Robert Harting mit dem kleinen Mika (Quelle: facebook.com/DerHarting) © facebook

Der Kampf an vielen Fronten ermüdet Robert Harting. Bei SPORT1 spricht er über den Irrweg des Weltverbands und macht Vettel Mut.

Aus Baden-Baden berichtet Michael Spandern

Baden-Baden - Nicht auszudenken, wenn Robert Harting auch noch den deutschen Fußball aufwirbelt.

Die Visitenkarte des Präsidenten hat er jedenfalls seit Samstagabend.

Der erneute Sieger der Journalisten-Wahl zum Sportler des Jahres tuschelte in Baden-Baden kurz mit dem DFB-Obersten Wolfgang Niersbach und sagte danach zu SPORT1: "Hier und da wird sich bestimmt eine Gelegenheit ergeben, um sich wieder zu treffen im Interesse des Sports."

Das Interesse des Sports - darunter macht es ein Robert Harting nicht mehr. Der Ring ist nicht genug für den mittlerweile dreimaligen Weltmeister mit dem Diskus.

Meister der guten Story

Der Lizenzantrag für sein Großprojekt Sportlotterie, das die Sportförderug über das Hartz-IV-Level hieven soll, ist seit Dienstag eingereicht, harrt aber dem Gang durch die Instanzen.

So teilt Harting bei Twitter die Abgabe des Antrags mit:

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Sportler, so lebt es Harting vor, sollen sich zunächst mal selbst helfen. Der Berliner ist ja auch Meister der Selbstvermarktung, der Themensetzung, des Produzieren von Storys - eben erst wieder mit seiner Kritik an Bundespräsident Joachim Gauck wegen seines Sotschi-Boykotts.

Und einer nachgereichten Forderung an Kanzlerin Angela Merkel, an dessen Stelle zu den Winterspielen in Russland zu fahren.

"Öffentlichkeitsarbeit gehört dazu", erklärt er bei SPORT1: "Bei manchen Athleten gibt es da noch Verständnisprobleme oder Angst. Als Sportler kannst du auch viel erreichen, wenn du gute Geschichten erzählst."

Werben für die SMA-Forschung

Vielleicht seine beste ist die Freundschaft zum knapp dreijährigen Mika, der wegen der genetisch bedingten Muskelschwäche SMA (Spinale Muskelatrophie) im Rollstuhl sitzt.

Harting erfuhr vor rund einem Jahr im Fernsehen von dem kleinen Jungen mit der seltenen Krankheit, der genau wie seine Eltern in Burg im Spreewald lebt.

Kurz darauf besuchte er die Familie, seither rührt er die Trommel für sie, da Medikamente unvorstellbar teuer sind: "Da ist die Frage: Wie kann man eine Lobby für diese Forschung schaffen?"

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Mika bald auch bei Laureus?

Sein größter Trumpf in diesem Bestreben ist Mika selbst: "Mit seinem Gemüt zieht er viele Leute in seinen Bann, und das erleichtert es seinen Eltern enorm, für diese Sache zu kämpfen." (Post von Mika)

Auf Hartings Hinwirken durften Mika und seine Eltern mit ins Kurhaus von Baden-Baden, und nach seinem Wahlsieg erklärte der 1,98-Meter-Koloss den Kleinen gleich via Facebook mit zum Sieger.

Nicht das Letzte, das Harting für ihn tun möchte. Er versprach SPORT1, sich demnächst bei Gesprächen mit der Laureus-Stiftung dafür einzusetzen, dass Mika dort auch auf sich und seine Krankheit aufmerksam machen kann.

Eklat bei der WM 2009

Harting, der Weltverbesserer. Harting, der Freund der Benachteiligten. Das war nicht immer so. 2009 gab es heftigen Gegenwind, als er Dopingopfer beleidigt, die mit Pappbrillen gegen den fortgesetzten Missbrauch mit illegalen Substanzen protestierten.

"Wenn der Diskus auf dem Rasen aufspringt, soll er gleich gegen eine der Brillen springen, die die Dopingopfer hier verteilt haben", ätzte Harting damals. "Ich bin kein Mörder, ich will nur, dass sie wirklich nichts mehr sehen."

Kein Wunder, dass er nun viel Verständnis für Weltmeister Sebastian Vettel hat, der schon für einen weit weniger bedenklichen Spruch in Richtung der Konkurrenten reichlich Prügel bezog.

"Es gehört zum Leben eines Sportlers dazu, dass man nicht immer richtig liegt und den Nerv der Zeit trifft. Man ist auch nur ein Mensch", erläutert Harting bei SPORT1.

So bedankt sich Robert Harting bei Facebook:

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"Was nicht tötet, härtet ab"

Er hat gut reden. Schließlich hängte er den viermaligen Champion bei der Wahl erneut ab, sodass dieser schmollte: "Ich muss vielleicht auch anfangen, meinen Rennanzug auseinanderzureißen."

"Das fand ich lustig, das soll er mal machen", sagte Harting und schlug vor: "Wir können mal ein Trainingsvideo drehen."

Auch den Pfiffen, die Vettel im Ausland wegen seiner spannungstötenden Dominanz auf die Ohren bekam, gewann Harting etwas Gutes ab: "Er ist stark genug, um da durchzukommen", betonte er. "Alles was nicht tötet, härtet ab."

Müde von all den Aufregungen

Ganz so einfach ist es aber nicht. Er selbst hat seinem Wirken eine Frist bis 2018 gesetzt. Dann hört er unwiderruflich auf.

Nicht nur die Heim-EM in Berlin ist der Grund für die Deadline, wie er bei SPORT1 zugab: "Dann bin ich 34 und müde. Wenn man sich oft aufregt und für vieles kämpfen muss, wird man müde. Und dann bin ich froh, dass ich mich mit manchen Menschen nicht mehr herumschlagen muss."

Nachdem er sich lange am DOSB-Präsident Thomas Bach aufgerieben hatte und dessen Nachfolger Alfons Hörmann vieldeutig "ein schweres Erbe" attestiert hat, knöpft er sich nun den Leichtathletik-Weltverband vor.

5000-Meter-Läufe ohne Ablenkung

Die IAAF habe mit dem Beschluss, während der 5000-Meter-Läufe keine Springer oder Werfer antreten zu lassen, "einen anderen Weg, als die Welt sehen will" eingeschlagen.

"Man kann nur hoffen, dass sich immer mehr Athleten erheben und in den Boykott treten", zeterte Harting.

Überhaupt verfestige der Weltverband die alte Hackordnung Sprint vor Lauf vor Sprung und Wurf. Und so sieht er sich auf ewig im Schatten von Usain Bolt.

Harting fehlt in Monte Carlo

"Ich brauche nicht zu fragen, wer Leichtathlet des Jahres wird, weil es immer Usain Bolt wird, weil der wirtschaftlich zu wichtig ist für die Herren", sagte er voller Verbitterung.

Ronaldo lässt grüßen, der sich bei der Weltfußballer-Wahl ständig gegenüber Messi benachteiligt fühlt und mit einem Boykott der Gala im Januar kokettiert.

Harting ist da schon weiter als CR7, zeigte im November der Zeremonie in Monte Carlo die kalte Schulter. "Da brauche ich gar nicht hinzugehen. Da können sie mich einladen, so oft sie wollen."

Dafür freuen sie sich in Baden-Baden umso mehr, jährlich neue Geschichten von Harting zu hören.

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