Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) hat die Autoren der vieldiskutierten Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute" kritisiert und die wissenschaftliche Aussagekraft der Ergebnisse teilweise infrage gestellt. Zudem wehrte sich die Behörde, die die Studie selbst in Auftrag gegeben hatte, gegen den vom Berliner Wissenschaftler Giselher Spitzer erhobenen Vorwurf der Aktenvernichtung.

"Es liegen keinerlei Anhaltspunkte vor, dass das BISp gegen die Regelungen zur Aussonderung/Vernichtung von Akten verstoßen hat. Die in diesem Zusammenhang erfolgte Behauptung von Prof. Spitzer ist daher unhaltbar und falsch", hieß es in einer fast 40-seitigen Stellungnahme des Instituts.

Darin warf das BISp den Wissenschaftlern im Berliner Teilprojekt vielmehr handwerkliche Fehler vor: Die "bestehenden methodischen Mängel der Berliner Arbeitsteilberichte" würden "die Qualität der Gesamtarbeit schmälern und die Aussagekraft der vorliegenden Auswertungen reduzieren".

Spitzer erklärte, vor der Veröffentlichung der Stellungnahme vom BISp nicht informiert worden zu sein. "Ich habe den Text in Gänze noch nicht gelesen. Ich werde mir das anschauen, und ich denke, es wird unmittelbar in die Diskussion am Montag mit den Abgeordneten des Sportausschusses eingehen", sagte er.

Zudem erklärte Spitzer, dass er bereits am 30. Januar 2012 BISp-Direktor Jürgen Fischer angefragt habe, der Veröffentlichung der Beiratspapiere zur ersten und zweiten Projektphase zuzustimmen: "Meiner Erinnerung nach konnte das BISp damals wohl wegen der Vertraulichkeit der Gutachten der Bitte nicht entsprechen."

Nun hieß es in der Stellungnahme unter anderem, dass anstelle der Bearbeitung der ganzheitlichen Aufgabenstellung in vielen Studienteilen "eher die Frage nach der individuellen Täter- und Mittäterschaft in den Vordergrund getreten" sei. Dabei seien "nicht immer die gängigen Standards guter wissenschaftlicher Praxis" eingehalten worden.

In der vielbeachteten Studie hatten die Berliner Wissenschaftler um Spitzer Westdeutschland in den Jahren vor der Wende "systemisches Doping" sowie vom Staat finanzierte Dopingforschung attestiert. Dabei gab es auch konkrete Anschuldigungen gegen das BISp. Am kommenden Montag ist die Studie Thema einer Sondersitzung des Sportausschusses des Deutschen Bundestages.

Doch auch die teilweise hitzig diskutierten Ergebnisse der Studie wurden vom BISp mit teilweise deutlichen Worten kritisiert. "Die Ausführungen und Schlussfolgerungen zum systemischen Doping auf Basis der erfolgten individuellen Zeitzeugenberichte, Aktenrecherchen und deren Interpretation als gesicherte Kenntnisse sind nach wissenschaftlichen Maßstäben fragwürdig", hieß es in der Stellungnahme. Zudem sei der Ruf der Forscher nach einem Anti-Doping-Gesetz auf Basis der Forschungsergebnisse "nicht angemessen".

Das BISp stellte jedoch auch fest, dass die Ergebnisse der Berliner Forscher "Neuigkeits- und Erkenntniswert für weitere Überlegungen für zukünftige Präventionsmaßnahmen" hätten.

Hier gibt's alle Mehrsport-News

Weiterlesen