Der ehemalige Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), Helmut Digel, hat dem deutschen Sport einen fahrlässigen Umgang mit der Dopingproblematik vorgeworfen.

"Der Präsident des Deutschen Olympischen Sports, Thomas Bach, sagt: Wir haben das Problem im Griff. Meine Sicht ist: Die Doping-Statistiken lassen keine ausreichende Schlussfolgerung über die Reichweite des Problems zu", sagte der Sportsoziologe im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Der Sport gaukelt der Öffentlichkeit vor, dass er das Problem im Griff hat."

Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), wehrt sich gegen den Vorwurf gegen Thomas Bach: "Dieses Zitat ist frei erfunden. Thomas Bach sagt stets das Gegenteil, dass der Kampf gegen Doping nie zuende sei, dass er nie endgültig gewonnen werden könne."

Digel sieht ungeachtet dessen Hinweise auf internationale Informationssysteme und Dealerstrukturen. Auch der Medikamentenschwarzmarkt habe ein enormes Ausmaß erreicht. "Die Zahl der Sportarten, in denen Dopingmissbrauch aufgedeckt wurde, steigt. Und wenn man kontrolliert, findet man immer nur das, was kontrollierbar ist", sagte Digel.

Im Kampf gegen Doping sieht Digel, seit Jahren Mitglied im Führungsteam des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, vor allem schwerwiegende strukturelle Defizite.

"Die gedopten Athleten sind verantwortlich für das, was sie getan haben. Aber den Sportler alleine an den Pranger zu stellen, das war der Sündenfall des Sports. Damit hat er versucht, sich zu entlasten", sagte der 68-Jährige: "Bis heute wurde kein Verbandspräsident, kein Sportdirektor, kein Verband sanktioniert und Trainer nur ausnahmsweise."

Als Beispiel nennt Digel den Fall der in den Dopingskandal um das ehemalige Radportteam Telekom verwickelten Freiburger Mediziner. "Da muss es doch Berufsverbote geben, zumindest zeitlich befristet. Aber die gibt es nicht", sagte Digel: "Ärzte, die Athleten Doping-Substanzen verabreicht haben, können ungehindert in Privatpraxen ihren Beruf ausüben."

Der langjährige Sportfunktionär räumt auch mit dem weit verbreiteten Eindruck auf, dass im Westen des geteilten Deutschlands nur vereinzelt gedopt worden sei. "Jeder Insider weiß, dass in der BRD in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren in einigen Sportarten nahezu flächendeckend gedopt wurde. Ich möchte auch nicht ausschließen, dass weiter gedopt wird."

Auch an diesen Aussagen stößt sich Michael Vesper. "Wir hätten uns sehr gefreut, wenn sich Herr Digel um das Forschungsprojekt 'Doping in Deutschland' beworben hätte. Wenn er so großes Wissen über die Zustände hat, ist es unverständlich, dass er das Projekt nicht übernommen hat. Dazu ist er sogar von Thomas Bach aufgefordert worden", erboste sich Vesper.

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