmann Rafael Padura bekamen diese nicht.

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