David Howman (l.) glaubt, dass der Leichtathletik ein Skandal bevorstehe © getty

Doping- und Wettskandale allerorten. Die WADA fordert eine neue Kommission - und gerät ausgerechnet durch das IOC unter Druck.

Berlin - Im Kampf um seine Glaubwürdigkeit steht der Sport am Scheideweg, nach den jüngsten Negativschlagzeilen schlägt einer der ranghöchsten Anti-Doping-Kämpfer Alarm.

Die Probleme würden "immer größer und bedenklicher", sagte David Howman in einem Interview mit der englischen Tageszeitung "The Guardian": "Und zu groß für den Sport, um damit fertig zu werden."

Der Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) zeichnete ein erschreckendes Bild der aktuellen Situation und beschränkte sich nicht nur auf den Kampf gegen Doping.

In den Klauen der organisierten Kriminalität

Mittlerweile sei der Einfluss der organisierten Kriminalität im Sport deutlich spürbar, die fortschreitende Kommerzialisierung im vergangenen Jahrzehnt habe die kriminelle Unterwelt angezogen und zu einem enormen Anstieg des Dopinghandels und Wettbetrugs geführt.

Howman brachte dabei eine länderübergreifende "Integritätskommission" ins Spiel, die federführend im Kampf gegen Doping, Wettbetrug, Korruption und jegliche anderen Form von Betrug agieren solle.

"Wenn sie nur ein kleines Anti-Doping-Programm am Laufen haben, dann ist das eine Riesensache, mit der man erst mal fertig werden muss", sagte Howman.

"Dann leben sie in einer Märchenwelt"

Entdeckungen wie in Australien Anfang Februar seien ebenso in Großbritannien und in anderen Ländern vorstellbar.

Down under hatte eine Untersuchungskommission in einjähriger Recherche einen "weit verbreiteten" Gebrauch von verbotenen Substanzen und Verbindungen des Sports zur organisierten Kriminalität aufgedeckt.

"Wenn sie denken, dass die Mafia und die Unterwelt nicht am Sport in diesem Land beteiligt sind, leben sie in einer Märchenwelt", sagte Howman mit Blick auf Großbritannien und warnte vor weiteren Enthüllungen wie im Fall Lance Armstrong.

Leichtathletik-WM droht ein Nachspiel

Besonders der Leichtathletik-Weltverband IAAF sei nach Meinung Howmans gefährdet, nach den Enthüllungen im Radsport zum neuen Negativbeispiel zu werden.

Aufgrund einer Untersuchungen von Blutproben im Nachgang der WM 2011 im südkoreanischen Daegu, schätze er den Anteil von Athleten, die dort mit Blutdoping nachgeholfen haben könnten, auf 14 Prozent.

Auf Rückendeckung für ihren Vorstoß nach mehr Zusammenarbeit wird die WADA allerdings wohl vergeblich hoffen. Weder die nationalen noch die internationalen Sportverbände sind bekannt dafür, auch nur ein Stückchen ihrer Autonomie aufgeben zu wollen.

Brandbrief: Kein Vertrauen mehr zur WADA

Von einer gemeinsamen Strategie sind Verbände, Politik und Experten weit entfernt. Und ohnehin haben die internationalen Dopingjäger derzeit einen schweren Stand.

Immer wieder forderten sie die Verantwortlichen auf, mehr gegen Betrüger zu unternehmen. Sehr zum Unmut der Adressaten.

In der vergangenen Woche war es den Verbandsvertretern dann offenbar endgültig zu bunt geworden. In einem "Brandbrief" an IOC-Präsident Jacques Rogge sprach Francesco Ricci Bitti, Präsident der Vereinigung der olympischen Sommersportverbände (ASOIF) und gleichzeitig Chef des Tennis-Weltverbandes (ITF), offen von einem "massiven Vertrauensverlust" zur WADA.

Tennisverband im Zwielicht

Ende April oder Anfang Mai soll es nun in Lausanne zu einer Sonderkonferenz über die zukünftige Rolle der WADA kommen, deren Etat das Internationalen Olympische Komitee (IOC) zusammen mit der olympischen Bewegung zu fast 50 Prozent bestreitet.

Pikant: Bitti sitzt selbst im Exekutivkomitee der WADA und stand in seiner Funktion als oberster Tennisfunktionär zuletzt ebenfalls in der Kritik.

Der langjährige WADA-Chef Richard Pound hatte dem Tennisverband unterstellt, das Dopingproblem seit Jahren zu ignorieren. Auch Stars wie der Schweizer Roger Federer oder der Schotte Andy Murray hatten eine härtere Gangart gegen Dopingbetrüger gefordert und sich unter anderem für Bluttests ausgesprochen.

Auch an Fahey entzündet sich Streit

Auf der Sonderkonferenz soll es auch um die Nachfolge von WADA-Chef John Fahey gehen, dessen Amtszeit Ende 2013 ausläuft. Das Vorrecht auf die Besetzung des Postens wechselt zwischen der olympischen Bewegung und den Regierungen.

Diesmal ist wieder der Sport an der Reihe - und muss mit der Personalentscheidung beweisen, wie ernst es ihm mit dem Anti-Doping-Kampf ist.

Denn auch am unbequemen Fahey entzündete sich der Streit. Der ehemalige australische Finanzminister hatte im Zuge der Armstrong-Affäre die umstrittene Spitze des Radsport-Weltverbandes UCI so heftig attackiert, dass deren Präsident Pat McQuaid angeblich Beistand beim IOC suchte.

Laut Branchendienst "Insidethegames" soll er allen 101 IOC-Mitgliedern eine E-Mail mit der Bitte geschrieben haben, ihm beizustehen. Offenbar mit Erfolg.

Weiterlesen