Brigitte Berendonk bekam 2001 die Heidi-Krieger-Medaille der Doping-Opfer-Hilfe © imago

Nach langem Schweigen stellt Anti-Doping-"Ikone" Brigitte Berendonk den Leistungssport vor ihrem 70. Geburtstag an den Pranger.

München/Heidelberg - Eigentlich wollte Brigitte Berendonk zum Thema Doping nichts mehr sagen. Die Anfeindungen, die Gerichtsprozesse - vor zehn Jahren zog sie sich ausgelaugt aus der Szene zurück.

Das Kämpfen überließ sie anderen. Und kurz vor ihrem 70. Geburtstag am Mittwoch wollte sie eigentlich mehr denn je ihre Ruhe haben. Es war wohl die alte Abscheu, die sie mal wieder zum Reden bewogen hat.

"Der Sport ist auf einem falschen Weg", sagt Brigitte Berendonk: "Und ich fürchte, dass erst wieder Sportler sterben müssen, damit er wieder auf den rechten Weg zurückkommt."

Ärger über "Fall Erfurt"

Die Wende im "Fall Erfurt" (BERICHT: "Fall Erfurt fällt in sich zusammen) bestärkt die gebürtige Thüringerin nur in ihrer düsteren Prognose. Das alles beweise erneut, "wie da herumgeeiert" werde. "Ich dachte, das Rumfummeln mit dem Blut hätte sich auch aus Sicht der WADA schon lange erledigt", sagt Berendonk.

Berendonk und der Sport, so wie sie ihn sieht, haben sich kaum verändert, seit die talentierte Diskuswerferin Ende der 60er Jahre die Selbstverständlichkeiten nicht mehr hinnehmen wollte. Die Muskelberge ihrer Konkurrentinnen. Die Trainer mit den Pillen. Das Schweigen.

Sie sagt, es sei "noch immer ganz ähnlich wie damals", als sie 1968 in Mexiko bei ihren ersten von zwei Olympischen Spielen den achten Platz in der Diskuskonkurrenz erreichte und sie "angewidert" missbrauchte und missbrauchende Sportler beobachtete.

"Halbherzige und opportunistische" Entscheider

"Ich sehe die Olympischen Spiele sehr distanziert. Es gibt noch immer Athleten, die sauber sind und gegen Athleten antreten müssen, die es nicht sind. Das ist schade", sagt sie:

"Die Entscheidungsträger gehen dagegen halbherzig und opportunistisch vor. Ich betrachte das als Teil eines Sportfunktionärslebens."

Im Dezember 1969 wurde in der "Zeit" ihr Artikel "Züchten wir Monstren? - Die hormonale Muskelmast" veröffentlicht. Es war der Aufschrei einer desillusionierten Idealistin aus dem innersten Zirkel.

Sie schrieb: "Nahezu alle Zehnkämpfer der Weltklasse nehmen die Pille, 90 Prozent der Werfer, Stoßer und Gewichtheber, etwa die Hälfte der Springer und Sprinter, und auch bei den Ruderern, Schwimmern und Mannschaftsspielern wird sie immer beliebter." Eine ungeheure Provokation.

Traumpaar des Anti-Doping-Kampfes

Der Spießrutenlauf begann. Berendonk nahm niemals Rücksicht auf sich und andere. "Sie hat dem Anti-Doping-Kampf Gesicht und Stimme gegeben", sagt der Heidelberger Anwalt Michael Lehner, der Berendonk in zahlreichen Prozessen vertrat: "Sie eine Ikone zu nennen, ist keine Übertreibung."

Berendonk und ihr Trainer Werner Franke, der später ihr Mann wurde, waren das Traumpaar des Anti-Doping-Kampfes.

Der Heidelberger Krebsforscher und Molekularbiologe, ein begnadeter Analytiker und Wissenschaftler, und die streitbare Sportlerin und spätere Oberstudienrätin für Englisch und Sport am Heidelberger Hölderlin-Gymnasium, eher schüchtern, aber starrköpfig und kompromisslos - sie bereiteten dem Establishment schlaflose Nächte. "Zwei Quälgeister - ehrenwert und gewissenhaft", schrieb die "FAZ".

Meisterstück nach der Wende

Ihr Meisterstück lieferten sie kurz nach der Wiedervereinigung.

Mit Hilfe des Bundesverteidigungsministeriums schleuste das Paar hochbrisante Dokumente aus dem Tresorraum der nicht mehr existenten Nationalen Volksarmee in Bad Saarow, bevor die Papiere in den damals äußerst aktiven Reißwölfen landeten.

Die "vertraulichen Verschlusssachen" in Berendonks und Frankes Händen brachten das Staatsdoping der DDR ans Tageslicht, 1991 aufgeschlüsselt in dem weltweit beachteten Buch "Doping-Dokumente".

"Manchmal beschimpfe ich ihn"

Die DDR-Spitzenfunktionäre Manfred Ewald und Manfred Höppner kamen in den Berliner Prozessen 1999/2000 kurz vor Verjährungsfrist mit Geldbußen und Bewährungsstrafen davon, Berendonk/Franke mussten sich allein in dieser Zeit in insgesamt zwölf Zivil- und zehn Strafprozessen zur Wehr setzen. Das Paar verlor keinen einzigen.

"Ich bereue nichts", sagt Berendonk heute, aber es waren vor allem die unzähligen Schlachten vor Gericht, die sie zermürbten. Sie zog sich zurück. Seitdem kämpft Franke um so verbissener für seine Frau mit.

Was sie nicht immer goutiert: "Manchmal beschimpfe ich ihn, weil er zum Beispiel dem verlorenen Radsport zu viel Aufmerksamkeit widmet."

Umarmungen aus dem Establishment

Nicht nur der Osten bekam nach der Wende sein Fett weg. Den Freiburger Sportmediziner Armin Klümper nannte Berendonk einen "flächendeckenden Doper", den NOK-Präsidenten Willi Daume einen "Häuptling und Hohepriester der Doppelzüngigen".

Sie und ihr Mann erhielten trotz immenser Widerstände aus dem Sport im Jahr 2004 das Bundesverdienstkreuz.

"Sie hat mit ihrer Haltung schon als Athletin den Anti-Doping-Kampf in Deutschland maßgeblich mitbestimmt", sagte DOSB-Präsident Thomas Bach heute über Berendonk: Das "gemeinsame Ziel eines sauberen Sports" vereine sie - "auch wenn wir nicht immer einer Meinung über den Weg sind".

Die Anti-Doping-Kämpferin hat den Punkt erreicht, an dem sie auch vom Establishment umarmt wird.

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