Der Heidelberger Doping-Experte Werner Franke hat kein Verständnis für die datenschutzrechtlichen Bedenken bei der Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute".

Franke forderte im Gespräch mit dem "SID", die geschwärzten Namen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen:

"Alles andere wäre Geschichtsfälschung. Das ist ja so, als wenn man aus der Geschichte des Dritten Reiches die Täter herauslassen würde."

Die am Montag veröffentlichte Studie beinhalte zudem keine Fakten, die Franke überraschen. "Es hätte diese Studie überhaupt nicht gebraucht, um zur Erkenntnis zu erlangen, dass auch in der Bundesrepublik erfolgsorientiert gedopt wurde", sagte er:

"Was aber durchaus eine Überraschung und auch ein Phänomen ist: Das deutsche Volk hat diese Studie jetzt anscheinend gebraucht, um aufgerüttelt zu werden."

Franke verbindet mit der Veröffentlichung die Hoffnung, dass die Doping-Vergangenheit der Bundesrepublik nun strafrechtlich aufgearbeitet wird. "Die Täter sind bisher nur im DDR-System bestraft worden, nie in der BRD. Es gab zwar genügend Beispiele, genügend Strafanzeigen, aber die deutsche Justiz hat nie etwas getan", sagte Franke.

Aus der Studie der Universitäten Berlin und Münster, die der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in Auftrag gegeben hatte, liest Franke jedoch kein systematisches Doping in Westdeutschland heraus.

"Es waren immer nur Gruppen betroffen. Man wurde zu nichts gezwungen", sagte Franke. Es habe sich in der BRD eher um das "Pontius-Pilatus-Prinzip" gehandelt:

"Die Trainer haben die Drecksarbeit erledigt und die Pillen verteilt - auch an Minderjährige. Die Funktionäre und Ärzte haben sie gedeckt und ihre Hände dabei in Unschuld gewaschen."

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