Sebastian Bayer wurde 2012 Europameister © getty

Weitspringer Bayer reagiert bei SPORT1 auf Lehmanns Forderung nach einer Doping-Freigabe. Bayer warnt vor unabsehbaren Folgen.

Von Martin Hoffmann und Martina Farmbauer

München - Sebastian Bayer konnte sich nicht zurückhalten, als er die Worte von Jens Lehmann las.

"Daran sieht man mal das nie Moral der meisten Menschen sehr fragwürdig ist", twitterte der Weitsprung-Europameister an SPORT1 als Reaktion darauf, dass der ehemalige Fußball-Nationaltorwart eine Aufweichung des Dopingverbots zur Debatte stellte.

Diskussionswürdig fände Lehmann die Freigabe derzeit unerlaubter Mittel, wenn sie dem bloßen Heilungsprozess dienen - ähnlich wie zuvor Bernd Schuster (Bericht).

Im SPORT1-Interview erklärt Bayer ausführlich und in klaren Worten, was ihn an Lehmanns Vorstoß stört.

SPORT1: Herr Bayer, Jens Lehmanns jüngster Einwurf in die Doping-Debatte hat Sie offenbar auf die Palme gebracht. Warum?

Sebastian Bayer: "Auf die Palme" nicht, aber ich finde es schon bedenklich, dass sich ein solch verdienter Sportler so in diese Richtung äußert.

SPORT1: Lehmann will - ähnlich wie Bernd Schuster - unerlaubte Mittel erlauben, wenn sie dem Heilungsprozessprozess dienen, aber keine Langzeitwirkung haben. Was ist dagegen einzuwenden? Ein kranker Mann bekommt vom Arzt ja auch Mittel, die ein gesunder nicht nehmen darf?

Bayer: Dazu muss man wissen, dass Leistungssportler teils gängige Medikamente nicht nehmen dürfen, um zum Beispiel eine normale Grippe schneller zu kurieren. Das ist doch genau die Problematik: Wo fängt man an, Mittel abzugrenzen? Die Lösung bringt dieser Ansatz leider noch lange nicht! Und die Langzeitwirkung vor allem neuer Medikamente kann man aktuell ja auch nicht abschätzen.

SPORT1: Gibt es nicht einen moralischen Unterschied zwischen einem verletzten Sportler, der aus Angst um seine Existenz zu Mitteln greift, um wieder Anschluss zu finden und einem, der aus reiner Gier dopt?

Bayer: Nein, hier kann es keinen Unterschied in der Bewertung geben. Denn beides sind Formen von wissentlichem Betrug und moralisch daher verwerflich. Egal, ob dieser aus existenziellen Ängsten oder anderen Gründen herrührt. Versetzen Sie sich mal in die Lage der Athleten, die ihren Sport sauber ausführen, aber durch Dopingvergehen anderer Sportler leistungsmäßig, medial und am Ende auch finanziell immer das Nachsehen haben.

SPORT1: Mal angenommen, Lehmanns Idee setzt sich durch: Gibt es denn überhaupt die Möglichkeit, in der Praxis zwischen gutem und bösen Doping zu unterscheiden?

Bayer: Die Abgrenzung ist wie gesagt aus meiner Sicht fast nicht möglich. Viel entscheidender ist, die Leistungen richtig zu bewerten und zu analysieren. Die Selbstverständlichkeit und die Erwartungshaltung, eine Top-Leistung, vielleicht sogar einen Weltrekord zu erbringen, ist heutzutage bei jedem Wettkampf irgendwie vorhanden. Jeder, der aber selbst Sport macht, weiß, dass dies unter natürlichen Umständen nicht möglich ist.

SPORT1: Machen Sie Kollegen, bei denen herauskommt, dass sie dopen, aus Angst Ihre Lebensgrundlage zu verlieren, einen persönlichen Vorwurf? Oder sind nicht eher die Strukturen im Sport das Problem?

Bayer: Ich verurteile Doping und plädiere auch für viel härtere Strafen bei Sündern. Für mich ist das eine moralische Frage, die mit Werten zu tun hat. Und dazu gehört, dass man nicht betrügt.

SPORT1: Sind solche Debatten über ganze und teilweise Doping-Freigabe eine Kapitulation? Nach dem Motto: Doping wird es sowieso immer geben, versuchen wir also, es unter Kontrolle zu bringen?

Bayer: Man muss sich mal vorstellen, was eine Doping-Freigabe zur Folge hätte: Jeder Sportler würde doch zu Doping 'gezwungen', um überhaupt noch eine Selbstverwirklichung in Form von sportlicher Höchstleistung, Anerkennung und Ruhm zu finden. Das kann nicht der Willen und das Ideal der Gesellschaft und aller Beteiligten sein. Noch viel erschreckender sind doch die Spätfolgen, die in solchen Debatten aktuell gar keine Bedeutung finden.

SPORT1: Was passiert mit dem Sportler, wenn seine Karriere vorbei ist?

Bayer: Dann interessiert es keinen mehr, ob er gesundheitliche Probleme aufgrund von eingenommenen Dopingsubstanzen hat. Hier wird dem Menschen hinter dem Sportler viel zu wenig Bedeutung geschenkt. Ich bin der Meinung, dass speziell bei uns in der Leichtathletik mehr auf die Marke "Made in Germany" geachtet werden sollte. Ich glaube, dass wir zu den Vorreitern im Anti-Dopingkampf gehören!

SPORT1: Die Debatten sind Folge der inzwischen allseits bekannten - und hart kritisierten (News) - Dopingstudie. Haben Sie das Gefühl, dass diese etwas bewirkt hat? Wenn ja: was?

Bayer: Ja, dass während der Übertragung einer Leichtathletik-WM in fast jedem Nebensatz das Wort mit "D" auftaucht, irgendwelche Spezialisten ihre Bühne bekommen und dass man mittlerweile in diversen Artikeln auch die Medaillen der deutschen Athleten anzweifelt.

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