In der Guanajuato-Street-Stage geht es teilweise durch alte Bergwerksstollen © Volkswagen

In Mexiko wird der neue Volkswagen Polo R WRC erstmals auf Schotter gegen die Konkurrenz antreten - Große Vorfreude bei Sebastien Ogier und Jari-Matti Latvala

Viva Mexico! Der Volkswagen Polo R WRC steht in der FIA Rallye-Weltmeisterschaft vor seiner mit Spannung erwarteten Wettbewerbspremiere auf Schotter. Beim dritten Saisonlauf, der Rallye Mexiko vom 07. bis 10. März, tritt der 315 PS starke Allradler aus Wolfsburg unter ganz speziellen Bedingungen an. Mit Höhen bis knapp 2.700 Meter über Normalnull sind die Wertungsprüfungen die höchstgelegenen der gesamten Saison - für die Teams eine fahrerische wie technologische Herausforderung. Und für Abertausende Rallye-Fans die Fiesta der Saison. Für Volkswagen am Start: Jari-Matti Latvala/Miikka Anttila und die Sieger der Rallye Schweden, Sebastien Ogier und Julien Ingrassia.

"Die ersten drei Rallyes der Saison sind allesamt etwas Besonderes. Nach der berüchtigten und unberechenbaren 'Monte' sowie den extrem kalten Temperaturen in Schweden geht es jetzt in die Hitzeschlacht auf über 2.000 Meter Höhe", so Volkswagen Motorsport-Direktor Jost Capito. "Die dünne Luft und die Temperaturen über 30 Grad stellen eine besondere Belastung dar - das gilt sowohl für Fahrer und Beifahrer als auch für die Technik."

"Zudem ist die Rallye Mexiko die erste Rallye der Saison auf Schotter - bisher sind wir mit dem Polo R WRC bei diesen Bedingungen noch nie im Wettbewerb angetreten. Und von daher sind wir natürlich besonders gespannt, wie wettbewerbsfähig der Polo in Mexiko ist." Insgesamt legen die Piloten beim dritten Saisonlauf 23 Wertungsprüfungen über 394,88 Kilometer zurück. Die spektakulärste Auftakt-Prüfung der Saison wartet am Donnerstagabend in Guanajuato auf die Teilnehmer.

Der ehemalige Silberminenort zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist mit den zu Straßen umgebauten Bergwerksschächten Schauplatz einer der atemberaubendsten WPs im Rallye-WM-Kalender - der "Guanajuato-Street-Stage". Fast 80.000 Zuschauer drängen sich in den Straßen und auf Hausdächern und feiern die vorbeidriftenden Rallye-Piloten mit einem Blitzlichtgewitter wie Popstars. Nicht zu verwechseln übrigens mit der 54,85 Kilometer langen Prüfung "Guanajuatito", die eine der längsten und schwierigsten WPs der Rallye-WM ist und den Höhepunkt am Sonntag bildet.

Neben anderen Wertungsprüfungen mit klangvollen Namen - wie etwa die neu aufgenommene "El Chocolate" - erwartet die Teilnehmer am Sonntag ein weiteres Highlight der "Mexiko": Auf der 22. WP "Derramadero" steht der beliebteste Zuschauerpunkt der Fans auf dem Programm. Ultraschnelle Serpentinen, eine Abfahrt um rund 200 Höhenmeter innerhalb von gerade einmal 2,5 Kilometern sowie die Sprungkuppe "El Brinco" mit spektakulären Flugeinlagen der World-Rally-Cars sind die exquisiten Zutaten dieser Power Stage. Hier werden für die erst-, zweit- und drittplatzierten Teilnehmer zusätzliche WM-Zähler vergeben.

Typisch Mexiko: Die Luft wird dünn - technisch und sportlich

Eine der großen technologischen Herausforderungen bei der Rallye Mexiko ist die Anpassung der Motoren an Höhen rund um die 3.000-Meter-Marke. Wenn die Luft zum Atmen dünner wird, verlieren die 1,6-Liter-Turbokraftwerke zwischen 28 und 30 Prozent an Leistung. Die Volkswagen-Ingenieure haben sich auf die Anforderungen der Hochebenen in der Sierra de Lobos und der Sierra de Guanajuato bestmöglich vorbereitet, um den Erfahrungsrückstand gegenüber der Konkurrenz zu verringern.

Bereits 2012 testete Volkswagen in Mexiko den Polo R WRC. Eine technologische Schlüsselrolle kommt dem Turbolader zu. Weniger Sauerstoff und Luftdruck bedeuten neben dem Verlust von Leistung auch weniger Luftwiderstand für den Turbo. Damit steigt die Drehzahl in diesem Bauteil - nur ein technologisches Eingreifen verhindert die Überhitzung dieses Bauteils.

Hier ist Erfahrung und Fleiß entscheidend: Neben Testfahrten bereitete sich Volkswagen mit Prüfstandsversuchen in der Klima-Höhenkammer des Konzerns auf die "Mexiko" vor und entwickelte so ein Höhen-Kennfeld für diesen speziellen Einsatz. Im Blickpunkt dabei: den Leistungsverlust einerseits zu begrenzen, ohne andererseits die Standfestigkeit des Turboladers zu gefährden. "Die Höhe bei der Rallye Mexiko betrifft kein Bauteil des Polo R WRC derart wie den Motor", so Dr. Donatus Wichelhaus, Leiter Motorenentwicklung bei Volkswagen Motorsport.

"Einerseits sinkt mit der Höhe der Luftdruck und damit der Sauerstoffgehalt der Luft, andererseits auch der Luftwiderstand im Turbolader, der damit höhere Drehzahlen erreicht als bei allen anderen Rallyes. Um seine Standfestigkeit weiterhin zu gewährleisten, gleichzeitig aber so wenig Leistung wie möglich zu verlieren, haben wir uns mit verschiedenen Simulationen auf die 'Mexiko' vorbereitet. In den höchstgelegenen Abschnitten beträgt der Leistungsverlust etwa 28 bis 30 Prozent - verglichen mit der Rallye Schweden."

Ogier reist als WM-Führender an

Die beiden Fahrer sind gespannt auf die erste Schotter-Rallye mit dem neuen Polo. Ogier führt nach zwei Läufen die WM-Wertung an. "Über den Sieg in Schweden habe ich mich sehr gefreut. Vor allem auch die Art und Weise, wie wir uns während des gesamten Wochenendes als Team präsentiert haben, war sehr beeindruckend", schwärmt der Franzose von seinem großen Triumph. "Doch das ist tatsächlich 'Schnee von gestern', denn mit der Rallye Mexiko steht das erste Schotter-Event mit dem Polo R WRC auf dem Programm."

"Ich mag die Atmosphäre in Mexiko wirklich sehr. Vor allem der Start in Guanajuato ist ein fantastisches Erlebnis. Durch die kleinen Gassen und Tunnel, vorbei an Tausenden frenetisch feiernden Fans - das ist Gänsehaut pur", beschreibt Ogier die Atmosphäre. "Für mich persönlich ist es darüber hinaus immer etwas ganz Besonderes, in Mexiko zu starten. 2008 bin ich dort meine allererste Rallye in der Weltmeisterschaft gefahren - und habe direkt meinen ersten Sieg in der JWRC-Kategorie gefeiert."

"Und wie damals starten wir mit dem Polo R WRC dort etwas Neues. In Mexiko werden wir erste Hinweise darauf bekommen, wie das Auto auf Schotter funktioniert und an welchen Stellschrauben wir für die Zukunft drehen müssen." Sein Teamkollege Jari-Matti Latvala ist noch nicht komplett eine Einheit mit dem Polo und feilte zuletzt in Schweden an seinem Fahrstil und der Abstimmung. Dieser Prozess wird auch in Mexiko fortgesetzt.

Latvala setzt Anpassungsprozess fort

"Das ist einer der wichtigsten Aspekte in der Vorbereitung auf Mexiko: Wie gut kann man sich auf die Zeitverschiebung einstellen? Wenn man sich gut an die Zeitverschiebung gewöhnt hat, sind die eigenen Sinne bei der Recce besser geschärft. Ich reise deshalb bereits zwei Wochen vor dem Start nach Kalifornien, um mich zu akklimatisieren", sagt der Finne. "Denn wir müssen uns in vielerlei Hinsicht umstellen."

"Anders als in Schweden ändert sich das Grip-Niveau auf Schotter weniger häufig. Dennoch ist bei der 'Mexiko' viel Konzentration gefragt. Die längste WP der Rallye, 'Guanajuatito', ist beispielsweise unheimlich schwierig. Ich mag ihren Charakter. Sie besteht aus sehr schmalen Abschnitten, die technisch sehr anspruchsvoll sind, sowie breiten und sehr, sehr schnellen Stücken. Sie hat also beides - sie ist schnell und weitläufig sowie schmal und technisch. Also abwechslungsreich wie die gesamte Rallye Mexiko."

Das Engagement von Volkswagen im Motorsport fußt auf eine erfolgreiche Geschichte. Eines der ersten Kapitel wurde dabei in Mexiko geschrieben: 1954 starteten sieben Käfer als Publikumslieblinge bei der legendären Carrera Panamericana. "Und läuft und läuft und läuft ..." wurde auch motorsportlich mit Leben gefüllt - alle Käfer erreichten das Ziel des 3.211 Kilometer langen Marathons quer durch Mexiko. Der Käfer wurde in Puebla ab 1964 bis zum 30. Juli 2003 gefertigt, als dort das 21.528.464. und letzte Exemplar vom Band lief.

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