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Die Arbeit zu Dopingpraktiken erhebt schwere Vorwürfe. Tests mit Blutdoping und Behinderung von Kontrollen gehören zum Alltag.

Berlin - Brisante Schlussfolgerungen, schwerwiegende Vorwürfe: Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) hat am Montagnachmittag auf den öffentlichen Druck reagiert und die vorab schon viel diskutierte Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute" veröffentlicht.

Demnach ist Dopingforschung zum Zwecke der Leistungssteigerung von staatlichen Stellen geduldet und gefördert worden, Staat und Sport-Verbänden seien bis zur Wendezeit schwere Versäumnisse anzulasten.

Die Nationale Anti Doping Agentur (NADA) habe die Studie zudem nicht angemessen unterstützt. (BERICHT: Doping-Studie im Netz)

"Von allen Instanzen befeuert"

Die Autoren des 117-seitigen Abschlussberichts der Studie der Humboldt-Universität Berlin kommen zu dem Schluss, anwendungsorientierte Dopingforschung an der Universität Freiburg unter Leitung des Sportmediziners und früheren Olympia-Arztes Joseph Keul sei "von allen entscheidenden Instanzen entweder toleriert oder sogar befeuert" worden.

"Kurzum" habe Keul "aufgrund der Zustimmung (...) von allen maßgeblichen Organisationen und staatlichen Stellen" davon ausgehen müssen, "dass seine anwendungsorientierte Dopingforschung sportpolitisch gewollt war".

Keul war ab 1980 Chefarzt der deutschen Olympia-Mannschaften und zuvor seit 1960 schon betreuender Olympia-Arzt. Er starb im Jahr 2000. Sein Institut, heißt es in der Studie, sei als "Zentrum der westdeutschen Dopingforschung" anzusehen gewesen.

DOSB reagiert

"Wir werden eine Kommission unter der Leitung des früheren Bundesverfassungsrichters Udo Steiner einsetzen, die die Studie analysieren und Empfehlungen erarbeiten wird, wie wir und der deutsche Sport mit den Ergebnissen der Studie umgehen sollen", erklärte Präsident Thomas Bach vom Deutschen Olympische Sportbund (DOSB) am Montagabend im "ZDF".

Das Bundesinnenministerium kündigte eine Stellungnahme für die kommenden Tage an. In der Ausarbeitung der HU Berlin heißt es, BISp-geförderte Studien über Anabolika und Testosteron seien von den beauftragten Wissenschaftlern auch zum Zwecke der Leistungssteigerung bei deutschen Athleten durchgeführt worden.

Ergebnisse, die gesundheitliche Gefahren von Doping nachwiesen, seien nicht veröffentlicht worden.

Kontrollen behindert

Darüber hinaus seien vom BISp Maßnahmen gefördert worden, "die den Anabolikagebrauch im Sport flankierten: so z. B. mit einer Studie zur Festigkeitserhöhung von Sehnengewebe. Der Bedarf danach erklärte sich aus der Anabolika-Anwendung im Sport, die bei vielen Leistungssportlern zu Sehnenverletzungen geführt hatte."

Der Einsatz von Anabolika im Leistungssport sei "bis weit in die 1970er Jahre hinein mit einer intensiven sportmedizinischen Forschung" einhergegangen.

Generell seien dem Staat und Sportverbänden Versäumnisse im Kampf gegen Doping bis zur Wendezeit vorzuwerfen.

Beispielsweise habe der frühere Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), August Kirsch, gleichzeitig auch BISp-Direktor, "maßgeblich zur Verschleppung der vereinbarten Dopingkontrollen" beigetragen. Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) habe lange zu wenig getan.

Diverse Tests

Es habe auch Blutdopingforschungen gegeben. Das BISp habe das erste Projekt zum Mittel Actovegin 1981 vergeben, zwei weitere 1983 und 1984: "Laut handschriftlicher Notizen testeten die Kölner Sportmediziner dieses Medikament an Radsportlern und Spielern der Hockey-Nationalmannschaft."

Die Autoren der Studie ziehen die Schlussfolgerung:

"Die vielfach formulierte These, das Dopingproblem sei in der Bundesrepublik erst mit dem Konsum von Anabolika in den 1960er Jahren offen zutage getreten, lässt sich jedenfalls eindrucksvoll widerlegen. Die Geschichte des Dopings in der Bundesrepublik beginnt demnach nicht erst 1970, als das erste formelle Dopingverbot vom Deutschen Sportbund (DSB) beschlossen wurde. Sie beginnt bereits 1949."

Auch Fußball betroffen?

Amphetamine seien bis 1960 im deutschen Sport "teils systematisch" zum Einsatz gekommen.

Dabei erhärte eine erstmals ausgewertete Dissertation des Göttinger Mediziners (und Oberliga-Fußballers) Heinz-Adolf Heper aus dem Jahr 1949 "die These, dass der Missbrauch von Substanzen aus der Amphetamin-Gruppe bereits gegen Ende der 1940er Jahre im deutschen Leistungsfußball zur Normalität gehörte" - womöglich noch ohne Unrechtsbewusstsein.

Valide Zahlen zum Amphetamin-Problem im deutschen Fußball existierten allerdings nach bisheriger Kenntnis nicht.

Keine Zahlen nach 1990

Die Berliner Forschergruppe verbreitete im Rahmen der Studie nur Ergebnisse für die Zeit von 1950 bis 1990. Vor der Untersuchung der Nachwendezeit war das Team um Giselher Spitzer aus dem Projekt im März 2012 ausgestiegen, auch, weil die historische Arbeit erschwert worden sei.

Viele Verantwortliche in den Verbänden hätten als Gesprächspartner nicht mehr zur Verfügung gestanden, weil sie sich sonst anscheinend selbst belastet hätten.

Kritik übten die Forscher auch an der NADA, die dem Beirat des Forschungsprojektes angehört. "Es musste festgestellt werden, dass die historische Aufarbeitung seitens des Projektes bei einigen Sportverbänden und Institutionen nicht auf die gewünschte Unterstützung stieß", hieß es.

Prokop: "Es ist erschrekend"

Dies betreffe nicht den DOSB oder das BISp, sondern vielmehr die NADA. Diese habe "für die einschlägigen Archivalien aus der Zeit nach 1990 nur Einsicht gewährt, aber keine Kopie zur Verfügung gestellt".

Die NADA wies die Vorwürfe zurück: "Falsch ist die Darstellung im Bericht der HU Berlin, die NADA habe die Dokumente aus ihrem Archiv nicht zur Verfügung gestellt."

DLV-Präsident Clemens Prokop forderte angesichts der Studie ein Anti-Doping-Gesetz. "Es ist erschreckend, was da bekannt geworden ist", sagte Prokop in einem Interview mit dem "Bayerischen Rundfunk". Ohne ein entsprechendes Gesetz sei die wirksame Doping-Bekämpfung nicht zu bewerkstelligen.

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