Den früheren 200-m-Vizeeuropameister Manfred Ommer hat der Inhalt der am Montag veröffentlichten Studie über systematisches Doping in der Bundesrepublik Deutschland nicht sonderlich aufgeregt.

"Der Inhalt hat mich überhaupt nicht überrascht", sagte Ommer im Gespräch mit "WDR.de":

"Ich scheine aber der Einzige zu sein. Wie ich gelesen habe, wissen meine Ex-Kollegen von nichts. Im Moment ist ja noch vieles Spekulation. Aber sollte das Innenministerium den kompletten Bericht wirklich freigeben, dann wird die Bombe sicherlich erst richtig platzen."

Ommer hatte bereits 1977 Doping eingeräumt.

Für ihn habe damals "nur der Erfolg gezählt. Wenn man gehört hat, der Kollege nimmt fünf rote Pillen, dann hat man vorsichtshalber lieber sechs genommen. Ich habe auch gedopt, weil ich wusste, die sieben Läufer neben mir sind auch nicht clean. Es liegt in der menschlichen Natur, dass keiner hinterherlaufen will."

Vor den Europameisterschaften in Helsinki 1971 habe der in der Studie namentlich erwähnte Freiburger Sportmediziner Joseph Keul im Rahmen der Leichtathletik-Nationalmannschaft gesagt: 'Pass auf, wenn dann und dann Wettkampf ist, dann müsst ihr dann und dann die Anabolika absetzen'.

"Ich hab ja auch keinen Hörfehler", sagte Ommer: "Ich weiß noch, wer da saß und wer 1971 meine Mannschaftskameraden waren. Wenn die jetzt alle sagen, sie wissen nichts, ist das deren Thema."

Es habe damals eine regelrechte Doping-Beratung gegeben. "Ein Kugelstoßer hat ja etwas anderes gebraucht als ein Sprinter", sagte Ommer:

"Die Gedopten sollten ja nicht geschnappt werden. Ohne diese Beratungen wären die Athleten ja reihenweise aus dem Verkehr gezogen worden." Der "große Doping-Fahnder Manfred Donike" habe versucht, die Sünder zu überführen, habe aber im gleichen Gremium gesessen wie Keul, der den Athleten gesagt habe, 'pass auf, der Donike kann acht Wochen zurückverfolgen. Das heißt, du musst neun Wochen vorher absetzen, sonst schnappt er dich'.

Er habe, so Ommer, "damals schon gesagt, Professor Klümper war der größte Doper dieses Planeten. Freiburg war das Paradies für Athleten, wenn sie gesagt haben, Doc mach mich schneller, lass mich weiter springen, lass mich höher springen. Und jetzt sitzen einige da und sagen, an mir ist das alles spurlos vorbeigegangen."

Die Schwerkraftathleten hätten "nicht nur die Pillen, sondern auch die Packungsbeilagen mitgegessen. Der Kugelstoßer Ralf Reichenbach, der tot ist, hat am gleichen Tag wie ich in Rom die Silbermedaille gewonnen, der hat klipp und klar die Meinung vertreten, ich sterbe lieber zehn Jahre früher, wenn ich dafür Olympiasieger werde."

Man müsse nun endlich raus "aus diesem Irrglauben, Sport ist die Insel der Glückseligen", sagte Ommer. Er selbst schaue sich seit Jahren im Fernsehen Sprint-Wettkämpfe an:

"Wen sehe ich da: Sprinter aus Trinidad-Tobago oder Jamaika. Da muss ich lachen. Die beherrschen plötzlich den Weltsprint? Nee, bei denen haben einfach die Kontrollen nicht gegriffen. Ich habe vor 35 Jahren schon gesagt, das Thema Doping kriegt man nicht in den Griff."

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