Sporthistoriker Giselher Spitzer hat die verzögerte Veröffentlichung der auch von ihm erstellten Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute" kritisiert.

"Ich würde niemals sagen, dass es Absicht ist, aber es ist zumindest unprofessionell", sagte der Wissenschaftler, der einer der Hauptautoren und Leiter des Projektteams ist, im Interview mit SPORT1.fm: "Immerhin wurden hier Dinge ins Netzt gestellt, die große geschichtspolitische Auswirkungen haben."

Spitzer ergänzte: "Ich ärgere mich über die Verzögerung. Dass das absolut unprofessionell ist, zeigt sich auch in der Art, wie das präsentiert wird. Man hätte das Ergebnis vorstellen müssen, vielleicht auch in Druckform."

Nach Erteilung des Projektauftrags hätten sich "die Merkwürdigkeiten gehäuft. Die letzte war, dass ich als Autor gar nicht mehr gesehen habe, was jetzt veröffentlicht wurde und darüber auch nicht informiert wurde."

Spitzer erhofft sich von der Studie mehr Aufklärung: "Wer den Text gelesen hat, wird feststellen, dass es viel mehr Doping und viel mehr systemische Strukturen gegeben hat, als man erwartet hat. Ich schließe daraus, dass sich später Sportler auch leichter öffnen werden, weil sie keine Nestbeschmutzer sind, sondern zur Aufklärung beitragen und sagen können: Dieser Trainer war schuld oder hat mich unter Druck gesetzt."

Dass die verdächtigen Sportler und Trainer im Dunklen bleiben, verteidigte Spitzer: "Es geht in dieser Studie nicht darum, Namen zu nennen, sondern die Strukturen zu erhellen: Was ist passiert? Wer hat am Rad gedreht? Wir haben mit vielen Zeitzeugen gesprochen, aber es ist üblich, dass man deren Namen nicht nennt. Viele haben über die Medien ja aber schon Stellung bezogen und das wird, denke ich, auch so weitergehen. Zu belasten und zu sagen, wer ein Doper war ? das war nicht unser Ziel."

Zudem kritisierte Spitzer den Umgang des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) mit der Studie. "Dass nun ein Jurist die Berichte prüft und Empfehlungen erstellt, halte ich nicht für angemessen - die in der Studie beschriebenen Sachverhalte sind schließlich nur zum Teil rechtlicher Art", sagte Spitzer der "Märkischen Oderzeitung".

Spitzer wies zudem darauf hin, dass auch der mutmaßlichen Vernichtung von Unterlagen nachgegangen werden müsse. "Wir müssen herausfinden, warum diese Originalakten geschreddert worden sind, obwohl ihre Bedeutung im BISp (Bundesinstitut für Sportwissenschaft, d.Red.) seit 1991 bekannt war", sagte Spitzer.

Die nach einer SPD-Anfrage an das BIsp wegen möglichen Testosteron-Dopings im Jahr 1991 gesammelten Unterlagen sind nicht mehr auffindbar.

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