Er will doch nur spielen: Mesut Özil, die beste Nummer 10 der Welt. SPORT1 erzählt multimedial die Geschichte des Arsenal-Stars.

[kaltura id="0_e7imd0yz" class="full_size" title=""]

Von Frank Hellmann, Martin Volkmar, Florentin Vesenbeckh, Eric Böhm und Ivo Hrstic

Arsene Wenger schien es gewusst zu haben. "Ich mochte Mesut Özil schon in Madrid und bin froh, ihn bei uns zu haben. Er reißt uns alle mit. Er ist jemand, der es einfach liebt, Fußball zu spielen."

Da spricht der Fachmann im Lehrmeister des FC Arsenal. Und damit ist auch ziemlich gut beschrieben, was den neuen Londoner Liebling kennzeichnet. 149130(DIASHOW: Mesut Özil: Seine Karriere in Bildern)

Und was den gebürtigen Gelsenkirchener beim Kracher gegen Borussia Dortmund am dritten Gruppenspieltag der Champions League (Dienstag, ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER und SPORT1.fm) in den absoluten Blickpunkt rücken lässt.

Allerspätestens nach Özils überragender Vorstellung im "Vorspiel" am Samstag beim 4:1 gegen Norwich, bei dem er zwei Treffer für die "Gunners" erzielte.

Der deutsch-türkische Fußballer und der ruhmreiche englische Fußballklub - beide Seiten haben ganz schnell zusammengefunden.

In seinem ersten Spiel für den neuen Verein beim AFC Sunderland ließ sich Özil nur zehn Minuten Zeit, um Kamerad Olivier Giroud den ersten Treffer aufzulegen. Eine Woche später im ersten Heimspiel gegen Stoke City leitete Özil dann per Frei- und Eckstoß gleich drei Treffer ein.

Der verletzte Lukas Podolski eilte danach in den Kabinengang, um ihn zu beglückwünschen; die Arsenal-Fans huldigten den Neuzugang mit einem Flashmob und trugen allesamt Özil-Trikots.

[image id="3298df12-63c7-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Der "Daily Telegraph" schrieb: "Ging er zur Ecke, bekam er großen Beifall, als wäre er ein UN-Mitarbeiter auf dem Weg zum Essen- und Decken-Ausgeben in einem angeschlagenen Teil der Erde. Sein Name wurde gesungen, und er wurde in den Himmel gelobt - einfach nur, weil er da war."

Tatsächlich ist der 25-Jährige längst eine globale Marke, die eine riesige PR-Maschinerie in Gang hält. Der originale Özil hat 12,9 Millionen Freunde auf Facebook, 3,5 Millionen folgen ihm beim Kurznachrichtendienst Twitter. Dabei führt der Fußballer das Ranking der deutschen Sportler mit riesigem Abstand an: Basketballstar Dirk Nowitzki steht bei Facebook bei 2,2 Millionen Fans, Mario Götze bringt es auf knapp 2,8 Millionen.

[kaltura id="0_r5ctb3pv" class="full_size" title="Der zil Style Facebook Mania und Fashion Fauxpas"]

Özils großer Vorteil: Seine Mitteilungen erfolgen in der Regel mehrsprachig: auf deutsch, türkisch, englisch und spanisch. Die internationale Fangemeinde ist begeistert und die enorme Popularität ist längst bares Geld wert. Vor allem für Sportartikelausrüster, die es auf diese jungen Zielgruppen abgesehen haben - idealerweise weltweit.

[image id="32b47425-63c7-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Erst vor einigen Wochen machte adidas, auch Ausrüster der deutschen Nationalmannschaft, den neuen Millionendeal mit Özil öffentlich, der zuvor immer für Konkurrent Nike geworben hatte. Ansonsten wirbt er nur exklusiv für die Uhrenmarke Cyrus. "Es gibt viele Anfragen, aber Mesut selektiert sehr genau", sagt sein Vater Mustafa. "Die Marke muss passen." So wie beim Sportartikelgiganten mit den drei Streifen.

"Mesut Özil ist eine der herausragenden Persönlichkeiten im deutschen und im internationalen Fußball und verstärkt unser Portfolio an großartigen Spielern", erklärt adidas-Sprecher Oliver Brüggen. "Aufgrund seiner individuellen Klasse und Anerkennung bei den Fans ist Mesut Özil für adidas in jedem Markt der Welt von großer Bedeutung."

Schnell hatte der Ausrüster aus Herzogenaurach eine eigene Kampagne initiiert (Video). Für die bis 2020 laufende Partnerschaft sollen erfolgsabhängig bis zu 25 Millionen Euro fließen, heißt es.

[kaltura id="0_2et1r1dg" class="full_size" title="Werbeikone zil Schauspielkunst und private Details"]

Bei all diesen rekordverdächtigen Zahlen wird häufig vergessen, welch schwerer Entschluss dieser Karriere voran stand.

Die Kardinalfrage lautete ja nicht, ob Madrid oder London der bessere Standort zum Weiterkommen ist. Sondern schlicht, ob die deutsche oder die türkische Nationalmannschaft die Heimat bieten soll.

Es ist das ewige Dilemma türkischstämmiger Profis, die in Deutschland aufgewachsen sind. Viele von ihnen wie Nuri Sahin oder Hamit Altintop haben sich in ähnlicher Lage für die Türkei entschieden. Und auch Özils Verhalten weist auf eine enge Bindung hin. Vor jedem Spiel betet er: "Ich spreche Verse aus dem Koran in mich hinein. Das gibt mir Kraft und erleichtert mich", sagte er einmal. "Wenn ich das nicht machen würde, dann hätte ich ein schlechtes Gefühl."

"Ich habe in meinem Leben mehr Zeit in Spanien als in der Türkei verbracht - bin ich dann ein deutsch-türkischer Spanier oder ein spanischer Deutsch-Türke? Warum denken wir immer so in Grenzen? Ich will als Fußballer gemessen werden - und Fußball ist international, das hat nichts mit den Wurzeln der Familie zu tun"

- Mesut Özil

Mesut Özil, aufgewachsen in einer Mietwohnung in Gelsenkirchen-Bismarck mit seinen jungen Schwestern Duygu und Nese und seinem vier Jahre älteren Bruder Mutlu, steht zu seinen Wurzeln. Oft hieß es, dass Vater Mustafa eigentlich lieber gesehen hätte, wenn der begabte Filius sich für den Halbmond entschieden hätte.

Noch bevor Mesut - heißt auf türkisch übrigens glücklich - im Sommer 2007 vom Deutschen Fußball-Bund für die U-19-EM nominiert wurde, buhlte schon der türkische Verband um ihn. Über Mittelsmänner und Kontaktleute. "Aber wir sind hier geboren und Deutsche. Daher ist es klar, dass Mesut für die DFB-Auswahl spielte", sagte damals Mutlu, seit vergangener Woche auch offizieller Berater des Bruders.

[kaltura id="0_e8vwc16n" class="full_size" title="So wurde Mesut zum deutschen Nationalspieler"]

Doch so klar war das längst nicht. In der Winterpause der Saison 2008/2009 - Özil reihte in dieser Phase beim SV Werder Bremen an der Seite von Diego eine Glanzleistung an die andere - eskalierte die Situation.

Im Januar 2009 machte der damalige Bremer Vorstandsboss Klaus Allofs die sportliche Zukunft seines angehenden Superstars zur Chefsache. Im Trainingslager im türkischen Belek ließ Allofs feine Spitzen gegen die Verantwortlichen beim DFB los. "Es wäre schade, wenn er der deutschen Nationalmannschaft verloren geht. Man muss solchen Spielern auch Interesse signalisierten. Darauf habe ich den DFB hingewiesen."

Auch der damalige Berater Reza Fazeli spielte eine Schlüsselrolle. Fazeli soll der Familie Özil die Vorzüge einer Entscheidung für die deutsche Elf nahe gelegt haben, nachdem sowohl Jogi Löw als auch der türkische Nationalcoach Fatih Terim öffentlich um den Shootingstar gebuhlt hatten.

Letztlich fiel der definitive Entschluss erst nach Hinterzimmer-Diplomatie in der Frankfurter Verbandszentrale. In der Otto-Fleck-Schneise überzeugten der damalige Generalsekretär Wolfgang Niersbach, Assistenztrainer Hansi Flick und Allofs Özil vom endgültigen Wechsel in die DFB-Auswahl.

Am 5. Februar 2009 musste dennoch das Gästebuch auf Özils Homepage geschlossen werden. Zu viele Beschimpfungen in schlechtem Deutsch und auf Türkisch waren dort veröffentlich worden. Auslöser war eine offizielle Pressemitteilung des SV Werder, in der Özil seinen Schritt erläuterte.

"Ich habe mir die Entscheidung in den letzten Wochen nicht leicht gemacht, weil meine Familie und viele Freunde aus der Türkei stammen. Das ist auch keine Entscheidung gegen meine türkischen Wurzeln", hieß es da. Und: "Doch meine Familie lebt jetzt in der dritten Generation in Deutschland, und ich bin hier aufgewachsen, habe mich immer wohl gefühlt, hier habe meine Chancen in den Junioren-Auswahlteams bekommen."

Nur sechs Tage später verhalf Joachim Löw dem schmalbrüstigen Jungprofi zum allerersten Einsatz in der A-Mannschaft: Özil kam in der 78. Minuten gegen Norwegen für Piotr Trochowski ins Spiel, ohne die 0:1-Niederlage noch abwenden zu können. Aber beendet war ein monatelanges Tauziehen und Hickhack hinter den Kulissen.

[image id="32cf22b6-63c7-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Damals ahnte noch niemand, dass genau dieser Spieler es nur 20 Monate später zum weltweit beachteten Handschlag mit Angela Merkel in der Umkleidekabine bringen sollte.

Nach dem 3:0-Sieg der Nationalelf gegen die Türkei am 8. Oktober 2010 eilte die Bundeskanzlerin im Berliner Olympiastadion zusammen mit Bundespräsident Christian Wulff, dessen Tochter und Regierungssprecher Steffen Seibert ins deutsche Heiligtum - und ein offizieller Fotograf des Bundespresseamtes hielt die Szene fest. Merkel gemeinsam mit Özil - ein damals lange diskutiertes Bild mit Symbolwert angesichts der Dauerdebatte um Migranten. Im selben Jahr erhielt Özil den Bambi für Integration, sein Aufstieg zum Weltstar war zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr aufzuhalten.

Rückblende.

Zum Fußball kam Özil in einer Stadt wie Gelsenkirchen fast automatisch. "Affenkäfig" nennen sie dort den mit drei Meter hohem Drahtzaun umgebenen Bolzplatz, zwei Straßen vom damaligen Wohnhaus entfernt. "Fußball war unser Leben. Jeden Tag, egal ob Sonne, Schnee oder Regen, waren wir im Affenkäfig und haben dort gekickt. Schon als ganz kleine Jungen", erinnert sich sein Bruder Mutlu.

"Ich habe damals öfter gegen Ältere gespielt, gegen Freunde meines Bruders", erzählte Özil einmal, "da ging es um Tricks, aber auch um Durchsetzungsvermögen."

Er war sechs Jahre, als ihn sein Vater bei Westfalia 04 anmeldete. Dann wechselte er zu Teutonia Schalke, spielte bei DJK Falke Gelsenkirchen und schließlich für Rot-Weiss Essen, wo er von 2000 bis 2005 bereits sein außergewöhnliches Talent andeutete.

Danach kehrte er in seine Heimatstadt zurück zu Schalke 04, das ihn zuvor als zu schmächtig abgelehnt haben soll. Sein erster großer Erfolg folgte schon im ersten Jahr: die deutsche Meisterschaft mit den Schalker A-Junioren 2006.

[image id="32eb1d82-63c7-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Es war der damalige Profi-Trainer Mirko Slomka, dem die begnadete Ballbehandlung des schüchternen Jungen auffiel und den er am 12. August 2006 gegen Eintracht Frankfurt sein erstes Bundesligaspiel bestreiten ließ. "Mesut ist ein Spieler mit der Fähigkeit, ein Spiel zu lesen. Das Markenzeichen einer Nummer zehn", prophezeite Slomka früh. Und doch kam es bereits im Herbst 2007 zum Bruch zwischen Traditionsverein und Ausnahmetalent.

Der Klub drängte auf eine schnelle Vertragsverlängerung des nur bis 2009 laufenden Kontrakts und berief sich auf eine mündliche Zusage. Die Özil-Partei verneinte. Die Situation eskalierte, als der Vertragsentwurf öffentlich wurde. Rund 1,5 Millionen Euro sollte der Jungstar künftig jährlich verdienen - das war schwarz auf weiß auf einmal abgedruckt. Özil wurde als Raffzahn gebrandmarkt.

Und ging auf Konfrontationskurs gegenüber dem damaligen Manager Andreas Müller. "Ich finde es eine absolute Frechheit, es ist eine schmutzige Kampagne", erklärte er und beklagte mangelndes Vertrauen: Die Königsblauen hatten nämlich nach dem Brasilianer Lincoln noch den Kroaten Ivan Rakitic als neuen Spielermacher verpflichtet.

Beide Parteien entfernten sich immer weiter voneinander. Zu Gesprächen mit den Schalker Verantwortlichen erschienen nur noch Vater Mustafa und Berater Fazeli.

Im Januar 2008 schließlich war der Wechsel zu Werder Bremen für knapp fünf Millionen Euro die beste Lösung. Zumal an der Weser ein Fußball gespielt wurde, der diesem Spieler behagen musste: offensiv ausgerichtet, technisch betont.

Zwölfmal kam Özil in der Rückrunde bereits für Werder zum Einsatz, obwohl er nicht immer überzeugte. Aber Manager Klaus Allofs und Trainer Thomas Schaaf erkannten schnell das immense Potenzial. Schon bald riefen ihn die Kollegen im Training bereits "Messi".

Die Zurückhaltung streifte der zu diesem Zeitpunkt immer noch schüchtern und zurückhaltend auftretende Fußballer dann in der Saison 2008/2009 ab. An der Seite von Spielmacher Diego blühte Özil auf. Als die Bremer mit 5:2 beim FC Bayern triumphierten oder Hoffenheim mit 5:4 bezwangen, war der Deutsch-Türke der überragende Mann auf dem Feld. "Diego gibt es jetzt zweimal", hieß es. Oder: "Diegos Erbe".

Und doch erinnert Allofs immer wieder daran, dass nicht alles Gold war, was damals bei Özil glänzte. Er leistete sich immer wieder seine Kunstpausen oder hielt er den Erwartungen nicht stand. So 2009 im letzten UEFA-Cup-Finale, als Werder ausgerechnet in Istanbul gegen Schachtjor Donezk antrat und Diego eine Sperre absaß.

Mit dem Druck in der Heimat seiner Familie wurde Özil nicht fertig. In diesem Endspiel war er kaum zu sehen. Doch es sprach für seine Klasse, dass er wenig später im DFB-Pokalfinale gegen Bayer Leverkusen für Werder Bremen das Siegtor schoss.

[image id="3305c353-63c7-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

"Ich bin in Bremen reifer, selbstbewusster und selbstständiger geworden. In Gelsenkirchen hatte ich eine Familie zuhause, die alles für mich gemacht hat", erklärte Özil im Interview mit SPORT1 im Oktober 2009:

"Wenn ich jetzt auf dem Platz bin, fühle ich gar nichts, auch keinen Druck, dann will ich einfach nur Spaß haben und gewinnen. Beim UEFA-Cup-Finale in Istanbul hat das leider nicht geklappt, aber danach im DFB-Pokalfinale und bei der U-21-EM lief es besser und wir haben beide Titel geholt."

Tatsächlich bediente der Hochbegabte bereits die Fußball-Feinkostabteilung, als er die deutsche U 21 in Schweden zum Titel führte. Gemeinsam mit Mats Hummels, Sami Khedira, Jerome Boateng oder Manuel Neuer übrigens.

[kaltura id="0_v7t1idc9" class="full_size" title="Pure Emotionen die Meilensteine in zils Karriere"]

Spätestens hier gelangte Özil ins Notizbuch fast aller europäischen Topvereine. Und in Bremen stellten sich die Bosse darauf ein, dass dieser Spieler dauerhaft kaum zu halten sein werde, selbst wenn es ihrem Star in der norddeutschen Tiefebene auch privat gut ging: Im Februar 2010 zeigte er sich beim traditionellen Werder-Ball mit seiner neuen Freundin Anna Maria Lagerblom, der Schwester von Popstar Sarah Connor, die zuvor dem finnischen Fußballer Pekka Lagerblom liiert war.

Die Schlagzeilen über sein Privatleben waren allerdings seltener als die fast wöchentlich aufflammenden Wechselgerüchte, weil es Werder nicht gelang, den Vertrag vorzeitig zu verlängern. (794460DIASHOW: Mesut Özil - privat)

Den Abgang aus der grün-weißen Wohlfühloase beschleunigte schließlich eine famose WM, die Özil für Deutschland 2010 in Südafrika spielte. "Stiller Anführer" wurde er genannt, was seine Rolle bei seinem ersten großen Turnier bestens beschrieb.

Nach dem 4:0 gegen Australien wurde weniger das Resultat als die spielerische Glanzleistung Özils gewürdigt, der im letzten Gruppenspiel gegen Ghana dann selbst das wegweisende 1:0 schoss. Beim furiosen 4:1 im Achtelfinale gegen England tat sich Özil ebenso als genialer Passgeber hervor wie beim fulminanten 4:0 im Viertelfinale gegen Argentinien. Wie ein Messer durch weiche Butter zerschnitten seine Zuspiele die gegnerische Abwehr.

Der Regisseur schien vier oder sechs statt zwei Augen zu haben, so gekonnt setzte er Mitspieler beinahe blind ein. Einhelliges Urteil: Weltklasse. Aber davon war er dann im Halbfinale gegen Spanien (0:1) doch wieder weit entfernt.

Was Real Madrid nicht daran hinderte, kurz nach der WM einen der besten Transfers der vergangenen Jahre vorzunehmen. Nur rund 17 Millionen Euro plus Zuschläge überwiesen die Madrilenen nach Bremen, wo Özil noch halbherzig den ersten Teil der Vorbereitung absolviert hatte und sogar ins Trainingslager nach Österreich mitgereist war.

Am 17. August 2010 schickte Werders Pressestelle einen Text mit folgendem Inhalt: "Wir respektieren Mesuts Wunsch, schon jetzt den nächsten Schritt seiner Karriere zu machen. Unser Verein darf nie die wirtschaftliche Seite außer Acht lassen."

Allofs räumte auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz ein, dass man kurz vor der WM noch dicht vor einer Lösung gestanden habe, die aber aus finanziellen Gründen nicht zustande gekommen sei. Weil Werder in den Playoff-Spielen zur Champions League gegen Sampdoria Genua stand, musste eine Lösung in der Causa her, die den Verein tagelang belastete.

Das spielte Madrid bei den Verhandlungen in die Karten. "Wir konnten Mesut Özil zu einem Preis unter Vertrag nehmen, der weit unter seinem wirklichen Wert liegt", jubilierte Reals neuer Trainer José Mourinho. Özil selbst sprach vom "größten Verein" der Welt, "es ist meine erste Auslandserfahrung, die mich prägen wird". Womit er Recht behalten sollte.

[kaltura id="0_2aoabyau" class="full_size" title=" zil Superstar Die Szene schw rmt"]

In dem Starensemble der "Königlichen" fasste er mit seiner Spielart viel schneller Fuß, als es viele gedacht hatten. Auch wenn es mit der Sprache anfangs noch haperte und Mourinho sogar lästerte, Özil und Khedira hätten keinen Anteil am sozialen Leben des Kaders, so setzte der Neuzugang auf dem Platz sofort Akzente.

Der deutsche Nationalspieler kam in der Primera Division in 36 von 38 Ligaspielen zum Einsatz, erzielte sechs Tore und holte mit Real immerhin den spanischen Pokal. Noch besser lief seine zweite Saison, in der Özil 29-mal in der Startelf stand, zwei Treffer erzielte und sogar 17 vorbereitete.

Er war zum wichtigsten Zulieferer für Torschützenkönig und Freund Cristiano Ronaldo geworden und hatte entscheidenden Anteil daran, dass Real endlich wieder im Dauerduell gegen den FC Barcelona die Meisterschaft gewann. Die Zeitung "El Pais" frohlockte: "Er zaubert wie Merlin." Und "ABC" nannte ihn einen "feinen Geiger".

Nach dem Titelgewinn sagte Özil im Interview mit SPORT1: "Das ist der bisher größte Moment in meiner sportlichen Karriere. Mit einer solchen Meisterschaft wird die Arbeit des ganzen Jahres belohnt. Und wir alle im Verein haben hart gearbeitet." Ein Sonderlob richtete Özil an Mourinho: "Er hat den größten Anteil, er ist ein herausragender Trainer." Aber er ahnte auch schon: "Bei einem solchen Verein kann und darf man kein bisschen nachlassen. Da ist die Verpflichtung gegenüber Real viel zu groß."

Immer wieder gelangte Özil nämlich in den entscheidenden Spielen auf internationaler Bühne noch an seine Grenzen: in der Champions League, in der Nationalmannschaft. "Jetzt wollen wir auch Europameister werden", hatte er gegenüber SPORT1 vor der EM 2012 gesagt.

Und doch war das Turnier in der Ukraine und Polen auch deshalb nicht seins, weil er im entscheidenden Halbfinale gegen Italien (1:2) bis auf seinen Anschlusstreffer - Elfmeter in der Nachspielzeit - nur wenig Akzente zu setzen wusste. Immerhin: Von der Technischen Kommission der UEFA wurde Özil trotzdem in die Mannschaft des Turniers gewählt.

Die WM 2014 in Brasilien wird nun der dritte Anlauf, im Nationalteam seine außerordentliche Veranlagung zu krönen. Er ist die wichtigste Kreativkraft für den Bundestrainer und aus der DFB-Auswahl gar nicht mehr wegzudenken - Löws Lichtblick ist er oft genannt worden. 51 Länderspiele stehen nach Abschluss der WM-Qualifikation in seiner Vita, in denen er 17 Tore erzielt hat ? je eines jetzt wieder gegen Irland und in Schweden.

Re-Live: Özils Tor zum 3:0 in der WM-Qualifikation gegen Irland auf SPORT1.fm

[soundcloud url="https://w.soundcloud.com/player/?url=http%3A%2F%2Fapi.soundcloud.com%2Ftracks%2F115749115=true"]

Seinen 50. Einsatz für die DFB-Elf feierte Özil beim 3:0 gegen die Iren. "Ich bin stolz auf diese Zahl, ich danke dem Bundestrainer, dass er mir das Vertrauen gegeben hat", sagte die deutsche Nummer zehn dazu einen Tag vorher auf einer Pressekonferenz in einem Kölner Autohaus. Es war ein bemerkenswerter Auftritt unter einer gigantischen Glaskuppel im gleißenden Scheinwerferlicht, weil er kaum noch Scheu zeigte. Selten wirkte Özil so offenherzig wie an diesem regnerischen rheinischen Herbsttag, an dem ein wahres Fragegewitter auf ihn herab prasselte. Doch Özil gab sich unverkrampft.

Frank und frei erzählte er die Episode, wie er für die neuen Kollegen des FC Arsenal einen Song geträllert habe - ein auf der Insel übliches Ritual. Das Besondere: Özil suchte sich einen türkischen Song aus, "die Leute haben mich nicht verstanden, aber sie haben mich gefeiert".

Der Applaus steht symbolisch für eine Art Liebeserklärung an London. "Alles was ich von der Stadt gesehen habe, ist unglaublich. Ich war vorher noch nie privat dort. Ich liebe London."

Er habe die ganze Hektik nach seinem Wechsel ohnehin nicht als Stress empfunden, "sondern mich auf alles Neue gefreut: neue Umgebung, neue Stadien, neue Mitspieler, neue Liga. Ich kann sagen, dass ich mich bei Arsenal und in London total wohl fühle".

[kaltura id="0_uzgi9g4v" class="full_size" title="I m a Gunner zil entz ckt London"]

Aufgeschlossen begegnet er einer internationalen Metropole, die gut zu seiner internationalen Vita passt. "Ich bin doch ein echter Vorzeige-Europäer", sagt Özil. "Ich habe mit 24 Jahren schon in Deutschland, Spanien und England gespielt und mich überall durchgesetzt." Und nicht nur das: Er beteuert, er habe sich dank der tatkräftigen Mithilfe von Per Mertesacker bereits an den britischen Linksverkehr gewöhnt.

Auch wenn er sonst Fragen hat, kann er die an mehrere Mitspieler richten: Neben dem aus Bremen bestens vertrauten Mertesacker und dem Nationalmannschaftskollegen Lukas Podolski stehen mit Serge Gnabry und Thomas Eisfeld weitere Ansprechpartner parat. Und nicht zuletzt parliert auch sein Teamchef Wenger auf deutsch. Vom Elsässer hat Özil übrigens eine hohe Meinung: "Ein super Trainer mit klaren Vorstellungen. So einen braucht man, um erfolgreich zu sein."

[image id="3320d3f5-63c7-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

(Copyright:Facebook/OlisCartoons)

Mitunter kommt Özil nicht ohne Floskeln durch die medialen Pflichttermine, aber lange Reden soll er ja gar nicht halten. Bei ihm spricht der Ball - so sagt es jedenfalls sinngemäß der Bundestrainer:

"Mesut hat immer Verantwortung übernommen, indem er ständig den Ball will." Löw hat seinen Gestalter gleich bei einem der ersten Arsenal-Auftritte beobachtet und festgestellt, "dass ihn die Zuschauer dort unglaublich annehmen".

Tatsächlich ist bei den "Gunners" mit dem 50 Millionen Euro teuren Transfer die Hoffnung nach dem ersten Titel seit 2005 verknüpft. "Er ist Dreh- und Angelpunkt", urteilt Löw, "die Art und Weise, wie bei Arsenal gespielt wird, kommt ihm sehr entgegen - er ist mehr im Spiel als in Madrid."

Auf das verbale Nachtreten aus der spanischen Hauptstadt ist der gebürtige Gelsenkirchener zuletzt zwangsläufig auch angesprochen worden. Stimme der Vorwurf von Real-Präsident Florentino Peréz, er würde nur vier Stunden schlafen, mitunter die Nacht zum Tage machen? "Man muss nur auf die Statistik schauen, um zu wissen, wie professionell ich bin", lautet seine Replik. "Wenn man sieht, wie und wie oft ich gespielt habe und wie wenig ich verletzt war - das geht ja nur, wenn man gesund ist und gut trainiert."

Offensichtlich hat die Madrider Führung immer noch ein Problem, den "dümmsten Verkauf des Sommers" ("Telegraph") mittels übler Nachrede zu rechtfertigen. Auch Stil-Ikone Ronaldo hat den Weggang seines besten Zulieferers im Sommer ja öffentlich kritisiert: "Ich bin wütend über Özils Weggang." Sein inzwischen wieder bei Chelsea tätiger Lehrmeister Mourinho behauptete sogar: "Von ihm gibt es keine Kopie, nicht mal eine schlechte. Özil ist die beste Nummer zehn der Welt."

Und unlängst drückte Kumpel Khedira noch einmal sein Unverständnis aus: "Wenn man die Qualität eines Mesut Özil abgibt, schadet das jeder Mannschaft." Er sei indes auch nur Angestellter des Vereins: "Es ist so passiert, Mesut scheint glücklich zu sein, das ist das Wichtigste."

Tatsächlich hat sich Özil schon bestens an der Themse eingelebt, nachdem er für sich und seine Freundin, der Popsängerin Mandy Capristo, ein Haus im Stadtteil Hampstead gefunden hat. Dass seine neue Wahlheimat die Privatsphäre prominenter Fußballer respektiere, genieße er sehr.

Er will nämlich nur spielen. Arsene Wenger weiß das.

Weiterlesen