Thomas Bach ist noch IOC-Vizepräsident, kandidiert aber für das oberste Amt © getty

Die Doping-Studie bringt den DOSB-Präsidenten in Bedrängnis. Eine Olympiateilnehmerin von 1972 kauft ihm sein Unwissen nicht ab.

Köln - Thomas Bach hat schnell gehandelt.

Eine unabhängige Kommission unter der Leitung des früheren Bundesverfassungsrichters Udo Steiner soll die am Montag veröffentlichte Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute" (Bericht) gründlich analysieren.

Das kündigte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) am Montagabend im "ZDF" an.

Schwere Vorwürfe gegen Bach

Derweil sieht sich Bach mit massiven Vorwürfen der Olympia-Teilnehmerin von 1972, Heidi Schüller konfrontiert.

Er müsse "mehr gewusst haben, als er jetzt zugibt. Damals wurde überall darüber gesprochen, da kann er ja nicht immer nur weggehört haben", sagte die frühere Weitspringerin und spätere Fernsehmoderatorin der Münchner "tz".

Die von Bach ins Leben gerufene Kommission soll "Empfehlungen erarbeiten, wie wir und der deutsche Sport mit den Ergebnissen der Studie umgehen sollen", sagte der DOSB-Präsident gut einen Monat vor seiner möglichen Wahl zum IOC-Präsidenten: "Wir wollten Klarheit und Offenheit. Und jetzt kann man sich mit größtmöglicher Transparenz mit diesen Ergebnissen auseinandersetzen."

Bach "auf der Schleimspur nach oben"

Auf die Frage, ob er in seiner jahrzehntelangen Athleten- und Funktionärskarriere keine Kenntnis von Dopingpraktiken erlangt habe, antwortete der Olympiasieger von 1976: "Schon als Athlet war für uns in Fechterkreisen das Thema Doping kein Thema."

Das nimmt ihm Heidi Schüller anscheinend nicht ab.

"Aber wenn man IOC-Präsident werden will, dann schweigt man besser", sagte sie.

"Als Funktionär muss er das ja so darstellen. Das hat damals in München jeder mitbekommen, der es wollte. Da wurde drüber geredet. Thomas Bach hat aber eine Funktionärskarriere eingeschlagen, da muss man angepasst sein und sich auf der Schleimspur bewegen, wenn man nach oben kommen will", sagte Schüller, nach deren Worten der gelernte Jurist immer nach dem Leitspruch "too little too late"(zu wenig, zu spät) gehandelt habe.

DOSB: Haltlose Anschludigungen

DOSB-Pressesprecher Christian Klaue wies diese Anschuldigungen entschieden zurück.

"Schon daraus, dass Herr Bach die Studie initiiert hat, ergibt sich die Haltlosigkeit der Unterstellungen von Frau Schüller", sagte Klaue dem SID auf Anfrage.

Die 63-jährige Schüller, die bei Olympia 1972 in München als erste Frau den Olympischen Eid für die Athleten gesprochen hatte, nennt es in dem Gespräch mit der "tz" außerdem "fast schon lächerlich, wie lange alle Veröffentlichungen verhindert wurden".

Allerdings: "Wer wollte, hätte es wissen können."

Bach führt rechtliche Gründe an

Den früheren 200-m-Europameister Manfred Ommer haben die Ergebnisse der Studie ganz und gar nicht aus der Ruhe gebracht.

"Der Inhalt hat mich überhaupt nicht überrascht", sagte Ommer dem "wdr": "Ich scheine aber der Einzige zu sein. Wie ich gelesen habe, wissen meine Ex-Kollegen von nichts. Im Moment ist ja noch vieles Spekulation. Aber sollte das Innenministerium den kompletten Bericht wirklich freigeben, dann wird die Bombe sicherlich erst richtig platzen."

Laut Bach gebe es "offenbar einen vorherigen Bericht, in dem mehr Namen stehen".

Allerdings sei ihm versichert worden, "dass dieser Abschlussbericht getragen ist von den Forschern und der Humboldt-Uni in Berlin und keine Kürzungen vorgenommen worden sind durch das Bundesinstitut für Sportwissenschaften, und dass diese Diskrepanz wohl wissenschaftliche und rechtliche Gründe hat".

Prokop fordert lückenlose Information

Dem widerspricht Clemens Prokop.

Der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) forderte im Gespräch mit der Sendung "B5 aktuell" des "Bayerischen Rundfunks", "Ross und Reiter" zu nennen.

Voraussetzung dafür sei allerdings, "dass die Ergebnisse wissenschaftlich belastbar sind, dann kann es keinen Grund geben, einen Schutz für Personen, die daran beteiligt waren, auszusprechen".

Es handele sich um "Dokumente der Zeitgeschichte, die müssen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, die Öffentlichkeit hat einen Anspruch darauf, lückenlos informiert zu werden", sagte Prokop.

Namensnennungen oder nicht?

Diese Forderung erhebt auch SPD-Politikerin Dagmar Freitag.

Die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag kritisierte im Gespräch mit "hr-Info" die am Montag veröffentlichte Studie als einen Bericht, der "von Auslassungen und Platzhaltern wie N.N. dominiert" werde.

Der Aussage, dass datenschutzrechtliche Gründe für die Auslassung von Namen angeführt werden, hält Freitag entgegen: "Diese Argumentation hat man sich ja auch nicht bei der Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen zu eigen gemacht."

Die Politik habe ein Anrecht darauf, mehr zu erfahren, "auch um die richtigen Lehren für die Zukunft daraus zu ziehen".

Persönlichkeitsrecht wichtig

Lars Mortsiefer, Vorstand der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA), formulierte es am Dienstag noch ein bisschen defensiver.

"Die Auftraggeber und die involvierten Wissenschaftler müssen bewerten, ob und inwieweit datenschutzrechtliche und persönlichkeitsrechtliche Dinge tangiert werden und dann die richtigen Schlüsse ziehen", sagte Mortsiefer: "Es ist eine historische Aufarbeitung, deshalb muss man sich ganz genau anschauen, was man rechtlich machen kann und darf. Um ein Gesamtbild zu zeichnen, muss ich sicherlich die Möglichkeit haben, alles zu bewerten."

Aufklärungs-Hilfe vom Staat

Prokop erneuerte derweil zum wiederholten Mal seinen Ruf nach einem Anti-Doping-Gesetz hierzulande.

"Wichtig ist, dass wir (...) endlich ein Anti-Doping-Gesetz in Deutschland verabschieden", sagte Prokop: "Es zeigt sich, dass der Sport alleine einfach überfordert ist mit der Aufarbeitung des Doping-Problems. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, und das bedeutet, dass auch der Staat mit seinen überlegenen Ermittlungsmöglichkeiten dazu kommt. Wir brauchen in Deutschland ein Anti-Doping-Gesetz."

Verjährung "zu kurz"

Zudem ergibt sich für den DLV-Präsidenten eine weitere wesentliche Forderung aus der Studie. Man müsse die Möglichkeit haben, "auch länger zurückliegende Vorgänge im Dopingbereich zu verfolgen".

Momentan beträgt die Verjährungsfrist acht Jahre, dieser Zeitraum erweise sich mehr und mehr als zu kurz.

"Wir müssen die Täter von heute damit konfrontieren, dass sie auch lange in die Vergangenheit zurück verfolgt werden können", sagte Prokop.

Die Studie wirft staatlichen Institutionen und Sportverbänden mangelnden Einsatz bei der Einführung von Dopingkontrollen vor.

Außerdem sei der Einsatz verbotener Substanzen von staatlicher Seite zumindest geduldet worden.

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