Prokop (l.) ist seit 2001 Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes © imago

Die heikle Uni-Studie zu Doping berührt auch die Gegenwart, erklärt DLV-Chef Prokop SPORT1.fm. Er nennt fortdauernde Faktoren.

Von Oliver Faßnacht und Michael Spandern

München - Die Universitäts-Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute" schlägt weiterhin hohe Wellen.

Obwohl viele kritisieren, dass keine relevanten Daten aus den 90er-Jahren oder danach zugrunde liegen, betont Clemens Prokop bei SPORT1.fm, dass die Untersuchung keineswegs Schnee von gestern ist.

"Was von den Grundproblemen, die damals schon existiert haben, geblieben ist, ist die Verabsolutierung des sportlichen Erfolgs", erläutert der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands.

Die Abhängigkeit vom Erfolg

Doping, so führt er aus, sei deshalb eine so große Versuchung für Sportler, da sie zum Erfolg verdammt sind, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und auch ihre Betreuer, Vereine und Verbände hängen vom Erfolg ab.

"Hier muss man Strukturen aufbauen, bei denen der sportliche Erfolg, die Medaillenzählerei, nicht der Maßstab für die Wertigkeit sportlicher Leistung wird", fordert er.

Zudem drängt Prokop auf ein Anti-Doping-Gesetz ("Das ist überfällig!"), auch wenn es dagegen nicht zuletzt vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) Widerstände gibt.

Staat mit überlegenen Mitteln zur Aufklärung

Prokop führt diese Widerstände auf Ängste zurück, "dass durch ein staatliches Gesetz bei der Verfolgung von Doping die Autonomie des Sports tangiert oder möglicherweise ausgehebelt werden könnte".

In seinen Augen unbegründet: "Ich bin der festen Überzeugung, dass wir ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Sport und Staat mit ganz tollen Ergebnissen im Kampf gegen Doping haben werden."

Der Sport könne die sportrechtlichen Sanktionen frei regeln. "Und der Staat ermittelt zusätzlich mit seinen überlegenen Aufklärungsmöglichkeiten."

Großes Geschäft mit leistungsfördernden Substanzen

Doping sei ohnehin kein auf den Sport zu reduzierendes Problem. Zu profitabel ist das Geschäft mit den leistungsfördernden Substanzen.

"Die Gewinnspanne ist höher als im Handel mit illegalen Betäubungsmitteln", meint der DLV-Chef und schließt daraus: "Doping ist ein Problem für die Volksgesundheit geworden, und deshalb müssen wir mit allen Mitteln agieren."

Ergebnisse nicht belastbar?

Das Ausmaß des Dopingmissbrauchs, das die Uni-Studie aufzeigt, hat ihn erschrocken.

Er ärgert sich aber zugleich, dass sie bislang nur in verkürzter Form vorliegt. "Da fragt man sich natürlich, was steht denn in dem Rest der Studie drin und vor allem: Welche Namen werden dort genannt?"

Er nährt Zweifel, dass die Resultate auf tönernen Füßen stehen: "Wenn die Ergebnisse wissenschaftlich belastbar sind, dann können eigentlich keine Gründe dagegen sprechen, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen."

Empörung unter den Athleten

Eine weitere Folge der zögerlichen Veröffentlichung sei ein Generalverdacht, unter den die Athleten geraten.

"Einige Athleten sind schlichtweg empört, dass sie nun unter Verdacht gestellt werden, obwohl sie selbst sagen, dass sie nie mit Dopingmitteln auch nur irgendeinen Kontakt gehabt hätten", berichtet der 56-Jährige.

"Und ich kann die Athleten verstehen, wenn sie fordern, dass die Namen von denen, die mit Dopingmitteln zu tun hatten, veröffentlich werden sollen."

Weiterlesen