Hans-Dietrich Genscher war bei Olympia 1972 deutscher Innenminister © imago

Rauball kann sich den "braven Uwe Seeler" nicht als Doper vorstellen. Genscher und Schäuble wollen angeblich Chancengleichheit.

Köln - Politik und Fußball in der Schusslinie: Die früheren Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, Werner Maihofer sowie der heutige Finanzminister Wolfgang Schäuble geraten nach Veröffentlichung der Studie über Doping in Westdeutschland in den Verdacht, die Leistungsmanipulation gedeckt oder sogar forciert zu haben.

Immer stärker wird die Forderung von Repräsentanten des Sports wie dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) nach Freigabe von weiteren Informationen aus einem 804 Seiten umfassenden Dokument, das 2012 von den Studienautoren laut Bundesinnenministerium (BMI) "fälschlicherweise als Abschlussbericht tituliert" wurde.

Bundestag fordert Aufklärung

Auch der Bundestag fordert Aufklärung. Der Sportausschuss befasst sich in einer Sondersitzung am 29. August mit der Studie über Doping-Praktiken in Deutschland von 1950 bis heute.

Das BMI erklärte auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP, "dass der Ausschuss-Vorsitzenden und den Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag zur Herstellung einer möglichst vollständigen Transparenz der sogenannte '800-Seiten-Bericht' zur persönlichen vertraulichen Unterrichtung zugestellt wird".

Zugleich betonte das BMI, dass die veröffentlichte Fassung der Studie auch die offizielle Endversion des Abschlussberichtes sei.

DOSB macht Druck auf BMI

Der DOSB erwartet von den Studienautoren allerdings auch die Publizierung der vom BMI "Vorentwurf" genannten 804 Seiten:

"Als Initiator treten wir für volle Transparenz ein und fordern die Forscher auf, den Bericht der gesamten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nach Angaben des BISp hat dieses eine entsprechende Freigabe zur Veröffentlichung durch die Forschergruppe am 30. Mai 2012 erteilt", teilte der der DOSB nach einer Telefonkonferenz des Präsidiums mit Vertretern der Sprechergruppen im DOSB mit.

Rauball glaubt nicht an Doping bei Seeler und Co.

Auch innerhalb des Fußballs, der nun stärker im Verdacht steht, von Doping profitiert zu haben, werden Forderungen laut.

Ligaverbands-Präsident Reinhard Rauball hat vom Bundesinstitut für Sportwissenschaften (BISp) die komplette Studie zur westdeutschen Dopingvergangenheit angefordert.

Rauball reagierte damit auch auf ein Detail der Studie, dass drei deutsche Nationalspieler bei der WM 1966 das unerlaubte Aufputschmittel Ephedrin genommen haben sollen.

Rauball: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein so braver Sportler wie Uwe Seeler mit Doping etwas zu tun hatte."

Ommer unterstellt Fußballern Doping

Manfred Ommer, der frühere Präsident des Bundesligisten FC Homburg, hatte den Verdacht noch einmal auf den Fußball gelenkt.

Der Ex-Sprinter, 1974 EM-Zweiter über 200 m, erklärte im heute Journal des ZDF: "Ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass im Fußball gedopt wird."

Ommer weiter: "Der DFB hat das zu meiner Zeit als Präsident recht lasch behandelt. Aussagen wie 'Durch Doping schießt man keine bessere Ecke' sind natürlich idiotisch.".

Genscher weiß von nichts

Laut der "Süddeutschen Zeitung" soll Hans-Dietrich Genscher, damals Bundesinnenminister, ein Jahr vor Olympia 1972 in München "Medaillen um jeden Preis" gefordert haben.

Genscher ließ daraufhin auf Anfrage von "Spiegel Online" ausrichten, er habe von Dopingforschungsprojekten weder gewusst, sie auch nicht gefordert oder gar gefördert.

Schäuble unter Beschuss

Ein einflussreicher Sportmediziner schreibt außerdem dem heutigen Finanzminister Wolfgang Schäuble, damals Sprecher der CDU-Fraktion im Sportausschuss des deutschen Bundestages, die Aussage zu: "Wenn es nicht schadet, soll man auch das Bestmögliche unseren Sportlern angedeihen lassen."

Schäuble werden auch in anderen Medien belastende Zitate zugeordnet.

Doping um mitzuhalten

In der früheren ARD-Sendung "Kontraste" wurde der CDU-Spitzenpolitiker 1977 als Chef der Opposition im Sportausschuss des Bundestages hinsichtlich der damals längst verbotenen Anabolika zitiert:

"Wir wollen solche Mittel nur eingeschränkt und unter ärztlicher Verantwortung einsetzen, weil es offenbar Disziplinen gibt, in denen heute ohne den Einsatz dieser Mittel der leistungssportliche Wettbewerb in der Weltkonkurrenz nicht mehr mitgehalten werden kann."

Kreul sollte Athleten nichts vorenthalten

Bei der Einweihung des Medizinischen Zentrums 1976 in Freiburg machte der damals für den Leistungssport zuständige Vertreter im Bundesinnenministerium, Gerhard Groß, im Südwestfunk brisante Aussagen.

An den Sportmediziner Joseph Keul gewandt, sagte der damals unter Minister Werner Maihofer tätige Groß: "Wenn keine Gefährdung oder Schädigung der Gesundheit herbeigeführt wird, halten Sie leistungsfördernde Mittel für vertretbar. Der Bundesminister des Inneren teilt grundsätzlich diese Auffassung. Was in anderen Staaten erfolgreich als Trainings- und Wettkampfhilfe erprobt worden ist und sich in jahrelanger Praxis ohne Gefährdung der Gesundheit der Athleten bewährt hat, kann auch unseren Athleten nicht vorenthalten werden."

Genscher will sich äußern

Genscher wird im Bericht der "SZ" vom Mittwoch aus dem Vorfeld der Olympischen Spiele 1972 in München folgender Satz zugeschrieben: "Unsere Athleten sollen die gleichen Voraussetzungen und Bedingungen haben wie die Ostblockathleten."

Weiter heißt es, Genscher habe in München "Medaillen gefordert - koste es, was es wolle".

Und von einem Arzt soll der FDP-Politiker verlangt haben: "Von Ihnen als Sportmediziner will ich nur eins: Medaillen." Auf den Einwand hin, die Zeit bis Olympia sei knapp ("Ein Jahr vorher? "), soll Genschers Antwort gewesen sein: "Das ist mir egal."

Genschers Büro erklärte am Mittwoch auf SID-Anfrage, der frühere Minister werde sich äußern, wenn er von einer Reise zurück ist.

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