Der frühere Weltklasse-Hochspringer Carlo Thränhardt hat gelassen auf den Abschlussbericht der Doping-Studie reagiert. "Wen soll der schon überraschen?", fragte der ehemalige Hallen-Europameister dem "Spiegel":

"Es war ein offenes Geheimnis, dass zu der Zeit in der DDR und in Russland systematisch gedopt wurde. Dass auch die westdeutschen Athleten zu verbotenen Mitteln griffen, lag nahe, die Gerüchte gab es über Jahrzehnte."

Es sei damals "nur gemunkelt" worden, keiner habe öffentlich gesagt: Ich habe Anabolika genommen.

"Ich habe auch nicht gesehen, wie ein Sportler Pillen einwarf", sagte Thränhardt: "Aber Anfang der achtziger Jahre stand ich zum Beispiel bei einer EM mit ein paar Russen zusammen, die mich völlig offen fragten: Und? Was nimmst du so? Auch aus Westdeutschland hatte ich eindeutige Hinweise."

Mit diesen Hinweisen ging Thränhardt damals zu den Funktionären, die ihm aber nicht zuhören wollten. "Es wurde entgegen besseren Wissens nicht alles getan, um Doping zu unterbinden. Im Gegenteil", sagte Thränhardt. Medaillen hätten "für die Politik und Verbände im Vordergrund" gestanden, "koste es, was es wolle".

Seine ganzen Rekorde seien "schön und gut" gewesen, "doch die Verantwortlichen wollten lieber Medaillen sehen. Brachte man keine mit nach Hause, waren sie plötzlich nicht mehr so nett zu einem. Das sorgte natürlich für Druck."

Der Hochsprung sei zwar "nicht gerade prädestiniert für Anabolika-Doping", dennoch habe auch er den Leistungsdruck zu spüren bekommen.

"Ich kam erst mit 17, 18 Jahren in die Leichtathletik und habe dieses System lange Zeit nicht verstanden", sagte Thärnhardt: "Ich dachte, es ginge für mich darum, hoch zu springen und Rekorde zu brechen. Aber tatsächlich ging es nur um Gold, Silber und Bronze. Dieses Ergebnisdenken treibt auch heute noch junge Sportler dazu, zu verbotenen Mitteln zu greifen. Sie denken, sie können die erforderliche Leistung nicht ohne Doping erbringen."

Der 56-Jährige fordert mehr Kontrollen, um dem entgegenzuwirken. "Ich habe als Veranstalter von Hochsprung-Meetings schon in den achtziger Jahren von einem Sponsor bezahlte Dopingtests eingeführt", sagte er.

Thränhardt ergänzte: "Derselbe Sponsor hätte auch bei größeren Veranstaltungen gezahlt, doch daran hatte in den großen Verbänden niemand Interesse." Zudem müsse man den Sportlern klarmachen, "dass Doping nicht mehr obligatorisch ist. Es geht auch ohne, mit hartem Training ist einiges möglich. Das muss man erst mal verstehen wollen."

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