Von 2003 bis 2012 war Gauck Vorsitzender der Vereinigung "Gegen Vergessen ? Für Demokratie" © getty

Dass der Bundespräsident nicht nach Sotschi reist, ärgert CDU und SPD. Bundestagsvize Roth indes lobt, Bach schweigt.

Köln - Bundespräsident Joachim Gauck wird den Olympischen Winterspielen in Sotschi fernbleiben.

Eine Sprecherin des Staatsoberhauptes bestätigte der Nachrichtenagentur "AFP" einen entsprechenden Bericht des Magazins "Der Spiegel".

Gauck werde die Spiele nicht besuchen, dies sei aber nicht als Boykott zu verstehen.

2010 habe auch der damalige Bundespräsident Horst Köhler auf die Reise zu den Winterspielen in Vancouver verzichtet.

Gauck-Besuch sei auch nicht geplant

Bei den Sommerspielen und den Paralympics 2012 in London war Gauck vor Ort gewesen.

Russland, unter anderem wegen seines Anti-Homosexuellen-Gesetzes und der andauernden Unterdrückung der Opposition international in der Kritik, hat der ehemalige Pastor und DDR-Bürgerrechtler seit seinem Amtsantritt im März 2012 noch keinen offiziellen Besuch abgestattet.

"Allein die Tatsache, dass jemand nicht irgendwo hinfährt, ist doch noch nicht als Boykott zu werten", sagte Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB): "Unseres Wissens war ein Besuch von Herrn Gauck in Sotschi nie geplant."

Von IOC-Präsident Thomas Bach gab es zu der Angelegenheit am Sonntag keine Stellungnahme, wie sein Sprecher Jochen Färber mitteilte.

Roth: Konsequente Haltung

Ansonsten gab es Zuspruch, aber auch Kritik: Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth begrüßte Gaucks Entscheidung.

"Das ist eine starke Haltung des Bundespräsidenten und ein ermutigendes Signal", sagte die Grünen-Politikerin der Tageszeitung "Rheinische Post". Man dürfe einer Politik, die Homophobie zum Gesetz mache und die Opposition unterdrücke, nicht tatenlos zusehen, so Roth.

Dass Bundespräsident Joachim Gauck ein Freund des Sports sei und gerade er wisse, was das Leben in einer unfreien Gesellschaft bedeute, mache den Boykott so glaubwürdig, sagte die Grünen-Politikerin.

Union ist zwiespältig

Ihre Kollegen von Union und SPD reagierten indes skeptisch auf Gaucks Sotschi-Verzicht und werten diesen trotz der gegenteiligen Aussage aus dem Bundespräsidialamt als Boykott.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Schockenhoff, Koordinator für die deutsch-russische zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit, sprach in der Tageszeitung "Die Welt" von einem sehr persönlichen Bekenntnis, "vor dem ich großen Respekt habe".

Es entspreche der konsequenten Haltung des Bundespräsidenten zu Menschenrechtsfragen. Einen generellen Boykottaufruf hält Schockenhoff dennoch für falsch: "Man muss sich fragen, ob man damit nicht auch die Menschen im Land trifft."

Bach glaubt nicht an Diskriminierung

Auch der SPD-Bundestagabgeordnete Lars Klingbeil, stellvertretender Vorsitzender der deutsch-russischen Parlamentariergruppe, sieht einen Boykott skeptisch:

"Gaucks Entscheidung ist zu akzeptieren, allerdings hätte ein Besuch der Olympischen Spiele auch eine gute Möglichkeit geboten, um Gespräche mit Reformkräften in Russland zu führen und ihren Anliegen in der politischen Debatte mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen", sagte Klingbeil der "Welt".

IOC-Präsident Bach ist knapp zwei Monate vor Beginn der Winterspiele allerdings überzeugt, dass es dort keine Diskriminierung von Homosexuellen geben wird.

"Die Verantwortung und der Anspruch des IOC ist es, dass die Olympische Charta Anwendung findet. Genau das haben wir mit den russischen Behörden, der Regierung, und ich habe das mit Präsident Putin besprochen, und er hat es zugesichert", sagte der 59-Jährige im "phoenix-Kamingespräch".

Wichtigkeit politischer Neutralität

Gleichzeitig betonte Bach, dass das Internationale Olympische Komitee nur wenige konkrete Handlungsmöglichkeiten habe: "Das IOC ist keine Weltregierung, die einem souveränen Staat vorschreiben kann, wie er seine Gesetze zu gestalten hat. Wir müssen klar sagen, dass wir dafür kein demokratisches Mandat haben."

Er vertraue darauf, so Bach, dass Putin dafür sorgen werde, dass es "keine Diskriminierung gibt".

Zusätzlich betonte Bach die Wichtigkeit politischer Neutralität während Olympia: "Sonst verlieren die Olympischen Spiele ihren Sinn."

Biathlon-Bundestrainer Uwe Müssiggang wiederum erklärte: "Das sind politische Gesten, da wollen wir uns heraushalten. Wir werden von den poltischen Diskussionen ohnehin nicht viel mitbekommen. Wir sind da oben auf dem Berg mit Langlauf und Biathlon unter uns."

Bewegung will Gesetz untersuchen lassen

Die russische LGBT-Bewegung hat Bach allerdings aufgefordert, Putins Anti-Homosexuellen-Gesetz noch vor den Winterspielen unabhängig untersuchen zu lassen.

"Wir sind zutiefst besorgt darüber, dass es kein klares Statement oder irgendeine Aktion von Seiten des Internationalen Olympischen Komitees gibt", schrieb die Organisation der Lesben, Schwulen, Bi- und Transexuellen an die Nachrichtenagentur "AFP".

Jedes Mitglied der Olympischen Familie solle sich vor einer Regierung hüten, die für die Rechte homosexueller Menschen nicht garantiert, heißt es weiter.

Putin sorgt für Empörung

Dabei sei es irrelevant, ob Putin erklärt habe, es werde keine Diskriminierung Olympischer Athleten in Sotschi geben.

Putin hatte mit der Unterzeichnung des Gesetzes Ende Juni international für Empörung gesorgt, Boykott-Forderungen gegen die Spiele waren laut geworden.

Zuletzt hatte Russlands mächtigster Mann allerdings erklärt, alles dafür zu tun, "dass sich Athleten, Fans und Gäste bei den Olympischen Spielen wohl fühlen, unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft, der Rasse oder der sexuellen Ausrichtung".

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