Ronnie O'Sullivan spielte mit gebrochenem Knöchel
Ronnie O'Sullivan gewann in seiner Profikarriere 23 Ranglistenturniere © getty

Der skandalträchtige Snooker-Star ist - wenn er sich und sein Spiel im Griff hat - kaum zu schlagen. Bei der WM hat er viel vor.

Sheffield - Alkoholeskapaden, Drogenexzesse, Marihuanapartys - Ronnie O'Sullivan ist gewiss nicht der Vorzeigeprofi der Snookerszene.

In einer Sportart, in der das Öffnen der Weste schon als emotionaler Ausbruch gilt, ist der Engländer eher Rowdy statt Gentleman.

Seine (fehlenden) Tischmanieren werden von den Kollegen kritisiert, und trotzdem sind sie ihm dankbar. Denn eines wissen sie genau: Es ist O'Sullivan zu verdanken, dass Snooker auch jenseits der Insel immer populärer wird.

"Merke, dass die Leute mich anhimmeln"

"Ich merke schon, dass sich die Leute um mich versammeln und mich anhimmeln. Aber ich bin doch kein Gott", sagt O'Sullivan. Ihn als Schöpfer des Snookersports zu bezeichnen, wäre in der Tat vermessen.

Vielmehr ist er ein Genie mit zwei Fratzen. Da sind die sportlichen Erfolge, die den dreimaligen Weltmeister zu Recht zum Star der Szene machten. Da ist aber auch die eigenwillige und exzentrische Persönlichkeit, die bestätigt, dass der Grat zwischen Genie und Wahnsinn in den meisten Fällen sehr schmal ist.

Entertainer statt Denker

Am deutlichsten wird dies bei seinem Spiel mit den 22 Bällen. Erst versenkt er die eine Kugel mit einem faszinierenden Stoß, um die nächste ebenso grandios zu verschießen.

O'Sullivan will nicht einfach spielen, er will entertainen. Daher sind ihm seine Gegner ein Dorn im Auge, wenn sie wie Mathematiker an den Tisch treten und seelenruhig Snooker auf ihre Art und Weise interpretieren.

"Da würde ich lieber Sträucher in meinem Garten pflanzen", sagt O'Sullivan, der dann genervt das Drama von seinem Sitz aus beobachten muss.

"Wenn ich trinke, dann die Nacht durch"

Oft führt diese Unzufriedenheit dann zu unschönen Entgleisungen. Da spuckt er während der Spiele auf den Boden oder zeigt den Bällen den Mittelfinger, spaziert mit einer brennenden Zigarette in eine Pressekonferenz oder bricht ein Spiel vorzeitig ab.

Noch schlimmer, er benötigt ein anderes Ventil, um seinem Unmut Luft zu machen: Partys, Alkohol, Marihuana, alles exzessiv. "Das ist einfach meine Persönlichkeit. Wenn ich trinke, dann die Nacht durch", sagt er.

Bestes Spiel nach Trinkgelage?

Dass O'Sullivan ausgerechnet bei einem Privatspiel nach einem Saufgelage seine Bestform erreicht haben soll, ist bezeichnend.

Mit seinem Kollegen Jimmy White hatte er gespielt - "wie im Rausch" gelangen ihm in sechs von elf Frames mehr als 100 Punkte. "Es war das Beste, was ich je gespielt habe", sagte er danach.

Besser auch als bei seinem legendären Maximum-Break von 147 Punkten bei der Weltmeisterschaft 1997.

9 Sekunden pro Ball

Mal mit der rechten, mal mit der linken Hand, versenkte er traumwandlerisch sicher eine Kugel nach der anderen. Das war Enterntainment im O'Sullivan-Stil, nach unfassbaren 5:20 Minuten war der Tisch leer.

Neun Sekunden hatte er für jeden Ball benötigt und das Publikum zu Standing Ovations bewegt. Das brachte ihm den Spitznamen "The Rocket" ein.

Aufholjagd ins Halbfinale

Derart gezündet hat die Rakete bei den diesjährigen Weltmeisterschaften noch nicht. Im Achtelfinale zeigte O'Sullivan mit seinem beeindruckenden 13:6-Sieg über Mark Williams aber, dass er auf Betriebstemperatur ist. Und heißer Anwärter auf seinen vierten Titel ist - sofern er sich und sein Spiel im Griff hat.

Im Viertelfinale besiegte 36-Jährige im legendären Crucible Theatre den Australier Neil Robertson mit 13:10 Frames.

Den Grundstein für den Erfolg legte der dreimalige Weltmeister O'Sullivan (2001, 2004 und 2008) in der Nachmittags-Session, als er sechs Frames in Folge gewann und einen 3:5-Rückstand in eine 9:5-Führung wandelte.

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